Tessa Hofmann | Tessa Hofmann: Die Frau, die Deutschland dies Erinnern lehrte

Tessa Hofmann hat sich jahrelang dafür engagiert, dass Deutschland den Völkermord an den Armeniern anerkennt. Nun wurde der Genozidforscherin das Bundesverdienstkreuz an die Brust geheftet. Wie guckt sie auf das Grauen in Gaza? Ein Porträt


Die Genozidforscherin und Menschenrechtlerin Tessa Hofmann erhält im Alter von 75 Jahren die höchste Auszeichnung der Bundesrepublik: das Bundesverdienstkreuz

Foto: Wolfgang Borrs


Sie spricht aus, was andere nicht hören wollen. Sie geht auf die Straße, wenn andere sich nicht trauen. Sie kämpft gegen Unwissenheit, Bequemlichkeit oder bewusste Verdrängung. Und das seit mehr als fünf Jahrzehnten. Jetzt ist der Moment gekommen, ihre mutige und ausdauernde Arbeit anzuerkennen. Die Genozidforscherin und Menschenrechtlerin Tessa Hofmann erhält im Alter von 75 Jahren die höchste Auszeichnung der Bundesrepublik. In einem feierlichen Akt wurde ihr am 20. Oktober 2025 in einem Saal in Berlin-Friedenau das Bundesverdienstkreuz an die Brust geheftet. Die Entscheidung dazu hatte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bereits im Juni getroffen. Nun war es so weit. Doch wer ist die Frau, die so vielen Menschen Hoffnung macht?

Tessa Hofmanns jahrelanges Engagement hat entscheidend dazu beigetragen, dass Deutschland den Völkermord an den Armenier:innen sowie an anderen christlichen Minderheiten im Osmanischen Reich 1915 offiziell anerkannt hat. Deshalb sind am 20. Oktober über 50 Menschen zusammengekommen, um ihrer Ikone zu applaudieren. Es sind ihre ehemaligen armenischen Student:innen am Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin, die den kritischen Blick Tessa Hofmanns bewahrt haben, wenn sie sich durch die Dokumente der Grausamkeit und des Unrechts in der Bibliothek arbeiten. Sie folgten mit wissenschaftlicher Akribie dem von Hofmann vorgegebenen Pfad – auch ein armenischer Übersetzer, ein Theologe und ein Musiker. Denn Hofmann ist den Spuren des Genozids auch in der armenischen Lyrik, in Volksliedern und in alten Manuskripten gefolgt.

Ein Priester der griechisch-orthodoxen Kirche erhebt sich – begleitet von Dutzenden Anhängern seiner Kirche. Zahlreich sind auch die Vertreter:innen der syrisch-aramäischen Gemeinden, die in Berlin mitfeiern. Im Jahr 2000 reichte Hofmann im Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages eine von 13.000 Menschen – darunter viele Kurd:innen und Türk:innen – unterzeichnete Bittschrift zur „Anerkennung“ der türkisch-osmanischen Verbrechen als Genozid an den Armenier:innen und anderen christlichen Bevölkerungen ein. 16 Jahre später, also 101 Jahre nach dem Ereignis, verabschiedete der Bundestag eine zweite Resolution, die endlich den bis dahin vermiedenen völkerrechtlichen Begriff „Genozid“ enthielt.

In den Schulen ist vom Genozid nicht die Rede

In ihrer Dankesrede sagt Hofmann: „Die Erinnerung an erlittenes Unrecht, an Demütigungen, Diskriminierungen und oft unaussprechliche Grausamkeiten gehört zum individuellen wie kollektiven Gepäck von Migrant:innen, namentlich Vertriebenen und Flüchtlingen. Diese Last wird nicht an Landesgrenzen abgelegt, sondern bleibt auch nach der Auswanderung lebenslänglich eine Last und eine Verpflichtung.“ Daher sieht sie die Auszeichnung in erster Linie „als Würdigung der Anliegen von zahlreichen Nachfahren von Genozid-Überlebenden in Deutschland“. Besonders betont Hofmann in ihrer Rede, dass in deutschen Schulen mehr über Genozide gelehrt werden müsse, um Verbrechen dieser Art zu verhindern.

Ein bildungspolitisches Versäumnis besteht ihr zufolge darin, dass die Unterrichtung des Themas Genozid nicht vorschreibt, als Beispiele jene Völkermordfälle zu wählen, an denen Deutschland allein oder teilweise Schuld trägt – wie den Genozid im Ersten Weltkrieg als militärischer Bündnispartner des Osmanischen Reiches. Ihr neues didaktisches Buch Der Genozid an den indigenen Christen des Osmanischen Reiches – mit Unterrichtsmaterialien wie Karten und Zeitzeugenaussagen – soll Lehrkräften und Schüler:innen dabei helfen, sich mit diesem historischen Thema auseinanderzusetzen – für heute und morgen. „Bei der rechtlichen Bewertung eines Genozidverdachts geht es stets um den Nachweis von Vernichtungsabsichten“, sagt Hofmann. „Von Gedanken zu Worten und weiter zu Taten ist es jeweils nur ein kurzer Schritt.“

Diese Feststellung hat bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren. Die Geschichte zeigt immer wieder, wie gefährlich es ist, Hassnarrative – seien sie religiös, ethnisch oder politisch motiviert – zuzulassen. „Auch heute lassen sich ähnliche Dynamiken beobachten, etwa in Gaza, wo gezielte Entmenschlichung, Kriegsverbrechen und kollektive Bestrafung Fragen nach völkerrechtlicher Verantwortung und möglicherweise sogar nach Genozid aufwerfen.“

Tessa Hofmann wurde für ihr langjähriges zivilgesellschaftliches Engagement geehrt. Seit mittlerweile 46 Jahren engagiert sie sich ehrenamtlich bei der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) für den Schutz von Minderheiten weltweit. Das löst Applaus aus bei den vielen Unterstützer:innen, die zur Zeremonie gekommen sind. Es ist ein Applaus all jener, die sich über Jahre müde, enttäuscht und von der Politik ignoriert fühlten – und die in Hofmanns beharrlicher Solidarität neue Hoffnung gefunden haben. Und so sagt sie zum Schluss: „Ich verspreche meinerseits, dass ich die Arbeit gegen das Vergessen oder die Verharmlosung von historischem Völkermord und vor allem gegen die aktuelle Ausübung eines Genozids weiterhin fortsetzen werde, solange ich meinen Kopf auf den Schultern trage.“