Zum Tode von Jürgen Habermas: Wie er anfing und welches er wurde
Jürgen Habermas, der Philosoph und Soziologe, dessen Bücher in 40 Sprachen übersetzt wurden und der als einer der weltweit meistdiskutierten Denker der Gegenwart gilt, ist im Alter von 96 Jahren verstorben. Sein gewaltiges Werk, das sich von Gesellschafts- und Demokratietheorie über Sprach- und Rechtsphilosophie bis hin zur philosophischen Auseinandersetzung mit Religion erstreckt, kann mit wenigen Worten nicht charakterisiert werden. Doch hat er immer als Nachfahre der von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno begründeten „Kritischen Theorie“ gegolten, näher als Hauptvertreter von dessen „zweiter Generation“. In der wiederum, und auch in den weiteren Generationen bis heute, wird er nicht selten als abtrünnig von der Haltung der Gründer erachtet. Die seien viel kritischer gewesen als er. Wird man ihm aber gerecht mit der Frage, wie sich seine Rolle in dieser Traditionslinie ausnimmt? Ja, ich meine, dass sich seine große Bedeutung gerade von daher erschließt.
Als er in den 1950er und -60er Jahren im Frankfurter Institut für Sozialforschung bei Horkheimer und Adorno studierte, in den akademischen Mittelbau aufrückte und dann Horkheimers Professur beerbte, zogen Horkheimer und Adorno schon nicht mehr ganz an einem Strang. Von der radikalen Gesellschafts- und Vernunftkritik, die beide zusammen in der Dialektik der Aufklärung (1944) vorgelegt hatten, waren zwar beide ein Stück weit abgerückt. Aber immer noch sah Adorno das Auschwitz-Zeitalter fortdauern, während Horkheimer nun stärker als vorher von der vorhandenen Demokratie überzeugt war. Für Horkheimer war der junge Habermas viel zu radikal. Der wiederum warf den 68er studentischen Revolutionären vor, sie verhielten sich wie „linke Faschisten“: eine Wortwahl, die er bald bedauerte, die aber wiedergab, was Adorno fühlte, als seine 68er Student:innen sein Institut besetzten.
Von der Revolte 1968 bis zur rot-grünen Bundesregierung 1998
Die Konstellation war also schon damals nicht eindeutig. Habermas gehörte nun eben zu denen aus der Schule von Horkheimer und Adorno, die sich eindeutig auf den Boden der „bürgerlichen“ Demokratie stellten, ja die es, wie man genauer sagen muss, schon sehr früh taten. Denn taten es nicht bald darauf die meisten? Das war doch die allgemeine Entwicklung: In den späten 1960er Jahren die antiautoritäre Revolte, in den 70ern die maoistischen Parteien, in den 80ern die Grünen, in den 90ern deren Orientierung auf die SPD, das heißt zuletzt auf den SPD-Kanzler Gerhard Schröder, der sich am Kosovokrieg beteiligte und „Harz IV“ in die Wege leitete – es waren immer dieselben Leute, die das alles mittrugen. Am Anfang revoltierten sie gegen die „liberale Demokratie“, heute sind sie deren Hauptvertreter.
Aber es liegt eine Lehre darin, die wir heute erst, in der Krise dieser liberalen Demokratie, zu begreifen beginnen. Kapitalaffin „bürgerlich“ sind die meisten von uns geworden. Aber so enttäuschend man das finden mag, es handelt sich um eine Bürgerlichkeit, die marxistisch und „antiautoritär“ auf die Schiene gesetzt worden war, welcher anfängliche Impuls auch bei denen noch nachwirkt, die ihn später verleugneten. Darüber, dass es heute für Leute, die bei Verstand sind, nichts Wichtigeres geben kann, als antiautoritär zu sein – gegen Trump und Putin, Chomeini und Netanjahu und das Weltbild solcher Herrscher –, braucht wohl kein Wort verloren zu werden. Woraus speist sich aber die Kraft einer antiautoritären Haltung? Blieb sie nicht bei denen stark, die in der Revolte anfingen?
Die wohlfeilen Politiker-Nachrufe auf Jürgen Habermas
Dafür steht Habermas. Als großer Denker, der er war, brauchte er nichts zu verleugnen, was er je gedacht und getan hatte. Er hat eben nur auf seine Art weitergedacht. Wenn er konsequent den Standpunkt der liberalen „bürgerlichen“ Demokratie einnahm, tat er es begründet und auf Werten beharrend, denen das Treiben der Politiker Hohn spricht, die ihn heute mit wohlfeilen Nachrufen begraben. Man denke nur an seinen entschiedenen Protest gegen die Schleifung des Asylrechts 1992. Das muss vorausgeschickt sein, wenn man dann kritisch beklagt, wie sehr er sich von der Radikalität der Gründer der Kritischen Theorie entfernt hat. So in seinem Hauptwerk, der Theorie des kommunikativen Handelns (1981), wo er zwar eine „Lebenswelt“ für grundlegend erklärt, in der Gesellschaft im dialogischen Austausch sich zusammenzuhalten versucht, die aber Macht und Geld, an deren Eigensinnigkeit nicht gerührt werden könne, „systemisch“ auslagert. Dabei begreift Habermas die Sphäre des Geldes als kapitalistisch genau derart, wie Karl Marx sie in Das Kapital analysiert hat, mit dem Zusatz freilich, dass Marx‘ Analyse gegen den Willen ihres Autors keine kritische sei. Er liest Marx so, dass das Kapital die Lebenswelt „kolonisiert“, das heißt zerstört, aber eine Tatsache sei, an der keine Protestbewegung etwas ändere.
Analog reagiert er in seinem Spätwerk Auch eine Geschichte der Philosophie (2019) auf die fatale Allgewalt der „Analytischen Philosophie“, die heute auch in Deutschland die allermeisten philosophischen Lehrstühle besetzt – Wolfram Eilenberger hat es vor ein paar Tagen in der Zeit beklagt: Der „Szientismus“ blende aus, dass man Wissenschaft nur betreiben könne „als ein im sozialen Raum und in der historischen Zeit situierter Geist“! Aber das hält ihn nicht ab, auch dem Gegenteil zuzustimmen, dem „fiktive[n] Nirgendwo“ nämlich, „von wo aus jeder Wissenschaftler die Phänomene im Gegenstandsbereich seiner Disziplin betrachten muss“. Was nun, macht es der Geist oder kommt es von nirgends? Solche Paarung ist heute, wo sich Autoritarismus und Transhumanismus zunehmend verbrüdern, besonders fatal.
Habermas bleibt ein authentischer Schüler der Kritischen Theorie
Noch und gerade in seiner Inkonsequenz präsentiert sich Habermas als Exponent eben der liberalen „bürgerlichen“ Demokratie, die heute von rechts bedroht wird und die man gegen diesen Angriff trotz ihrer kapitalistischen Grundlagen verteidigen muss. Die Demokratie zu verteidigen hätte er selbst nie aufgehört, auch wenn er zuletzt schwermütig über die Erfolgsaussichten dachte. Das eben, meine ich, hat mit seinen radikalen Anfängen in der originären Kritischen Theorie zu tun: Er war und blieb deren authentischer Schüler. Die Hauptthemen der Lehrer, Horkheimers Kritik der „instrumentellen Vernunft“ und Adornos Frage, ob sich die bürgerliche „Selbsterhaltung“ reformieren lasse, weg von ihrer aggressiven, fremdheitsfeindlichen Verschlossenheit und hin zur Aufgeschlossenheit, machte er sich zu eigen und beantwortete sie auf seine Weise.
Von den Marxschen Grundlagen der Horkheimerschen Kritik ist bei ihm zwar nichts mehr zu lesen. Horkheimer war mit Marx davon ausgegangen, dass die kapitalistische Ökonomie von nichts als dem Selbstlauf der (Geld-) Wertbewegungen regiert werde. In dieser Gesamtirrationalität verfolgen alle Einzelnen nur ihre privaten Ziele, mit Mitteln, die dann nicht mehr rational sondern nur instrumentell sind, weil sie sich blind stellen zur Situation, in die sie eintauchen. Diese Situation blendet Habermas aus, beharrt aber auf der Kritik bloß instrumentellen Handelns. Die „kommunikative Vernunft“, die er der instrumentellen entgegensetzt, zielt auf Einigung nach fairem argumentativem Streit. Sie ist auch als Versuch lesbar, Adornos Vision einer Selbsterhaltung, die sich den je anderen Selbsten öffnet, zu konkretisieren. Zwar sie allein wird Kapitallogik nicht einstürzen lassen, doch unnütz sind solche Überlegungen, die Habermas linguistisch präzise ausführt, gewiss nicht.
Ohne Wirtschaftsdemokratie ist die liberale Demokratie nicht demokratisch genug
Wie er anfing und was er wurde, kann kühn vielleicht, aber passend mit der Konstitution der italienischen Nachkriegsdemokratie verglichen werden. Die italienische Verfassung wurde von den Kommunist:innen und bürgerlichen Kräften, die im Untergrund gemeinsam gegen Mussolini gekämpft hatten, gemeinsam ausgearbeitet. Bald nach dieser Gründung wurde die KP von den bürgerlichen Kräften im Parlament ausgegrenzt, doch der anfangs geschaffene „Verfassungsbogen“ blieb lange intakt; die KP hörte nicht auf, ihn zu stützen; er bewährte sich in der Abwehr neofaschistischen Terrors. In Deutschland gab es kein solches gemeinsames Beginnen. Als zwei Staaten standen sich die Kräfte feindlich gegenüber. Doch in Westdeutschland hatte die marxistisch inspirierte Kritische Theorie einen noch größeren Einfluss auf die geistige Verfassung derer, die später nur noch „liberale Demokraten“ waren, als die italienischen Kommunisten auf die politischer Verfassung ihres Landes. Wie gesagt und gesehen, brauchte Habermas solchen Einfluss nie zu verleugnen. Der anfängliche Impuls blieb in seinem Werk immer wirksam.
Er war nicht der Radikalste und liberale Demokratie ist ohne Wirtschaftsdemokratie nicht demokratisch genug. Aber in der antiautoritären Abwehr ist unser aller Liberalsein gefragt. So bleibt Jürgen Habermas ein ganz großes Vorbild. Dazu gehört, dass der marxistische Impuls jener Anfänge, die zur Kräftigung nichtautoritärer Demokratie so viel beigetragen haben, von Neuem belebt werden sollte.