Im Alter von 94 Jahren: Früherer Wirtschaftsminister Hans Friderichs gestorben

Eine geringe Wechselbereitschaft zwischen Politik und Wirtschaft ist oft ein Gegenstand zur Klage in Deutschland. Ein Beispiel hat vor fast einem halben Jahrhundert Hans Friderichs gegeben, als er sein Amt als Bundeswirtschaftsminister aufgab, um in der damals zweitgrößten deutschen Geschäftsbank, der Dresdner Bank, die Position des Vorstandssprechers zu übernehmen. Mit dem ihm eigenen Humor bezeichnete er sich damals als „teuersten Banklehrling aller Zeiten“. Seine politische Karriere hatte Friderichs in einer FDP absolviert, für die ein parteiinterner Wettbewerb um Ideen noch selbstverständlich gewesen war.
Der 1931 in Wittlich in der Eifel als Sohn eines Landarztes geborene Friederichs studierte erst Jura mit den beiden Staatsexamen und verfasste anschließend in Graz eine Doktorarbeit über ein volkswirtschaftliches Thema. Seine berufliche Laufbahn eröffnete er 1959 als Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer in Rheinhessen. Gleichzeitig begann er eine Karriere in der FDP, die ihn 1964 als Bundesgeschäftsführer nach Bonn führte. Ein Jahr später zog er in den Deutschen Bundestag ein, um 1969 als Staatssekretär im Ministerium für Landwirtschaft, Weinbau und Forsten nach Mainz zurückzukehren.
Natürliche Autorität und Ausstrahlung
Kurz nachdem der Liberale nach der Bundestagswahl 1972 Bundeswirtschaftsminister geworden war, porträtierte ihn Walter Henkels in der F.A.Z.: „Zur politischen Macht hat Friderichs keineswegs ein gestörtes Verhältnis. Er ist eine schmalwüchsige Erscheinung, und man kann an seinem Beispiel das Verhältnis von Kürze und Wirkung einer Rede beobachten. Sein noch etwas jungenhaftes Gesicht deutet man richtig: Die Butter vom Brot wird ihm niemand stehlen.“
Friderichs bewährte sich in Zeiten hoher Inflation und schwacher Wirtschaft; in der Ölkrise des Jahres 1973 trat er für die Sonntagsfahrverbote ein. Nach der Ermordung ihres Vorstandssprechers Jürgen Ponto bot die Dresdner Bank Friderichs die Rolle eines Sprechers ihres Vorstands an, die er gerne übernahm. Unter seiner Führung entwickelte sich die Bank nach 1977 gut. „Vor allem aber hat er im Vorstand der Dresdner Bank eine Arbeitsatmosphäre geschaffen, die diese Erfolge, von denen seine Nachfolger noch zehrten, erst ermöglichte“, schrieb Georg Giersberg in einem Rückblick in der F.A.Z. „Friderichs ist im Umgang angenehm und anspruchsvoll, eine elegant-bescheidene Persönlichkeit mit natürlicher Autorität und Ausstrahlung.“
Friderichs wurde freigesprochen
Im Jahr 1984 erreichte neben weiteren Politikern auch ihn eine alte Parteispendenaffäre, die Friderichs im Februar 1985 zum Rückzug zwang. Zwei Jahre später wurde er vom Vorwurf der Bestechung und der Bestechlichkeit freigesprochen; fällig wurde allerdings eine Geldzahlung wegen Steuerhinterziehung. Die Vorwürfe trafen den Mittfünfziger, dessen Karriere damals einen Knick erlebte, schwer. „Schattenseiten gehören zum Leben“, sagte er knapp.
Friderichs nächste Karriere bestand aus der Wahrnehmung zahlreicher Aufsichts- und Verwaltungsratsmandate. Er war unter anderem Aufsichtsratsvorsitzender der Postbank, von Elf Oil Deutschland und der Sektkellerei Christian Adalbert Kupferberg. Auch in Beteiligungen des Schweizer Unternehmers Stefan Schmidheiny nahm er Mandate wahr. „Als aktiver Vorstand muss man sich bei seinen Aufsichtsratsmandaten oft auf Papier verlassen“, bemerkte er in einem Gespräch mit der F.A.Z. „Ich habe jedoch Zeit, mich um die Menschen zu kümmern.“
In den vergangenen Jahren wurde es ruhiger um ihn, aber noch immer kümmerte er sich um seinen Wald in Wittlich. Am vergangenen Sonntag ist Hans Friderichs im Alter von 94 Jahren gestorben.