Zwischen Journalismus und Widerstand: Das Doppelleben welcher Ilse Stöbe
Als Adolf Hitler 1938 die „Sudeten-Frage“ in der Tschechoslowakei zum Kriegsgrund hochspielt, wächst in Europa das Interesse an Minderheiten. Im August erscheint in der Schweizer Thurgauer Zeitung eine Artikelserie über Minoritäten in Polen, aus denen sich dort gut ein Drittel der Bevölkerung rekrutiert. Gezeichnet ist sie mit I.S. – dem Kürzel für Ilse Stöbe (1910 – 1942), die sich in Warschau als Kulturobfrau für Angehörige des deutschen Botschaftspersonals ihren Lebensunterhalt verdient.
Zunächst beschäftigt sich die Autorin mit der deutschen Minderheit in Polen. Da sie in wirtschaftlich hoch entwickelten Gebieten lebe, sei sie „für den polnischen Staat besonders wichtig“. Der habe seit seiner Gründung 1918 nichts „unversucht gelassen“, Mitglieder dieser Gemeinschaft aus ökonomisch wichtigen Positionen zu drängen. Stöbe bezieht sich u.a. auf die Gazeta Polska und deren Hinweis, dass der Anteil deutschen Kapitals in der oberschlesischen Industrie mittlerweile „von 100 auf 40 Prozent gesunken“ sei.
Diese Tendenz war durch eine Intervention des Völkerbunds gebremst und durch ein Anfang 1936 geschlossenes deutsch-polnisches Abkommen begrenzt worden. Man einigte sich auf den gegenseitigen Schutz der Minderheiten. Ilse Stöbe schrieb in der Thurgauer Zeitung, weil die deutsche Minderheit politisch gespalten sei – „in einen konservativen und einen nationalsozialistischen Flügel“, der aber nicht die gleiche Schlagkraft wie die Henlein-Bewegung in der Tschechoslowakei habe –, seien die Deutschen momentan noch keine Gefahr für den polnischen Staat. Freilich würde wohl „eine einzige Anweisung aus Berlin genügen“, um das zu ändern.
Ein weiterer Artikel Stöbes behandelt die heutige Westukraine, die wegen einer Mehrheit von Ukrainern, Russen, Weißrussen und ihnen nahestehenden Sprachgemeinschaften nach dem Ersten Weltkrieg von den Siegermächten nicht Polen, sondern Sowjetrussland zugesprochen wurde. Dort hätte 1918 „nur eine verschwindend geringe Anzahl Polen, vornehmlich Großgrundbesitzer,“ gelebt. Der polnische Staat habe das Gebiet jedoch „als sein historisches Erbe und seinen Schutzwall gegen den Bolschewismus“ betrachtet.
Die ukrainische Minderheit in Polen
Aber die „Freiheitssehnsucht der Ukrainer, geweckt vor allem durch Woodrow Wilsons (damals US-Präsident) Botschaft über das Selbstbestimmungsrecht der Völker sowie durch die soziale und nationale Revolution in Russland“, sei nicht geringer als die der Polen gewesen. Erst nach dem Krieg 1919/20 mit der erschöpften Roten Armee konnte sich Polen die Westukraine angliedern. Warschau habe sich jedoch zu keiner Integration der Ukrainer entschlossen, sondern lediglich versucht, sie „zu polonisieren“.
Es gäbe „in Europa keine Minderheit, die gleichzeitig so groß wäre und so geringe Rechte besitzt wie die ukrainische Minderheit in Polen“, schrieb Stöbe. Man habe kaum ukrainische Schulen, „die Errichtung einer von den Ukrainern ersehnten Universität wird nach wie vor abgelehnt“. Auch versuche man, die griechisch-katholischen Ostgalizier in Polens römisch-katholische Staatskirche zu zwingen. Um überhaupt wirtschaften zu können, habe die arme Bevölkerung nur das Recht, sich in Genossenschaften zusammenzuschließen. Nach Auffassung des polnischen Staates gäbe es gar keine Ukrainer, sondern nur eine „Vielzahl von Stämmen“.
Der ohne Ausbildung bleibenden Jugend sei die Arbeit in der Industrie und als Beamte versperrt. Die Ukrainische Nationaldemokratische Partei versuche vergeblich, der Regierung in Warschau für minimale Zugeständnisse „die Loyalität der ukrainischen Bevölkerung zu garantieren“. Seit 1938 fordert die Partei, die Westukraine als „gesonderte nationale Persönlichkeit (…) als staatsrechtliches Subjekt“ anzuerkennen. Für den polnischen Staat, der die deutsche Politik gegen die Tschechoslowakei mit allen Mitteln unterstützte, sei das ein Schock gewesen, beobachtet Stöbe.
„Eine terroristische Gruppe“ von Ukrainern sei für Mordanschläge, den Raub behördlicher Kassen und gegen Polen gerichtete Brandstiftungen verantwortlich. Stöbe: „Erinnert sei an die Ermordung des Innenministers Bronisław Pieracki im Jahre 1934.“ Die polnische Regierung lasse „einzelne Orte oder ganze Gebiete durch Militär oder Gendarmerien ‚befrieden‘, ein Ausdruck, der aus der blutigen Kolonialgeschichte (…) hinlänglich bekannt ist“. Den ukrainischen Nationalisten Stepan Bandera (1909 – 1959), der in das Attentat auf Pieracki verwickelt war und im Gefängnis saß, erwähnt sie nicht.
Bericht über die Gefahren für die jüdische Minderheit
Ilse Stöbes dritter, der jüdischen Minderheit gewidmeter Artikel in der Thurgauer Zeitung hebt hervor, dass die polnischen Juden im Bund mit Staatsgründer Józef Piłsudski (1867 – 1935) eine aktive Rolle im Kampf gegen den Zarismus gespielt und große Hoffnungen in einen neuen demokratischen Staat gesetzt hätten. Juden seien in den obersten Rängen der Armee vertreten, einige Staatsbeamte hätten jüdische Ehefrauen. Die große Mehrheit der Juden aber lebe in unsagbarem Elend.
Von etwa 3,5 Millionen seien nur eine Million erwerbstätig, die anderen fristeten „als ‚Luftmenschen‘ ein erbärmliches Dasein, als Verkäufer von zwei Knollen Knoblauch am Tag oder als Reiseführer von Straße zu Straße“. Die unter Piłsudski geweckten Erwartungen hätten einem rasant wachsenden Antisemitismus der Behörden und der Bevölkerung Platz gemacht. Planmäßig würden Juden aus Verwaltung und Wirtschaft verdrängt, und es komme zu Pogromen. Polens nationalistische Rechte, die „einen zersetzenden Einfluss der Juden auf die polnische Seele“ unterstelle, habe „verschiedene Programme zur Judenaustreibung“.
Den Plan einer organisierten Emigration habe die Regierung dem Völkerbund in Genf vorgelegt. Anders als die Partei von Edvard Beneš in Prag habe die von Piłsudski „den Anschluss an die eigene nationalrevolutionäre Bewegung“ verloren. Da die ungelösten Minderheitenprobleme im „Grenzgürtel des Landes liegen“, befand Inge Stöbe, „begreift man die Gefahren, die Polen entstehen können“. In der Tat – noch vor Ablauf eines Jahres besetzte Hitler den größten Teil des Landes, Stalin übernahm die Westukraine.
Die Artikelserie stellt ein meisterhaftes Stück Journalismus dar, weil Stöbe die Instabilität des jungen, eben aus kolonialer Abhängigkeit entlassenen polnischen Staates beschrieb. Sie verwies auf die ungelösten Minderheiten- und Klassenprobleme. Vermutlich wurde die Autorin bei ihren Analysen durch den ihr nahestehenden Rudolf Herrnstadt (1903 – 1966) unterstützt, seit 1929 Osteuropakorrespondent des Berliner Tageblatts. Beide hatten sich in der Redaktion kennengelernt, wo Stöbe als Privatsekretärin von Chefredakteur Theodor Wolff arbeitete.
Ende 1933 folgte Ilse Stöbe Herrnstadt nach Warschau
Die liberale Zeitung genoss wegen ihrer gründlichen Recherchen und eines sachlichen Stils über Deutschland hinaus ein großes Renommee. Das sollte möglichst erhalten bleiben, nachdem Wolff wegen seiner jüdischen Herkunft ins Exil gezwungen wurde und Paul Scheffer die Chefredaktion übernahm. Der bemühte sich, den Juden Herrnstadt als geschätzten Korrespondenten so lange wie möglich auf seinem Posten zu halten, was bis in das Jahr 1936 hinein gelang. Dabei war bekannt, dass Herrnstadt kommunistische Sympathien pflegte.
Nicht bekannt war, dass er und Stöbe seit 1931 für den sowjetischen Militärnachrichtendienst GRU arbeiteten. Daraus entstand die groteske Situation, dass Herrnstadt während des 1933 angestrengten Reichstagsbrandprozesses gegen den bulgarischen Kommunisten Georgi Dimitroff mit anderen deutschen Korrespondenten aus Moskau ausgewiesen und auf dem Tempelhofer Flughafen als „tapferer deutscher Held“ gefeiert wurde.
Ende 1933 folgte Ilse Stöbe Herrnstadt nach Warschau. Wie dieser und ihr Förderer Theodor Wolff entwickelte sie ein journalistisches Ethos, das ganz dem Völkerrecht verpflichtet war. Weil sie keine ausreichende journalistische Praxis vorweisen konnte, wurde ihr die Aufnahme in den Reichsverband der deutschen Presse lange verwehrt. Sie konnte deshalb nur im Ausland publizieren.
Zu Kriegsbeginn wurde Stöbe evakukuiert
Ihre Texte wurden vom deutschen Presseattaché in Polen evaluiert und „im deutschen Sinne für durchaus erwünscht“ erklärt. Die sachliche Sprache wurde im deutsch-völkischen Sinne ausgelegt. Bei alldem musste Stöbe einkalkulieren, dass ihre Artikel auch in Moskau geprüft wurden. Mit Gewinn lesen sie sich noch heute, weil sie modernes Recht zum Maßstab nahmen und propagandistische Attitüden vermieden.
Zu Kriegsbeginn im September 1939 wurde Stöbe mit dem Botschaftspersonal evakuiert. Von ihrer neuen Arbeitsstelle im Auswärtigen Amt vermittelte sie Erkenntnisse über Angriffspläne gegen die Sowjetunion an deren Botschaft in Berlin. Sie starb 1942 unter dem Fallbeil in Berlin-Plötzensee. Herrnstadt floh nach Moskau.
Nach dem Krieg leitete er zunächst die Zeitung Neues Deutschland. Da er vor dem 17. Juni 1953 Positionen der Arbeiter zu verteidigen suchte, fiel er in Ungnade und fristete den Rest seines Lebens als Mitarbeiter des Zentralarchivs der DDR in Merseburg.