Zweites Deutsches Fernsehen-Intendant Himmler: „Die Lage ist seriös“

Spannend war die Intendantenwahl im Fernsehrat des ZDF am Freitag nicht. Wie sollte sie auch? Mit dem Amtsinhaber Norbert Himmler gab es nur einen Kandidaten, und so sollte es nur die Frage sein, wie überzeugend das Votum des Aufsichtsgremiums des ZDF für ihn ausfiele. Sehr überzeugend fiel es aus. Für Himmler stimmten im ersten Wahlgang 48 von 53 anwesenden Fernsehräten, drei votierten gegen ihn, zwei enthielten sich. „Ich bedanke mich für das Vertrauen“, sagte der Intendant und nahm die Wahl an. Seine zweite Amtszeit beginnt im kommenden Jahr und währt bis 2031.

Dass Himmler den Fernsehrat trotz der Fehler-Krise, die sein Sender seit Monaten produziert, hinter sich hat, zeichnete sich schon in der vorhergehenden Generaldebatte über den KI-Fake im „heute journal“ ab. In der sagten er und die Chefredakteurin Bettina Schausten ohne Wenn und Aber, dass es hier um einen schwerwiegenden Fehler gehe. Ein „sehr, sehr schwerer Fall“, sagte Schausten. Dass die New-York-Korrespondentin Nicola Albrecht von ihrem Posten abberufen wurde, sei ein „harter, aber meiner Meinung nach an dieser Stelle sehr notwendiger Schritt“ gewesen, meinte Himmler. Glaubwürdigkeit, postulierten die beiden unisono, sei das höchste Gut des ZDF, und das gelte es zu bewahren.

Die hingerissene BaWü-Berichterstatterin kommt von der ARD

Daher ging Schausten auch die anderen Dinge durch, mit denen das ZDF zuletzt auffiel. Bei der Grafik zur Sitzverteilung im baden-württembergischen Landtag sei der Anteil der AfD zu klein erschienen, weil jemand das Grafik-Programm falsch bedient habe, den Fehler habe man korrigiert. Den Hinweis einer Fernsehrätin, dass es seltsam war, am Wahlabend zu sagen, die CDU hätte mit der AfD eine rechnerische Mehrheit, dabei aber zu unterschlagen, dass das auch für die Addition von Grünen und AfD gälte, ließ sich Schausten auch gefallen: Wenn man schon rechnet, dann vollständig, oder man lässt es weg. Die mitjubelnde Korrespondentin Laura Cloppenburg, die beim Auftritt Cem Özdemirs vor seinen Anhängern am Wahlabend in Ekstase geriet („Er wird gefeiert wie ein Superstar“, „Es fehlt nur noch, dass sie ihn auf die Arme nehmen“), musste sich Schausten derweil nicht vorhalten lassen – die Kollegin arbeitet nämlich für die ARD.

So inszenierten Himmler und Schausten ein großes „Mea Culpa“ und gelobten Besserung – ein Fünfpunkteplan soll den Redaktionen in puncto KI auf die Sprünge helfen, Hinweise von außen sollen schneller und besser aufgenommen, Fehler schneller erkannt, behoben und transparent gemacht werden.

Applaus: Die Vorsitzende des ZDF-Fernsehrats, Gerda Hasselfeldt, Nobert Himmler und die ZDF-Programmdirektorin Karin Brieden (v.l.)
Applaus: Die Vorsitzende des ZDF-Fernsehrats, Gerda Hasselfeldt, Nobert Himmler und die ZDF-Programmdirektorin Karin Brieden (v.l.)ZDF/Torsten Silz

Das überzeugte die Fernsehräte, wobei es am Leiter der Staatskanzlei in Düsseldorf und Medienminister Nathanael Liminski (CDU) war, darauf hinzuweisen, dass man nicht nur von einem handwerklichen „Fehler“ sprechen könne. KI-Bilder im Netz, die in einem Nachrichtenbeitrag unzulässig sind, müsse man suchen, finden und einsetzen wollen, sagte Liminski und berührte einen Punkt, zu dem er noch einmal deutlich wurde, als es so schien, als habe die Fernsehrätin Katrin Kroemer vom Deutschen Journalisten-Verband den „Fehler“ der Korrespondentin Albrecht bei ihrem Beitrag über die US-Einwanderungspolizei ICE relativieren wollen: Es dürfe nicht der Eindruck entstehen, sagte Liminski, beim „heute journal“ sei es normal, „für eine Botschaft die entsprechenden Bilder zu suchen“. Dem stimmte die Fernsehrätin Kroemer unumwunden zu.

Anders hatte es bekanntlich der USA-Korrespondent Elmar Theveßen in der großen internen Mitarbeiter-Schalte mit mehr als 1000 Teilnehmern gehalten, die nach außen drang. Da klang er so, als zähle in erster Linie die Botschaft (in diesem Fall Kritik an der Einwanderungspolizei ICE), während das journalistische Handwerk an zweiter Stelle stehe. Das ZDF, sagte Intendant Himmler, habe keine Botschaften zu verbreiten, sondern unvoreingenommen und akkurat zu berichten, was ist.

„Wir erleben eine mediale Zeitenwende“

Seine Bewerbungsrede vor der Wahl gestaltete Himmler recht pathetisch und salbungsvoll. Wir erlebten eine „mediale Zeitenwende“, sagte er, in der Quellen unsicherer werden, Algorithmen polarisierende Beiträge in den Vordergrund spielen und Plattformkonzerne keine Verantwortung übernehmen und keine Fehler korrigieren. Der „Common Ground für demokratisches Miteinander fehlt immer mehr“, sagte Himmler. „Die Lage ist ernst.“

Dem steuere das ZDF entgegen, indem sich noch mehr um die Akzeptanz der Bürger bemüht, die Präsenz vor Ort ausgebaut und mehr Programm für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene produziert werde. „Wir bieten vielfältige Perspektiven und berichten unvoreingenommen“, sagte Himmler. Für „Zeiten wie diese“, habe ein Mitarbeiter kürzlich bei einer Personalversammlung gesagt, sei das ZDF gegründet worden. Dafür habe der Kollege lang anhaltenden Applaus erhalten. Dem schließe er sich an. „Der Erfolg des ZDF“, so Himmlers Überzeugung, „kann einen Unterschied machen für die Menschen in Deutschland, für unsere Gesellschaft und die Demokratie.“

Der Applaus, den Himmler für seine Rede erhielt, war nicht überwältigend, aber sehr freundlich. Und das war er auch, als sein Wahlergebnis bekannt gegeben wurde. Bis 2031 kann Himmler, der 1997 im ZDF anfing, sich Stufe um Stufe nach oben arbeitete und bei seiner ersten Wahl im Sommer 2021 erst im dritten Wahlgang ins Ziel kam, als Intendant weiter daran arbeiten, dass sein Sender den „Unterschied“ macht.

Source: faz.net