Zum Tod von John Searle: Wie kommt dies Wort zur Welt?

Die Philosophie gilt weithin als eine Disziplin, die dazu neigt, Haare so lange zu spalten, bis nichts mehr von ihnen übrig ist. John Searle gehörte nicht zu dieser Art Philosophen. Ihm war ein eindeutiges Wort stets lieber als Differenzierungen, die auf Kosten der Klarheit gingen. Einer seiner Lieblingsgegner war die Philosophiegeschichte – um Verwirrungen zu vermeiden, solle man sie am besten einfach vergessen. Wer sich dagegen an die bloßen Fakten hielt und seinen gesunden Menschenverstand sprechen ließ, der konnte eigentlich zu keinen anderen Ergebnissen kommen als Searle selbst.

Dessen Karriere begann 1949 an der University of Wisconsin, von wo er jedoch schnell nach Oxford wechselte, um dort 1959 mit einer Dissertation über Sinn und Referenz zu promovieren. Im selben Jahr wechselte er an die University of California nach Berkeley und lehrte dort sechzig Jahre lang bis zur Aberkennung seines Status als emeritierter Professor im Jahre 2019.

Searle machte sich zunächst als Vertreter der von seinem Lehrer John Austin begründeten Sprechakttheorie einen Namen. Die Theorie betrachtet Sprache als eine Form des Handelns, wobei mit ein und demselben Satz ganz unterschiedliche Handlungen ausgeführt werden können: „Bald kommt mein großer Bruder“ kann eine bloße Behauptung, eine Drohung, aber auch ein Scherz sein.

Vertreter eines biologischen Naturalismus

Searle befasste sich zudem ausführlich mit dem Thema der Intentionalität: Wie schaffen wir es, uns in Sprache, Wahrnehmungen und Handlungen auf die äußere Wirklichkeit zu beziehen? Searle wandte sich gegen den Versuch etwa der Behavioristen, Intentionen einfach wegzuerklären. Er weist auch darauf hin, dass die Passung von Äußerung und Welt abhängig vom Typus der Sprachhandlung ganz unterschiedlich sein kann. Bei Behauptungen wie „John hat den Raum verlassen“ soll sich die Äußerung der Welt anpassen, sonst kann sie diese nicht korrekt repräsentieren. Bei Befehlen verläuft die Passung in umgekehrter Richtung. Der Befehl „John, bitte verlasse den Raum“ zielt darauf ab, dass sich die Welt der Äußerung anpasst.

In der Philosophie des Geistes vertrat Searle einen „biologischen Naturalismus“, der Bewusstsein als Produkt von Hirnaktivität versteht. Searle geht allerdings davon aus, dass auch künstliches Bewusstsein möglich ist – so wie es uns gelungen ist, die Funktion des Herzens in künstlichen Systemen nachzubauen. Hier wie dort setzt dies allerdings voraus, dass wir verstanden haben, wie die biologischen Systeme diese Funktion realisieren – und davon sind wir noch sehr weit entfernt, was Gehirn und Bewusstsein angeht.

Mit seinem wohl berühmtesten Gedankenexperiment, dem des „Chinesischen Zimmers“, hat sich Searle mit der ihm eigenen Entschiedenheit dann auch gegen den unter seinen computeraffinen Zeitgenossen beliebten Turing-Test gewandt – eine auf Alan Turing zurückgehende Methode, Computern Bewusstsein zuzuschreiben. In dem Test soll eine Versuchsperson mit Hilfe von Fragen zwischen einem Menschen und einem Computer unterscheiden. Sind die Antworten des Computers so gut, dass die Versuchsperson damit scheitert, dann soll es keinen Grund mehr geben, dem Computer Bewusstsein abzusprechen.

Mann des klaren Wortes

In seinem Widerlegungsversuch beschreibt Searle eine fiktive Versuchsperson. Sie kann kein Chinesisch und sitzt in einem kleinen Raum, dem „Chinesischen Zimmer“ wo sie Zettel mit chinesischen Schriftzeichen erhält. In einem Verzeichnis kann sie nachschlagen, welche der bereits vorhandenen Zettel sie als Antwort hinausreichen soll. Tatsächlich befinden sich auf allen Zetteln, die sie erhält, sinnvolle chinesische Fragen, und auf den herausgereichten Zettel stehen die entsprechenden sinnvollen chinesischen Antworten. Mit anderen Worten: Eine äußere Beobachterin, die den Turing Test akzeptiert, müsste der Person im chinesischen Zimmer Bewusstsein hinsichtlich der Fragen und Antworten zuschreiben, doch damit würde sie sich offenbar irren: Die Person im Chinesischen Zimmer weiß schließlich nicht, was auf den Zetteln steht.

Searles Argument hat in der letzten Zeit ungeahnte Aktualität gewonnen: Die neueste Version von Chat GPT besteht nämlich den Turing Test, doch es erscheint äußerst unwahrscheinlich, dass sie Bewusstsein besitzt.

Searle wurde mit einer Vielzahl von Preisen geehrt, darunter waren fünf Ehrendoktorwürden, der Jean Nicod Preis, die National Humanities Medal der Vereinigten Staaten und der Mind and Brain Preis. Auch außerhalb von Seminarräumen und Vortragssälen war er nie um ein klares Wort verlegen. Schon während seines Bachelorstudiums engagierte er sich gegen Joseph Mc Carthy, der in den frühen Fünfzigerjahren gegen vermeintliche Verschwörungen von Kommunisten und Homosexuellen zu Felde zog. In den sechziger Jahren ergriff Searle dann als erster Professor seiner Universität Partei für die Studentenbewegung. Später setzte er seine Energien eher zu persönlichen Zwecken ein. Er klagte erfolgreich gegen ein Gesetz zur Stabilisierung der Mieten in Berkeley und beklagte sich darüber, dass er als Vermieter ähnlich misshandelt werde wie es den Afroamerikanern in den amerikanischen Südstaaten geschehen war.

Im Jahre 2017 wurde Searle wegen sexuellen Missbrauchs verklagt. Nachdem weitere Beschuldigungen bekannt wurden, entzog ihm die Universität 2019 seinen mit zahlreichen Privilegien verbundenen Status eines emeritierten Professors sowie das Recht, an der Universität zu lehren. John Searle verstarb am 17. September im Alter von 93 Jahren offenbar vereinsamt in einem Pflegeheim.

Source: faz.net