Nordrhein-Westfalen: Jung, rechts, gut vernetzt – die Radikalisierung dieser AfD in NRW
Eigentlich sollte seine Karriere bereits vorbei sein: Im Juli 2025 wird Matthias Helferich aus der AfD ausgeschlossen. Dreieinhalb Jahre lang hat er sich zuvor bereits fraktionslos durch den Bundestag geschlagen, weil selbst die AfD ihn nach diversen Extremismusskandalen nicht in den Reihen ihrer Bundestagsfraktion duldet. Doch Helferich, der sich in Chats einst als „das freundliche Gesicht des Nationalsozialismus“ bezeichnet hatte, gibt nicht auf. Inzwischen ist er wieder Teil der AfD-Fraktion, gegen seinen vom NRW-Landesverband angestrebten Parteiausschluss legte er zudem Einspruch ein. Das Urteil des Bundesschiedsgerichts steht noch aus.
Dass die Unterstützung für den Dortmunder Bundestagsabgeordneten mittlerweile wieder wächst, zeigt sich ebenso sieben Tage vor seinem erstinstanzlichen Parteiausschluss. In Düsseldorf nutzen Helferich-Freunde ihre Dominanz im Kreisverband, um endlich alle Helferich-Gegner aus dem Weg zu räumen. Kurzfristig verabschieden sie eine neue Liste für die Kommunalwahl, in der sie unter sich sind. Sie ignorieren Urteile des Landesschiedsgerichts und treten in neuer Formation an. Matthias Helferich, der eigentlich aus der AfD fliegen soll, ist in diesem Moment seinem Traum von landespolitischer Macht wieder einen Schritt nähergekommen.
Machtkampf mit dem „Anti-Höcke“
Dabei hatte es in Helferichs Heimatbundesland
Nordrhein-Westfalen mit Martin Vincentz eigentlich ein Mann an die Parteispitze
geschafft, der sich seriös und regierungstauglich gibt und bisweilen als „Anti-Höcke“
bezeichnet wird. Doch Vincentz‘ Landesverband versinkt zwischen gefälschten
Lebensläufen und gegenseitigen Vorwürfen von Bespitzelung und Drogenkonsum im
Chaos. Seitdem sind die radikalen Kräfte auf dem Vormarsch. „Vincentz‘ Position
erodiert“, sagt Oliver W. Lembcke, Politikprofessor an der Ruhr-Universität
Bochum. „Das hilft Helferich, dessen Programm die Zerstörung ist –
Selbstzerstörung inklusive.“
Sachfragen rücken in der nordrhein-westfälischen AfD zunehmend in
den Hintergrund; was zählt, ist primär die Frage nach der personellen
Vorliebe. „Helferich gegen den Landesverband, das ist die zentrale ideologische
Trennlinie“, sagt Dominik Schumacher von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus
im Regierungsbezirk Düsseldorf. Alte Radikale und neue Enttäuschte verbünden
sich in Helferichs Lager und setzen sich in Personalfragen nicht nur auf Kreis-,
sondern auch auf Bundesebene durch. Das zeigte sich zuletzt Ende November
beim Gründungstreffen der neuen AfD-Jugendorganisation Generation Deutschland
in Gießen: Zwei NRW-Nachwuchskräfte kandidierten dort für den Bundesvorstand,
mit Patrick Heinz gewann der Helferich-Getreue deutlich.
Die AfD ähnelt zunehmend dem rechtsextremen Vorfeld
Welche Agenda Heinz verfolgt, schildert er
wenige Tage nach seiner Wahl im Gespräch mit dem AfD-nahen Deutschland-Kurier.
Den Islam bezeichnet der frühere Vorsitzende der Jungen Alternative dort als „inkompatibel
mit der deutschen Seele“ und spricht davon, Männer würden so unterdrückt, dass
sie sich nicht mehr ihrer eigentlichen Aufgabe widmen könnten: das Volk zu
schützen. Von Spiegel TV lässt sich Heinz direkt gemeinsam mit seinem Förderer Helferich
interviewen. „Ich bin jemand, der morgens aufsteht, aus dem Fenster guckt und
sein eigenes Land nicht mehr wiedererkennt“, sagt Heinz dort.
Helferich und Heinz sind Teil eines wachsenden
Netzwerks innerhalb der nordrhein-westfälischen AfD, das in Ideologie und
Auftreten kaum von den Akteuren des rechtsextremen Vorfelds zu unterscheiden
ist. Das könnte auch damit zu tun haben, dass es mit diesen eng
zusammenarbeitet. So lud der radikale Teil der Düsseldorfer AfD am Tag nach der
Kommunalwahl in NRW den rechtsextremen Verleger Götz Kubitschek zu einem
Auftritt ein. Auf der Straße demonstrieren Parteifunktionäre wie Patrick Heinz zudem
gemeinsam mit Burschenschaftlern der Rhenania-Salingia, mit rechten und
verschwörungsideologischen Bloggern wie dem Kölner Miró Wolsfeld oder mit Reinhild
Boßdorf von der identitären Frauengruppe Lukreta.
Boßdorf schreibt auch für das Krefelder
Magazin Krautzone, das sich laut der Mobilen Beratung gegen
Rechtsextremismus als Plattform für die intellektuelle Vorfeldarbeit der Neuen Rechten etabliert
hat. In dem Magazin werden konservative und extreme Positionen in junger,
bunter Aufmachung miteinander verknüpft. „Die Krautzone ist ein Beispiel
für rechtslibertären Vorfeld-Lifestyle“, sagt Jan Rathje, der für das Center
für Monitoring, Analyse und Strategie (Cemas) zu Rechtsextremismus und
Verschwörungsideologien forscht. Zugleich sei das Magazin „sehr explizit in seinem
Rassismus und Ethnopluralismus“. Auch Helferich taucht immer wieder in Krautzone-Texten
auf, meist entweder als politisches Positivbeispiel oder als vermeintliches Opfer
einer Hetzkampagne.
Das Ziel: stärkste Kraft auch im Westen
Vorbild der Helferich-Getreuen in
Nordrhein-Westfalen ist der Osten Deutschlands, insbesondere die Landtagswahlen in Thüringen
2024. Damals schaffte es der AfD-Landesverband des Rechtsextremisten
Björn Höcke, stärkste Kraft zu werden. Mehr Radikalität soll nun auch im Westen
zu noch besseren Ergebnissen führen als den knapp 15 Prozent bei der NRW-Kommunalwahl
2025. Doch der Politikprofessor Oliver W. Lembcke prognostiziert: „Da machen
die Menschen in Nordrhein-Westfalen nicht mit.“ Die Idee der massenhaften „Remigration“,
die Helferich und Heinz propagieren, stoße hier auf deutlich mehr Widerstand.
„Helferich ist kein Erfolgskonzept für NRW“, sagt Lembcke.
Doch innerhalb der AfD eventuell schon. Dort
will Helferich sein großes Ziel im März erreichen, wenn ein neuer
Landesvorstand gewählt wird. „Für sich genommen wäre das Helferich-Lager
aufgrund seines Extremismus nicht besonders mehrheitsfähig“, sagt Politikwissenschaftler
Lembcke. Um die reine Lehre geht es im zerstrittenen NRW-Landesverband jedoch schon längst nicht mehr. Das interne Feinddenken könnte am Ende einem
Helferich-Getreuen zum Vorsitz verhelfen. Sollte es so weit kommen, wäre das der
Moment, in dem die AfD auch tief im Westen endgültig im Rechtsextremismus
angekommen ist.