Zweite Runde welcher Kommunalwahl: Gewinnt Le Pens Partei in Marseille?
Bei der zweiten Runde der Kommunalwahlen in Frankreich könnte der rechtsnationale Rassemblement National Marseille erobern. Mit weitreichenden Folgen nicht nur für die Stadt, sondern vielleicht sogar für das Land.
Marseille in der Frühlingssonne. Durch die Hauptstraße im Stadtzentrum, die Canebière, hasten Geschäftsleute, flanieren Touristen. Zwei verschleierte junge Frauen in hellen Gewändern düsen im Doppelpack auf einem E-Roller Richtung Hafen. Familien mit Kindern betteln Passanten an.
Die Stadt ist an diesem Tag kurz vor der Kommunalwahl eigentlich wie immer: wild und laut, mitreißend. Doch schon bald könnte nichts mehr sein, wie es war. Franck Allisio vom rechtsnationalen Rassemblement National (RN) hat gute Chancen, an diesem Sonntag das Rathaus zu erobern.
Es wehe „ein Hauch von Wandel und Hoffnung über die Stadt“, erklärte er nach der ersten Wahlrunde am vergangenen Sonntag, umringt von seinen Mitstreitern: „Unser Projekt Ordnung für Marseille, um die Marseiller glücklich zu machen, hat in der ganzen Stadt Zustimmung erfahren.“
Franck Allisio könnte Bürgermeister von Marseille werden. Für seine Partei wäre das ein Erfolg, der weit über die Stadt hinauswirken würde.
Politisches Erdbeben
Rund 35 Prozent der Stimmen hat Allisio in der ersten Runde errungen und liegt damit nur rund anderthalb Prozentpunkte hinter dem regierenden Bürgermeister der gemäßigten Linken, dem ehemaligen Sozialisten Benoit Payan. Das kam einem politischen Erdbeben gleich. Könnte Marseille, die Einwandererstadt am Mittelmeer, tatsächlich bald von den Rechtsnationalen regiert werden?
Ja, sagen viele Marseiller, wie etwa Anne-Sophie. „Ich hab in der erste Runde den RN gewählt, weil ich einfach die Schnauze voll habe. Wir haben die Schnauze voll von all den Ausländern, wir erkennen unsere Stadt nicht wieder.“
Die junge Frau, Mitte 30, blondes Haar, pinker Pulli aus feiner Wolle, beobachtet, wie ihre Tochter auf einem rosa Laufrad über den friedlichen kleinen Kirchplatz im gehobenen 9. Arrondissement kurvt. Der RN sei einfach am kompetentesten, ist sie überzeugt.
Auch Max am Tisch im Café gegenüber ist dieser Ansicht. Der Mann Ende 60 legt seine Regionalzeitung La Provence zur Seite und erklärt, aus seiner Sicht sei der Rassemblement National „die einzige Hoffnung“. „Wenn ich enttäuscht werden sollte, kehre ich zu meiner ersten Liebe, den Konservativen, zurück, aber heute setze ich meine ganze Hoffnung in den RN.“
Die Drogenmafia, das beherrschende Thema
Vor allem der Krieg der Drogenbanden macht den Einwohnern Marseilles zu schaffen. Die Auseinandersetzungen werden immer blutiger. Seit 2020 wird Frankreich mit Kokain aus Südamerika regelrecht geflutet.
Zudem hat die Regierung unter Präsident Emmanuel Macron verstärkt auf Razzien gesetzt. Das facht die Verteilungskämpfe um Kokain und Cannabis zusätzlich an. Dabei kommen immer wieder auch Unschuldige zu Tode.
Einer, der das leidvoll erfahren hat, ist Amine Kessaci, der heute in die Wahlkampfzentrale des gemäßigten linken Bündnisses, Marseiller Frühling, gekommen ist, um Bürgermeister Payan zu unterstützen. Kessaci hat zwei seiner Brüder in den Drogenkriegen verloren. Der eine dealte selbst. Der andere, Mehdi, ein angehender Polizist, wurde kaltblütig erschossen; mutmaßlich als Warnung an seinen politisch aktiven Bruder.
Der hünenhafte Kessaci mit dem jugendlichen Gesicht warnt vor der Machtübernahme durch die Rechtsnationalen. Er befürchtet, dass der Rassemblement National, sobald er einmal an der Macht ist, die Bewohner der Brennpunkt-Viertel einfach vergessen würde.
RN-Spitzenkandidat Allisio habe doch die Haltung, vermutet Kessaci: „Bringt euch ruhig gegenseitig um. Das ist nicht unser Problem.“ Dabei brauche Marseille keine Spaltung angesichts der gravierenden Sicherheitsfragen. Im Gegenteil, es müsse darum gehen, zu „befrieden, zu reparieren, zu schützen“.
Strand-Pass gegen störende Jugendliche
Kessaci spielt damit auch auf Allisios Wahlkampfversprechen an, einen Strand-Pass für Senioren, Familien und Kinder einzuführen. Mit diesem „pass-plages“ will er laute, dreiste Jugendliche, die immer wieder am Strand klauten oder Drogen konsumierten, fernhalten.
Auf Nachfrage nannte er seinen Pass „Anti-Gesindel-Pass“ und erklärte dann, er wolle am Strand verschiedene Zonen oder Zeitfenster einrichten. Das würde wohl auch und vor allem die „Plage des Catalans“, den kleinen Stadtstrand unweit des Hafens, betreffen.
In diesem lebendigen Hafenviertel sitzt am Abend die 34-jährige Nasrine mit ihren Kolleginnen zu einem Apéro, einem Feierabendbier, auf der Terrasse der Bar Unic. Die Englischlehrerin unterrichtet viele Schüler und Schülerinnen aus zugewanderten Familien.
Sie befürchtet, dass sich mit dem RN im Rathaus, ganz abgesehen von manchen neuen kommunalen Regeln, vor allem die Atmosphäre ändern würde. „Der Sieg einer offen rassistischen Partei wäre ein echter Schlag für die Stadt, für die Menschen mit und ohne Migrationshintergrund und natürlich auch für unsere Jugendlichen in der Schule“, sagt Nasrine.
Wahl von nationaler Tragweite
So sehr die Marseiller um den richtigen Weg für ihre Stadt streiten: Bei dieser Wahl geht es nicht nur um die Zukunft der von Einwanderung geprägten Mittelmeermetropole.
Wenn es dem Rassemblement National gelänge, in einer derart großen, historisch bedeutenden Stadt das Rathaus zu erobern, bekäme die Partei Marine Le Pens eine wertvolle Bühne, auf der sie sich auch für Präsidentschaftswahlen im kommenden Jahr in Szene setzen könnte.
Die Bürgermeisterwahl in Marseille könne zu einer Art „Aha-Erlebnis“ werden: „Wenn es der RN in Marseille schafft, ist alles möglich. Sogar das Schlimmste. Sogar die Präsidentschaftswahlen“, sorgt sich Nasrine.
Genau darauf aber hoffen Anne-Sophie und Max auf dem Kirchplatz am anderen Ende der Stadtn. Darauf, dass der Rassemblement National erst ins Rathaus von Marseille einzieht und nächstes Jahr in den Elysée-Palast in Paris.
Source: tagesschau.de
