Zulieferer im Verdacht: Babymilch-Skandal zieht immer größere Kreise

Die Welle an Babymilch-Rückrufen ebbt nicht ab. Am Montag kündigten die Hersteller Popote und Vitagermine den Rückruf von insgesamt fünf Produkten für die erste Altersstufe an. Beide begründeten diese Entscheidung mit dem strengeren Grenzwert für den Giftstoff Cereulid, den das französische Landwirtschaftsministerium am Freitagabend für Säuglingsmilch angekündigt hat.

Im Einklang mit neuen Empfehlungen der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) sollen demnach statt 0,03 nur noch 0,014 Mikrogramm je Kilogramm Körpergewicht erlaubt sein. Die betroffenen Produkte von Popote und Vitagermine entsprechen diesen Vorgaben nicht. Die neuen Empfehlungen der EFSA wurden für Montag erwartet.

Cereulid kann bei Säuglingen Übelkeit und Erbrechen verursachen. Im schlimmsten Fall führt der Giftstoff bakteriellen Ursprungs zu schweren Infektionen mit tödlichem Ausgang. Seine Bildung kann durch ein Öl begünstigt werden, das viele Hersteller Babymilch hinzufügen, weil es reich an der in Muttermilch natürlich vorkommenden Omega-6-Fettsäure Arachidonsäure ist.

Nestlé brachte den Stein ins Rollen. Im Dezember rief der Schweizer Lebensmittelkonzern Säuglingsmilch der Marke Guigoz zurück, nachdem er bei Selbstkontrollen in einem niederländischen Werk Cereulid in einem Produkt festgestellt hatte. Anfang Januar weitete sich der Rückruf auf rund 60 Länder aus. In Deutschland sind Nestlé-Produkte der Marken Beba und Alfamino betroffen.

Ohnehin in der Defensive

Auch andere große Babymilchhersteller riefen in den vergangenen Wochen Produkte zurück, etwa der französische Danone-Konzern mit Produkten der Marke Aptamil. Nestlé aber ist besonders stark betroffen, da in Bordeaux und im westfranzösischen Angers zudem die Staatsanwaltschaften wegen eines möglichen Zusammenhangs mit dem Tod zweier Säuglinge ermitteln. Beide sollen mit Milch der Marke Guigoz ernährt worden sein.

Bislang gibt es nach Behördenangaben keinen Beleg für einen Kausalzusammenhang. Doch am Freitag veröffentlichte Recherchen der Zeitung „Le Monde“ setzen Nestlé, wegen des Skandals um die illegale Reinigung von Mineralwasser in Frankreich ohnehin in der Defensive, weiter unter Druck.

Die Chronologie des Krisenmanagements wirft demnach Fragen auf. So räumte Nestlé ein, schon Ende November von der Kontamination von Babymilch mit Cereulid gewusst zu haben, während die Rückrufaktionen erst am 11. Dezember starteten. Der Konzern teilte mit, zunächst „eine Gesundheitsrisikoanalyse“ durchgeführt zu haben.

Dabei sei es darum gegangen, „die Symptome und Folgen des Verzehrs der betroffenen Produkte zu verstehen und diese Informationen an die zuständigen Behörden weiterzugeben“ – obwohl die Auswirkungen von Cereulid als hinlänglich bekannt gelten dürften.

„Einfach unanständig“

Als Quelle der Kontamination identifiziert wurde das an Arachidonsäure reiche Öl nach Angaben von Nestlé gleichwohl erst am 23. Dezember. Sechs Tage später habe man den Hersteller dieses Öls dann informiert und am Tag drauf die Branchenverbände alarmiert.

Für die Verbraucherorganisation Foodwatch steht fest: Die Rückrufe von Nestlé, aber auch Danone und Lactalis aus Frankreich waren verspätet. Die Unternehmen hätten eine „erschreckende Nachlässigkeit an den Tag gelegt“, kritisierte Ingrid Kragl von Foodwatch Frankreich.

Es sei „einfach unanständig, heute den Zusammenhang zwischen dem Verzehr der zurückgerufenen Milch und den schweren Symptomen, unter denen viele Säuglinge zu leiden hatten, herunterzuspielen und zu leugnen“. Am vergangenen Donnerstag hat die Organisation in Paris Klage gegen unbekannt eingereicht, der sich nach eigenen Angaben acht Familien angeschlossen haben.

Mangelnde Veröffentlichung von Testergebnissen

Undurchsichtig bleibt die Rolle des Ölherstellers, bei dem es sich um Cabio Biotech aus China handelt. Das in Wuhan ansässige Unternehmen steht im Verdacht, mit Bakterien verunreinigtes Öl an Nestlé, aber auch Danone, Lactalis und die anderen großen Babymilchproduzenten in Europa geliefert zu haben.

Auch die mangelnde Veröffentlichung von Testergebnissen wird Cabio Biotech zur Last gelegt. Das Unternehmen reagierte nicht auf Bitte um eine Stellungnahme. Sein Aktienkurs hat seit Anfang Januar mit knapp 20 Prozent noch stärker an Wert eingebüßt als die Kurse von Nestlé und Danone, die in den vergangenen Wochen ebenfalls Verluste verzeichneten.

Foodwatch mahnt, nicht von der Verantwortung abzulenken. Der Lieferant der beanstandeten Arachidonsäure mag zwar chinesisch sein. Das entbinde Unternehmen wie Nestlé, Lactalis oder Danone aber „nicht von ihrer Pflicht, die Gesundheitssicherheit ihrer Produkte zu gewährleisten“ und die europäischen Vorschriften einzuhalten.