Zukunft | Wie dieser Hyperkapitalismus Frankfurt frisst: Aiki Miras düstere Utopie „Denial of Service“

Frankfurt am Main ist längst nicht mehr Stadt, sondern Algorithmus. In Aiki Miras Science-Fiction-Krimi „Denial of Service“ steuert eine KI den Alltag, während am Boden Menschen und Maschinen lernen, was Solidarität künftig bedeuten könnte


Der Himmel über Frankfurt: Was braut sich in der hyperkapitalistischen Stadt in naher Zukunft noch zusammen?

Foto: Ivan Mihajlovic


In der hyperkapitalistischen Privatstadt Frankfurt mit funkelnden Skylines und hochentwickelten Überwachungssystemen sollte eigentlich gar kein Widerstand mehr möglich sein. Trotzdem gibt es Kids, die aus dem System herausfallen, in versteckten Brachen des Molochs leben und mit ihren selbst gebauten Drohnen kunstvolle Graffiti auf die Oberflächen der schicken Gebäude sprühen.

Aiki Miras Roman Denial of Service ist eine Mitte des 21. Jahrhunderts angesiedelte spätkapitalistische Überwachungsdystopie, die das utopische Potenzial widerständiger Akteure der Zukunft auslotet. Das liegt gerade im Trend, wie auch in der neuen Streaming-Serie Smillas Gespür für Schnee, ein SF-Remake von Peter Høegs Erfolgsroman aus den 1990ern. Aber auch in Frankreich boomt mit Büchern wie Alain Damasios Die Flüchtigen oder Laurent Gaudés als Zone 3 verfilmtem Erfolgsroman Hund 51 die Erzählung von utopischen Widerständen im dystopischen Spätkapitalismus des mittleren 21. Jahrhunderts.

Aiki Mira aus Hamburg legt den Fokus auf die Entwicklungen digitaler Technologien und darin schlummernder subversiver Möglichkeiten. Die Privatstadt Frankfurt am Main wird von einer KI, einem künstlich-neuronalen Netz, gemanagt, das als KNN die eigentliche Stadtverwaltung und das Herz oder Gehirn dieser Metropole ist. Nur hat das System plötzlich einen Bug und es kommt zum titelgebenden Denial of Service.

Aiki Miras Roman besticht durch detailliertes Worldbuilding

Als ein Straßenkind eine digitale Droge ausprobiert und dabei ums Leben kommt, wird sein Leichnam von der sonst omnipräsenten Verwaltung nicht entsorgt. Stattdessen kümmern sich einige Bewohner der Stadt darum, die eher zufällig aufeinandertreffen. Neben einem anderen Straßenkind namens Tad, das außerdem eine verloren gegangene Freundin sucht, ist da noch die Imbissbuden-Betreiberin Per, die im Dauerclinch mit ihrer Ex-Geliebten Lele liegt und sich ständig Vorhaltungen ihrer Mutter Fatma anhören muss.

Ihr Laden im Zentrum der Glitzermetropole wird zum Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Die aus den Suburbs stammende Datenanalystin Jov, die einen Job bei der privaten Stadtverwaltung antritt und dort die geheimnisvolle Omono kennenlernt, landet ebenfalls in dem Imbiss, wo Mega-Balls mit diversen Soßen gereicht werden und sich bald ein informelles soziales Netzwerk entwickelt. Aiki Miras Roman besticht vor allem durch sein detailliertes Worldbuilding.

Mira schreibt in eindrucksvoller, stellenweise fast lyrischer Prosa von der Stadt der Zukunft. Die ist „glänzend und fließend. Als hätte jemand seltenes Öl verschüttet, das sich selbständig zur Skyline formt.“ Aber Frankfurt ist auch „ein Monster, das nie aufhört zu wachsen oder hungrig zu sein … Eine Freiluft-Forschungsstation im Wolkenkratzer-Exoskelett, die Abfall produziert, Informationen verarbeitet, sich anpasst und weiterentwickelt.“

Doie Figuren bewegen sich durch einen futuristischen Moloch

Die meisten Bewohner sind mit der Metropole per Chip verbunden. Wenn Jov morgens zum Arbeiten in den Büroturm der Verwaltung kommt, weiß sie gar nicht, wo ihr Büro heute liegt und was ihre Aufgabe an diesem Tag sein wird. Irgendwann entdeckt sie sogar ein verstecktes Zwischenstockwerk im Verwaltungsgebäude, das ein wenig an den siebeneinhalbten Stock in Spike Jonzes Film Being John Malkovich erinnert.

Miras Figuren bewegen sich durch diesen futuristischen Moloch ganz langsam aufeinander zu, um sich dann in einem Akt selbst organisierter Care-Arbeit um das tote Straßenkind zu kümmern und Tad bei der Suche nach der verloren gegangenen Freundin zu helfen. Gleichzeitig versucht die bunte Truppe ein Rätsel zu lösen, das die Grundfesten der Privatstadt und ihrer Ordnung erschüttert.

Dazu müssen sie das Stadtzentrum verlassen und in das Brachland jenseits der Metropole hinausmarschieren, mitten hinein in „ein posturbanes Gebiet, vernarbt von Klimakatastrophe und Kapitalismus“, wie es heißt. Dort treffen sie auf allerlei eigenartige Geschöpfe, mutierte Tiere mit Menschenhaaren, Bot-Wesen, die ein eigenes Kommunikationsnetz betreiben und in den halb zerstörten Körpern künstlicher Kinder hausen.

Es geht um queere und postmigrantische Identitäten

Die aussortierten digitalen Wesen und Mutationen dieser Zukunft sind wie ein neues Proletariat, das denkt, fühlt, atmet und um sein Überleben kämpft. Mit ihnen muss sich die zusammengewürfelte Gruppe Menschen aus dem Frankfurter Zentrum kurzschließen, um ein Labor zu finden, in dem eine neue digitale Lebensform entstanden ist.

Denial of Service steht in einer Tradition der herrschaftskritischen Science-Fiction, wie sie Donna Haraway zuletzt in Unruhig bleiben schrieb, wie sie aber auch immer wieder in einzelnen Texten von Joshua Groß und in zahlreichen Romanen von Dietmar Dath zu finden ist. In diesen Texten wird schon einmal eine Welt jenseits des Anthropozäns durchforscht, wo ganz neue Lebensformen entstehen und die Grenzen zwischen den Arten und verschiedenen Spezies fließend sind.

Die unterschiedlichen Handlungsstränge und Figuren webt Aiki Mira fast spielerisch zusammen. Es geht um queere und postmigrantische Identitäten, um Arbeitshierarchien, um romantisches Begehren, widerständige Praktiken im Alltag und um Beexone II, einen alternden Popstar, deren Körper „dunkelblau gefärbt und mit weißen Netzen aus Schrift übersät“ ist und die sich in die Suche mit einmischt.

Denial of Service erzählt von einer kollektiven Intervention, bei der sich digitale Lebensformen und Menschen aus allen Teilen des Herrschaftsapparats zusammenfinden und gemeinsam etwas Neues erschaffen. Zentral dafür ist das Bot-Netz, das in dieser Fiktion einer strengen Ethik gehorcht. Bots und ihre Kommunikation sind hier keine Tools zur Faschisierung, wie wir oft befürchten, sondern Ausdruck einer Rebellion, die aus kollektivem Maschinenprotest entsteht. Die sonst so dystopische digitale Zukunft bietet in Aiki Miras empowerndem Roman jede Menge utopischer Möglichkeiten.

Denial of Service. Aiki Mira, Tor bei Fischer 2025, 256 S., 18 €