Zur Leipziger Buchmesse: Die wichtigsten Sachbücher des Frühjahrs

Die unersättliche Jagd nach dem falschen Spiegelbild

Der Philosoph Thomas Arnold und der Psychiater Thomas Fuchs zeigen: Narzissmus ist kein Übermaß an Selbstliebe, sondern das Gegenteil – eine innere Leere und ein tiefer Mangel an Selbstwert. Und diese Leere lässt sich auch nicht durch Likes auf Social Media, Macht, Ruhm oder Schönheit füllen.

Thomas Arnold, Thomas Fuchs: „Das unersättliche Selbst“. Phänomenologie des Narzissmus.
Thomas Arnold, Thomas Fuchs: „Das unersättliche Selbst“. Phänomenologie des Narzissmus.Suhrkamp

In ihrer „brillanten, hochaktuellen Analyse“ verweben die Autoren Husserls Leibphänomenologie mit soziologischen Ansätzen und psychoanalytischen Konzepten, um Narzissmus als Spiegel der individualisierten Spätmoderne zu zeichnen, schreibt unsere Rezensentin Helene Röhnsch. Von Freud grenzen sich Arnold und Fuchs ab: Sie verstehen Narzissmus nicht als Übermaß an Ich-Libido, sondern phänomenologisch als existenzielle Verzweiflung. Unser kapitalistisches System nähre das unersättliche Streben nach Idealbildern, es entwerte alles Erreichte „zugunsten des Möglichen und noch Größeren“. Plattformen wie Instagram fördern, so Röhnsch, eine Kultur der inneren Leere, in der Likes als Ersatz für echte Beziehungen dienen – mit der Gefahr, das Selbst weiter auszuhöhlen.

Thomas Arnold, Thomas Fuchs: „Das unersättliche Selbst“. Phänomenologie des Narzissmus. Suhrkamp Verlag, Berlin 2026. 200 S., geb., 28,– €.

Schreine überflüssigen Kapitals

Evan Osnos versammelt Reportagen über Amerikas Ultrareiche – von Gigayachten über Prepping-Bunker bis zur Aushöhlung staatlicher Institutionen. Sie alle beschäftigen sich mit der Amalgamierung von „big money“ und gesellschaftlich-politischer Macht.

Evan Osnos: „Yacht oder nicht Yacht“. Nachrichten aus der Welt der Ultrareichen.
Evan Osnos: „Yacht oder nicht Yacht“. Nachrichten aus der Welt der Ultrareichen.C.H. Beck

„Mit Bedacht komponiert“ findet Helmut Mayer den Band, der bei den Yachten einsetzt – jenen „Schreinen überflüssigen Kapitals“, die inzwischen bei „Gigayachten“ von über neunzig Meter Länge angelangt sind. Osnos zeigt das Geschick, „eine Vielzahl von Stimmen zu Gehör zu bringen“, von Leuten, die nach eigener Wahrnehnung diese Welt am Laufen halten. Bedeutsam sei schon der Umstand, dass in Kreisen, wo man an den Hebeln gesellschaftlich einschneidender Entwicklungen sitzt, „offenbar nicht selten ein bevorstehender Zusammenbruch als möglich oder sogar wahrscheinlich erachtet wird“.  Osnos zeichnet auch die Wandlungen des republikanischen Establishments nach – am Ende steht das Bild einer herrschenden Klasse, die die Aushöhlung staatlicher Institutionen freimütig befördert.

Evan Osnos: „Yacht oder nicht Yacht“. Nachrichten aus der Welt der Ultrareichen. Aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn. C.H. Beck Verlag, München 2026. 315 S., br., 20,– €.

Vom Stadionverein zur AfD?

Der Soziologe Stefan Wellgraf begibt sich auf Nahdistanz zu Gewalttätern: Er begleitet rechte Hooligans des Ostberliner Fußballclubs BFC Dynamo von der DDR bis in die Nachwendezeit. Seine teilnehmende Beobachtung hilft, zu verstehen, wie aus parteipolitisch heimatlosen Skinheads und Fußball-Ultras AfD-Wähler wurden.

Stefan Wellgraf: „Staatsfeinde“. Rechte Subkulturen in Ostdeutschland seit den 1970er Jahren.
Stefan Wellgraf: „Staatsfeinde“. Rechte Subkulturen in Ostdeutschland seit den 1970er Jahren.Ch. Links Verlag

Wellgrafs „beeindruckende Studie“ steht in der methodischen Tradition teilnehmender Beobachtung, schreibt unser Rezensent Bodo Mrozek. Der Autor aus einer Ostberliner Arbeiterfamilie führte Gespräche am Spielfeldrand, im Fanbus und in der Fankneipe. Die Stärke des Buches liege „nicht nur in der Nachzeichnung einzelner Gewaltkarrieren“, sondern auch im „Aufzeigen bisweilen überraschender Binnenfrakturen“ – etwa Israel-Fahnen als oppositionelle Geste oder BFC-Hools als Türsteher vor queeren Technoklubs, so unser Rezensent. Wellgraf biete „weit mehr als anekdotische Szene-Interna“: Er zitiert aus Archiven und bleibt „bei aller Nähe stets auf kritischer Distanz“. Und bietet so eine interessante Vorgeschichte heutiger rechter Bewegungen.

Stefan Wellgraf: „Staatsfeinde“. Rechte Subkulturen in Ostdeutschland seit den 1970er Jahren. Ch. Links Verlag, Berlin 2026. 560 S., Abb., geb., 28,– €.

Adornos geniale Schülerin

Elisabeth Lenk, von Adorno als seine genialste Schülerin geschätzt, verband Frankfurter Schule, Surrealismus und französische Theorie zu einer „Ethik des Ästhetischen“. Rita Bischof legt nun ihre gesammelten Essays vor – das Werk einer eigenwilligen Denkerin, die rebellische Subjektivität und die Achtung des Heterogenen zum Programm machte.

Elisabeth Lenk: „Kritische Schriften“.
Elisabeth Lenk: „Kritische Schriften“.Matthes & Seitz

„Was für klare und kluge Worte, erst recht in der heutigen Zeit des Identitätstaumels“, schreibt Jörg Später über Lenks Selbstreflexion von 1986. Nach dem Studium bei Adorno emanzipierte sich Elisabeth Lenk intellektuell und zog nach Paris, wo sie Anschluss an André Bretons surrealistische Gruppe fand – kein Epigone, sondern eigenständig und elegant schreibend, „dabei keine Spur adornitisch“. Lenk war Feministin, aber keine „Emma“-Feministin, sondern pochte auf die Differenzerfahrungen von Künstlerinnen, ohne ihre Werke auf politische Botschaften zu verengen, so unser Rezensent. Der Fluchtpunkt aller Essays sei ein „symptomatisches Pariabewusstsein“ – die Achtung des Ausgeschlossenen und Verfemten als Intervention gegen eine homogenisierende Gesellschaft.

Elisabeth Lenk: „Kritische Schriften“. Hrsgg. von Rita Bischof. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2026. 670 S., geb., 44,– €.

Ein grenzenloses Versagen

Die Historikerin Susanne Heim legt eine umfassende Untersuchung der Flucht europäischer Juden vor dem Nationalsozialismus vor. Sie zeigt, wie systematisch zwischen 1933 und 1945 ausweglose Situationen hergestellt wurden – und wie gering der Wille der Staatengemeinschaft war, die Verfolgten zu retten.

Susanne Heim: „Die Abschottung der Welt“. Als Juden vor verschlossenen Grenzen standen. 1933–1945.
Susanne Heim: „Die Abschottung der Welt“. Als Juden vor verschlossenen Grenzen standen. 1933–1945.C.H. Beck

„Selbst wenn man weiß, wie schwer es für Juden war, irgendwo eine sichere Zuflucht zu finden“, schreibt Tania Martini, „verschlägt es einem beim Lesen angesichts der Ausweglosigkeit immer wieder die Sprache“. Heims „großartiges wie verstörendes Buch“ berücksichtigt die globalen Routen und zeigt deutlich, wie unerwünscht Juden weltweit waren. Auf der Évian-Konferenz 1938 war kaum ein Land bereit, mehr Flüchtlinge aufzunehmen. Auf der Bermuda-Konferenz 1943, als bereits Berichte über den Massenmord vorlagen, „spielten humanitäre Erwägungen keine Rolle mehr“ – die Aufnahme würde den Alliierten „in einem ohnehin teuren Krieg weitere Kosten aufbürden“. Das Buch sei „unverzichtbar, um zu verstehen, warum die Flucht so oft scheiterte“, und erinnere daran, „dass die Geschichte der Verfolgung immer auch eine Geschichte der verweigerten Aufnahme ist“.

Susanne Heim: „Die Abschottung der Welt“. Als Juden vor verschlossenen Grenzen standen. 1933–1945. Historische Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung. C.H. Beck Verlag, München 2026. 384 S., Abb., geb., 34,– €.

Wie Feedbackschleifen uns regieren

Anna-Verena Nosthoff zeigt, wie eine unsichtbar gewordene Kriegstechnologie aus den 1940er-Jahren heute unser Verhalten steuert: Von der Flugabwehr über ein chilenisches Demokratie-Experiment bis zu Facebook – überall lernen selbstoptimierende Systeme aus unserem Verhalten, um es vorherzusagen und zu lenken.

Anna-Verena Nosthoff: „Kybernetik und Kritik“. Eine Theorie digitaler Regierungskunst.
Anna-Verena Nosthoff: „Kybernetik und Kritik“. Eine Theorie digitaler Regierungskunst.Suhrkamp

Die Kybernetik ist „so allgegenwärtig, dass sie schlicht unsichtbar geworden“ ist, schreibt Nosthoff. Norbert Wieners Anti-Aircraft-Predictor sollte im Zweiten Weltkrieg feindliche Piloten abschießen, indem er deren Stressverhalten antizipierte – Outputs wurden zu neuen Inputs in einem sich selbst perfektionierenden System. In den 1970ern sollte Chiles „Cyberfolk“-Projekt direkte Demokratie per Fernbedienung ermöglichen. Heute modulieren Plattformen unser Verhalten: Wer einmal versucht habe, einen Facebook-Account zu deaktivieren, verstehe sofort die Lenkung. Likes und Shares steuern Sichtbarkeit und schaffen „digitale Regierungsweisen“. Nosthoff liest frühe Kybernetik-Kritiker, um sichtbar zu machen, „dass die technologischen und geistigen Bedingungen unserer digitalisierten Gegenwart aufs engste miteinander verschränkt sind“. Eine überaus empfehlenswerte Lektüre, findet unsere Rezensentin Hannah Schmidt-Ott.

Anna-Verena Nosthoff: „Kybernetik und Kritik“. Eine Theorie digitaler Regierungskunst. Suhrkamp Verlag, Berlin 2026. 800 S., br., 28,– €.

Der Mann hinter McCarthy

Jan Jekal erzählt, wie exilierte Künstler in Hollywood zwischen 1941 und 1953 erst vor den Nazis gerettet, dann als Kommunisten verfolgt wurden. Nicht Joseph McCarthyist ist hier die zentrale Figur der Hexenjagd, sondern FBI-Direktor J. Edgar Hoover, der im Hintergrund Dossiers anlegte und Karrieren zerstörte.

Jan Jekal: „Paranoia in Hollywood“. Wie die USA exilierte Künstler erst retteten und dann verfolgten. 1941–1953.
Jan Jekal: „Paranoia in Hollywood“. Wie die USA exilierte Künstler erst retteten und dann verfolgten. 1941–1953.Matthes & Seitz

„Faszinierend zu lesen“ findet Sandra Kegel dieses „exzellente Sachbuch“, das „multiperspektivisch“ von Thomas Mann zu Salka Viertel, von Brecht zu Marlene Dietrich springt. Der 1993 geborene Kulturjournalist recherchierte vor Ort in Los Angeles und konnte unveröffentlichte Archivdokumente einsehen. Im Zentrum steht ein Salon in Santa Monica, wo sich sonntags trifft, was Rang und Namen hat – bis das FBI Post liest, Telefone abhört und die Studios ängstlich werden. „Eine Kulturindustrie, die aus Angst vorauseilend säubert. Ein Komitee, das Verdacht in Protokolle überführt. Ein Staat, in dem Loyalität plötzlich mehr zählt als Werk und Können“: Jekal müsse gar nicht erst markieren, woran diese Studie erinnere – „so sehr ist ‚Paranoia in Hollywood‘ von der amerikanischen Gegenwart geprägt“, schreibt unsere Rezensentin.

Jan Jekal: „Paranoia in Hollywood“. Wie die USA exilierte Künstler erst retteten und dann verfolgten. 1941–1953. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2026. 400 S., Abb., geb., 28,– €.

Werden die Menschen psychisch immer fragiler?

Die Philosophin Maria-Sibylla Lotter analysiert in ihrem Buch, wie das autonome Subjekt zunehmend hinter der Leitidee der Verletzlichkeit zurücktritt. Viele sehen sich heute schnell als passive und hilflose Opfer.

Maria-Sibylla Lotter: „Opfer". Über Verwundbarkeit als Selbstbild.
Maria-Sibylla Lotter: „Opfer“. Über Verwundbarkeit als Selbstbild.Hanser

„Einerseits haben sich die psychischen Krankheitsbilder wie etwa ‚Depression‘ seit den Achtzigerjahren ständig erweitert, sodass der Eindruck entsteht, dass psychische Krankheiten zunehmen und die Menschen psychisch immer fragiler werden“, erklärt Lotter in einem Gespräch mit Marinna Lieder. Gleichzeitig habe der Traumabegriff „die populäre Kunst und das Alltagsleben erobert“. Sie kritisiert die moralische Überhöhung von Opfern zum „totalen Opfer“. Triggerwarnungen seien „eher schädlich“, da sie einen Nocebo-Effekt auslösten. Gisèle Pelicot führt Lotter als Gegenbeispiel an: Sie habe „sehr eindrucksvoll gezeigt, dass sich ein Opfer nicht mit der eigenen Verwundbarkeit identifizieren muss“. Trotz „Zeitenwende“ erkennt sie noch keine echte Gegentendenz: „Einen wirklichen Paradigmenwechsel, der dazu führte, dass Selbstverantwortung heute für die meisten wieder eine wirklich attraktive Vorstellung ist, sehe ich noch nicht.“

Maria-Sibylla Lotter: „Opfer“. Über Verwundbarkeit als Selbstbild. Hanser Verlag, München 2025. 288 S., geb., 25,– €.

Der Riss der Erinnerung

Ines Geipel untersucht zwei deutsche Erinnerungskulturen am Beispiel Buchenwalds. Im Westen wurde die NS-Vergangenheit spät, aber grundlegend aufgearbeitet – allerdings oft ritualisiert und abstrakt. Im Osten dagegen schuf die DDR einen antifaschistischen Heldenmythos, der jüdische Opfer tendenziell ausblendete.

Ines Geipel: „Landschaft ohne Zeugen. Buchenwald und der Riss der Erinnerung“.
Ines Geipel: „Landschaft ohne Zeugen. Buchenwald und der Riss der Erinnerung“.S. Fischer

„Klug und aufschlussreich“ nennt Tania Martini dieses Buch, dem man „viele Leser wünscht“. Geipels Mischung aus persönlicher Geschichte, Quellenmontage und historischer Darstellung sei „fein komponiert“, ein „tastender Stil, der eindringlich wirkt“. Die DDR-Führung machte Buchenwald zum Zentrum ihres antifaschistischen Gründungsmythos, während jüdische Opfer tendenziell aus der Erinnerung verschwanden. Kommunistische Funktionshäftlinge wurden zu sauberen Helden stilisiert, ihre Rolle bei Selektionen ausgeblendet. Geipel nutzt DDR-internes Archivmaterial – den „sicheren Erpressungsbestand gegenüber der eigenen Bevölkerung“. Ihre zentrale Frage: „Warum hält es nicht, wo wir doch so viel wissen?“ Wenn die Katastrophe vor allem zur moralischen Selbstvergewisserung diene, drohe sie zu verschwinden – ein „Gedächtnistheater“, in dem sich gegenwärtige und frühere Formen der Verdrängung berühren.

Ines Geipel: „Landschaft ohne Zeugen. Buchenwald und der Riss der Erinnerung“. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2026. 336 S., geb., 25,– €.

Die älteste und die starrste Verfassung

Die Historikerin Jill Lepore untersucht in ihrem neuen Buch, wie die Verfassung der Vereinigten Staaten das Land geformt hat. Ihr zentrales Argument: Die außergewöhnliche Stabilität des Verfassungstextes ist zugleich seine größte Schwäche. Während andere Demokratien ihre Verfassungen regelmäßig überarbeiten, bleibt die amerikanische nahezu unverändert – mit weitreichenden Folgen für die politische Kultur.

Jill Lepore: „We the People“. Eine Geschichte der amerikanischen Verfassung.
Jill Lepore: „We the People“. Eine Geschichte der amerikanischen Verfassung.C.H. Beck

Lepore zeichnet nach, wie immer wieder Bürger versuchten, grundlegende Reformen durchzusetzen: neue Wahlsysteme, soziale Rechte, Umweltschutz in der Verfassung zu verankern. Fast alle Anläufe scheiterten an den extrem hohen Hürden für Verfassungsänderungen. Das reich bebilderte Werk verbindet Verfassungsgeschichte mit den Geschichten jener Menschen, die um Amendments kämpften. Es zeigt, wie zentrale Konflikte – von Sklaverei über Frauenrechte bis zu aktuellen Kulturkämpfen – durch die Gerichte ausgetragen werden mussten, weil der Weg der Verfassungsänderung versperrt war. Zum 250. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung legt Lepore damit eine kritische Bilanz vor: Ein Land, dessen Grundgesetz nicht mehr mit der Zeit geht, droht zwischen Originalismus und radikaler Umdeutung zerrieben zu werden.

Jill Lepore: „We the People“. Eine Geschichte der amerikanischen Verfassung. Aus dem Englischen von Werner Roller und Annabel Zettel. C.H. Beck Verlag, München 2026. 918 S., Abb., geb., 42,– €.

Source: faz.net