Zum Tod von Helme Heine: Mullewapp ist überall
Eine Hochzeit soll gefeiert werden, so viel steht fest, es fehlt der Bauernhofgesellschaft um den Bräutigam Schwarte und die anderen Schweine nicht an Enthusiasmus, wohl aber an allem, was die Würde einer solchen Veranstaltung unterstreicht. Das fängt mit der Körperhygiene der Gäste an, setzt sich in ihrem unpassenden Erscheinungsbild fort und gipfelt im Fehlen eines angemessenen Nachtlagers für das Brautpaar. Schwarte aber weiß, was zu tun ist. Als Erstes werden alle im Wasserstrahl ihre Dreckkruste los, dann zaubern Pinsel und Farben die schönsten und vornehmsten Kleider direkt auf die Körper der Schweine, und schließlich entsteht auf diese Weise auch noch ein Himmelbett.
So steht es im Buch „Na warte, sagte Schwarte“, erschienen 1977 im Gertraud Middelhauve Verlag, das im Folgejahr für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert worden ist und seither zum Bilderbuchklassiker avancierte. Natürlich passte es in eine Zeit, in der Literatur für junge Leser gern die Kraft der Phantasie beschwor und dazu aufrief, die Welt entsprechend umzugestalten. Dem Autor und Illustrator dieses Bilderbuchs aber war jede pädagogische Absicht fremd, ihm ging es um die Geschichte, um das freie Spiel auf seinem ursprünglichen Terrain – Sprache und Farben –, vor allem aber ging es ihm darum, all das, was er seinem Hausschwein abgelauscht und abgeschaut hatte, im Bilderbuch darzustellen.

Das Schwein mit dem schönen Namen Sauraja war ein Bewohner der Farm in Südafrika, auf der auch der 1941 geborene Helme Heine lebte, nachdem er 1965 nach Afrika gegangen war – als Betriebswirt, wie Heine erzählte, zurückgekommen sei er zwölf Jahre später als Künstler. Das sei unter anderem dem Austausch mit anderen geschuldet, mit denen er Abende verbrachte, billigen Rotwein trank und Geschichten austauschte. Er habe dort improvisieren gelernt, sagte er, die Freiheit, aus dem Vorhandenen etwas zu entwickeln, das gerade dadurch sein Publikum erreicht, dass diese Arbeitsweise eine Spur des Unerwarteten im Werk hinterlässt.
Zum Beispiel, wenn in der „Mullewapp“-Welt, in der sich die Protagonisten seines 1982 erschienenen Erfolgsbuchs „Freunde“ bewegen, auf einmal die Maus Johnny, der Hahn Franz und das Schwein Waldemar ihre je eigenen Fähigkeiten einbringen, um gemeinsam ein Fahrrad auszubalancieren und tatsächlich zur Fortbewegung zu nutzen. Das sieht nicht nur schön aus, im Buch und später auch im Animationsfilm, sondern es erzählt auch einiges über das Wesen einer Freundschaft unter Ungleichen, die dasselbe Ziel haben.

Im Umgang höflich, zuvorkommend und zugleich vollkommen sicher, was die eigene bedeutende Rolle in der Kinderliteratur angeht, ist Heines umfangreichem Werk ein erfreulicher Eigensinn eingeschrieben. Während der Drache Tabaluga, den Heine zeichnerisch entwarf, nach dem Willen seiner inhaltlichen Schöpfer das ewige Kindsein feiern sollte, hat der Illustrator die Vorstellung immer zurückgewiesen, man schreibe Kinderbücher für das verschüttete und neu entdeckte Kind in einem selbst. Es sei umgekehrt, sagte er im Gespräch über seine Arbeiten, je eher man die Kindheit als eine abgeschlossene Phase einer Biographie begreife und akzeptiere, dass sie wie durch einen Nebel vom Bewusstsein des Erwachsenen getrennt sei, umso besser schreibe man für diese spezielle Zielgruppe.
In Deutschland, wo er nach seiner Rückkehr große Erfolge feierte, auch mit Illustrationen für andere Autoren, hielt es ihn nicht. Er wanderte nach Neuseeland aus und schickte seine Werke von dort aus in die Welt. Insgesamt erreichten seine Werke eine Auflage von 25 Millionen Exemplaren. Am Donnerstag ist er im Alter von 84 Jahren gestorben.
Source: faz.net