Zum Tod von Marco Bülow: Ein Sozialdemokrat, wie man sich ihn wünscht
Auf Marco Bülows Balkon waren Tiere willkommen. Dort hatte er ein Insektenhotel platziert, berichtet eine politische Mitstreiterin. Ein kleiner Bau, „damit sich die Insekten dort wohlfühlen.“
Artenschutz und Umwelt gehörten zu den Herzensanliegen des ehemaligen SPD-Politikers, der gern über Bienen sprach und ein Foto von einem Wal in seinem Bundestagsbüro aufgehangen hatte. Ein Orca, den man nicht „Killerwal“ nennen durfte, wie Bülows ehemalige Mitarbeiterin Ines Schwerdtner, damals noch vor ihrer Karriere in der Linken, erzählt. Bei den Themen, für die er brannte, verstand er keinen Spaß.
Als der Dortmunder 2002 als direkt gewählter Abgeordneter in den Bundestag einzog, galt er als großes politisches Talent. Jung, smart, gutaussehend und voller Idealismus. Schnell wurde er erst zum umweltpolitischen und später zum stellvertretenden energiepolitischen Sprecher seiner Fraktion.
Doch sein Idealismus kollidierte schnell mit den politischen Realitäten im Berliner Politikbetrieb. In seinem letzten Buch „Korrumpiert: Wie ich fast Lobbyist wurde und jetzt die Demokratie retten will“, schilderte er 2025 den massiven Einfluss von Lobbyisten auf Abgeordnete. Man habe ihn eingeladen zu „Besichtigungen von Atomkraftwerken mit First-Class-Übernachtungen und Sightseeing in München.“ Es habe Tickets für die Fußball-WM, teure Weinlieferungen, Logen bei Fußballspielen und Galadinner gegeben.
Marco Bülow war enttäuscht von der eigenen Partei
Wer das Spiel aus lobby-freundlicher Politik mitspiele, könne „eine Stufe nach oben klettern“. Doch Bülow entschied sich dagegen und brach die Kontakte zu Vertretern der Energieunternehmen ab. Er monierte, dass die Lobbyisten in den Ministerien massiven Einfluss auf die Gesetzgebung nehmen – und Gesetzesentwürfe aus den Ministerien schon zugespielt bekommen, bevor die demokratisch legitimierten Abgeordneten sie erhalten.
Mit seiner Kritik an den undemokratischen Gepflogenheiten im Bundestag ließ er sich auch von innerparteilichen Zwängen nicht beirren. Schon 2007 kritisierte er in der Süddeutschen Zeitung, dass Abgeordnete subtil gezwungen würden, Regierungsentwürfe einfach abzunicken. „Eigentlich ist es unsere Aufgabe als Abgeordnete, nicht alles mitzumachen. Aber es ist heute so, dass man sich rechtfertigen muss, wenn man nicht zustimmt. Wahrheiten auszusprechen ist nicht beliebt.“
Entsprechend wenig beliebt war Bülow bei vielen SPD-Oberen, die er im Gegenzug auch vehement kritisierte. „Die absoluten Macher, die einflussreichsten Politiker in der SPD, sind immer die mit den besten Kontakten zur Wirtschaftselite gewesen“, monierte er in „Korrumpiert“. Und schrieb etwa über den ehemaligen Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück: „(Er) hatte zwischenzeitlich die Messlatte hochgelegt bei den bezahlten Vorträgen; er war der Spitzenreiter der Nebenverdienste. (…) Bis 2012 hatte Steinbrück schon über 1,2 Millionen Euro nebenbei verdient.“
Im Parlament hatte er sich dagegen rar gemacht und seine erste Bundestagsrede erst nach 18 Monaten gehalten, während die meisten Neulinge innerhalb der ersten sechs Monate das erste Mal im Plenarsaal ans Pult treten. Die wirtschaftsnahen „Genosse der Bosse“ waren Bülows Lieblingsgegner.
Obwohl er zunehmend mit seiner Partei haderte, versuchte er, sich konstruktiv einzubringen – bei der Umweltpolitik, beim Thema Energie und beim Kampf für mehr Lobby-Transparenz im Bundestag – ohne sich von seiner Partei unterstützt zu fühlen. 2018 sagte er der taz: „In der SPD bin ich oft gegen Windmühlen gelaufen, gerade was den Lobby-Bereich angeht. Jetzt rühmt sie sich zwar, dass sie das Lobbyregister mit durchgesetzt hat, aber es war ihnen nie wirklich wichtig.“
Marco Bülow hasste Autos und fuhr lieber Bahn
Fragt man Mitstreiter, hört man, dass Marco Bülow enttäuscht war, dass er bei seinen Anliegen „hängengelassen wurde“ von vielen seiner Fraktionsgenossen. Gleichzeitig sei er jemand gewesen, der „nie von seinen Ideen abgelassen hat, bis zuletzt für seine Themen gekämpft hat“.
Und sein großes Thema war der Kampf gegen den „ausufernden Profitlobbyismus“, der ihm SPD-intern einen Nestbeschmutzervorwurf einhandelte. Doch Bülow konnte das egal sein. Als direkt gewählter Bundestagsabgeordneter mit breitem Rückhalt in seinem Wahlkreis musste er nicht darum bangen, als unbequemer Politiker bei der nächsten Wahl von der Landesliste gestrichen zu werden. Er brach regelmäßig mit der Fraktionsdisziplin und stimmte entgegen der Parteilinie im Bundestag ab.
Abseits der Politik führte Bülow ein bescheidenes Leben. Er hasste Autos und fuhr lieber Bahn, versuchte kein BVB-Spiel zu verpassen, war ein eifriger Leser und ging gern in der Natur wandern. Ein Ausgleich zu den Strapazen, die ihm der Politikbetrieb und seine eigene Partei zumutete. Nach 16 Jahren im Bundestag hielt er es in seiner Partei nicht mehr aus und verließ 2018 die SPD. Von da an saß er allein in der letzten Reihe des Plenarsaals und verschrieb sich ganz dem Kampf gegen den Lobbyismus.
Ein Kämpfer für die Gerechtigkeit
Einen Mitstreiter fand er dabei in Martin Sonneborn, der im Europarlament für die PARTEI den Kampf gegen Korruption in Brüssel ins Zentrum seiner politischen Arbeit rückt. 2020 trat Bülow der PARTEI bei. 2021 schied er nach einer erfolglosen Kandidatur für seine neue Partei aus dem Bundestag aus und schrieb Bücher über Korruption und Lobbyismus, Themen, denen er sich auch in seinem Podcast „Lobbyland“ widmete.
„Er hat sich irgendwann entschlossen, dieses Spiel nicht mehr mitzuspielen“, sagt Sonneborn dem Freitag am Telefon. Er sei herausragend gewesen, weil er nicht korrupt war. Und: „Wenn es mehr Politiker wie Marco Bülow gäbe, hätten wir die PARTEI nicht zu gründen brauchen.“ Wenn man Sonneborn über seinen Weggefährten sprechen hört, wirkt der sonst ironisch distanziert auftretende Satiriker aufrichtig bewegt. „Er ist ein richtig guter Mensch gewesen“, sagt er.
Marco Bülow kämpfte sein ganzes politisches Leben lang für Gerechtigkeit. Er stand stets auf der Seite der Armen, der Arbeiter, der Natur – und wendete sich entschlossen gegen den Einfluss der Reichen, gegen mächtige Lobbys und Industrien. Er kämpfte dafür, die SPD auf seine Seite zu ziehen – und wurde dabei alleingelassen. Er war, wie eine ehemalige Weggefährtin sagt: „Ein Sozialdemokrat, wie man ihn sich wünscht.“ Wenn es mehr Sozialdemokraten wie ihn gäbe, würden wir in einem gerechteren Land leben.
Anfang der Woche ist Marco Bülow im Alter von nur 54 Jahren nach schwerer Krankheit verstorben.