Zodiac Milpro: Schlauchboote zu Gunsten von Streitkräfte

Nach dem Verlassen des Hafens von Rosas in der spanischen Region Katalonien gibt es kein Halten mehr. Die leicht bewegte See animiert den Fahrer dazu, die drei 400 PS starken Motoren auf Touren zu bringen. In rasendem Tempo schießt das Schlauchboot aus der Hurricane-Baureihe über die Wellen der Costa Brava entlang in Richtung Frankreich.
Die Empfehlung, sich anzuschnallen, eine Schutzbrille aufzusetzen und das Smartphone zu verstauen, kommt nicht von ungefähr, denn in der Spitze werden 57 Knoten oder 105 Kilometer pro Stunde erreicht. Nach knapp 60 Minuten ist der wilde Ausritt beendet und das Schlauchboot in martialisch schwarzer Farbe zurück im Hafen. Dort zieht es an diesem sonnigen Nachmittag die Blicke von Schaulustigen auf sich.
„Formel 1 des Meeres“
Das Hurricane-Boot ist kein handelsübliches Schlauchboot für gemütliche Freizeittouren. Mit seiner hohen Motorisierung, elf Meter Länge und seinem festen Rumpf aus Aluminium ist es vielmehr für anspruchsvolle, kritische Einsätze gemacht. „Diese Boote sind ein bisschen die Formel 1 des Meeres“, sagt mit einigem Stolz in der Stimme Guillaume Laurin, der Chef des Herstellers Zodiac Milpro . Kritische Einsätze, das meint nicht zuletzt militärische Operationen wie das Entern feindlicher Schiffe. Die „Hurricane“-Baureihe lässt sich mit unterschiedlichsten Waffensystemen aufrüsten, bis hin zu Granatwerfern oder Maschinengewehren, und bietet Platz für bis zu 24 Personen. Zur Kundschaft gehören neben Marine und Spezialeinheiten Zoll und Küstenwache, die Seegrenzen kontrollieren und Abfangmanöver durchführen.
Wie alle Bereiche der Rüstungsindustrie boomt auch der Markt für Festrumpfschlauchboote, wie die Hurricane-Fabrikate und vergleichbare Modelle im Fachjargon heißen. Das zeigt der Umsatz von Zodiac Milpro. Das in Paris ansässige mittelständische Traditionsunternehmen, dessen Anfänge zurückreichen bis ins Jahr 1896, hat seinen Umsatz in den zurückliegenden fünf Jahren auf rund 110 Millionen Euro glatt verdoppelt.
Goldgräberstimmung in Rosas
Zodiac Milpro hat auch andere gewerbliche Kunden, doch Streitkräfte sind die wichtigsten Abnehmer der Boote. Zum Gewinn macht das Unternehmen, das sich seit 2018 in den Händen des Pariser Private-Equity-Fonds Argos Wityu befindet, keine Angaben. Man habe die Profitabilität in seiner Amtszeit deutlich gesteigert, macht Laurin aber deutlich. Knapp 20 Jahre lang diente er in der französischen Marine. Die Geschäftsleitung von Zodiac Milpro übernahm er im Jahr 2020.
Im spezialisierten Bereich der militärischen Schlauchboote ist das Unternehmen Weltmarktführer. Etwa 40 Prozent seines Umsatzes erwirtschaftet es in Europa, die übrigen 60 Prozent entfallen zur Hälfte auf Nordamerika und zur anderen Hälfte auf Asien einschließlich des Mittleren Ostens. Die Geschäftsvolumina sind nicht mit denen auf dem Markt für schweres Kriegsgerät wie Fregatten oder Kampfpanzer zu vergleichen. Dennoch herrscht Goldgräberstimmung in Rosas.
Die Fabrik an der Costa Brava ist neben Vancouver der Hauptproduktionsstandort von Zodiac Milpro. Vom Design über das Schweißen und Kleben der Bootsrümpfe bis hin zum Einbau elektronischer Radar- und Steuerungssysteme herrscht Hochbetrieb an diesem Nachmittag. Der Standort mit seinen rund 260 Beschäftigten ist schon länger voll ausgelastet, die Bauarbeiten zur Fabrikvergrößerung laufen längst. Diese soll die Produktionskapazitäten in Rosas um rund 20 Prozent erhöhen.
Kundennähe für weniger Transportkosten
Vor allem Elektronik und Waffensysteme machen die Boote zu einem Hochtechnologieprodukt. Gerade für militärische Kunden sind die Anforderungen an Zuverlässigkeit, Sicherheit und Leistung hoch – und stetig wachsend, etwa was das Zusammenspiel mit den auf dem Gefechtsfeld immer wichtigeren Drohnen angeht. Zodiac Milpro kann dabei mit 60 Ingenieuren in seiner eigenen Entwicklungsabteilung und seinen über Jahrzehnte erworbenen Kenntnissen und Patenten punkten. „Wir sind die Einzigen, die im Premiumbereich wirklich international sind“, sagt Laurin. Das Einstiegssegment auf dem Schlauchbootmarkt überlasse man anderen.
Auch in Deutschland sind die Franzosen auf dem Vormarsch. 2022 haben sie die Yachtwerft Meyer übernommen, einen bis dato kleinen, vor allem auf Beiboote für Luxusyachten spezialisierten Anbieter mit Sitz in Bremen – nicht zu verwechseln mit dem in Papenburg ansässigen Schiffbaukonzern Meyer Werft. Die Akquisition sollte nicht bloß das Produktportfolio von Zodiac Milpro erweitern. Vielmehr ist sie mit Blick auf die Aufrüstungswelle in Deutschland und Ländern an der NATO-Ostflanke vor allem ein strategischer Schritt. Kundennähe sei wichtig bei der Auftragsvergabe und spare Transportkosten, lautet die Devise.
Im Buhlen um neue Aufträge der Bundeswehr hat sich der Vorstoß in deutsche Gewässer schon ausgezahlt: Anfang Oktober billigte der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestags die Beschaffung von bis zu 26 neuen Einsatzbooten bei Zodiac Milpro, davon neun fest und 17 als Option. „Die neuen Boote sind für Operationen der Spezialkräfte der Marine über mittlere Distanzen und im küstennahen Bereich zwingend notwendig und für Spezialeinsätze weltweit verwendbar“, erklärte das Bundesverteidigungsministerium.
Rüstungskooperation zwischen Deutschland und Frankreich möglich
Die Auslieferung der Boote soll von 2027 an erfolgen. Produziert werden sie wegen der operativen Dringlichkeit in Vancouver. Doch der Standort Bremen leitet das gesamte Projekt und erwirbt so militärisches Know-how, ist Unternehmenschef Laurin wichtig zu betonen. Dieser Kompetenzzuwachs sei „die Grundlage für unser Ziel, die Mitarbeiterzahl in Deutschland mittelfristig zu verdoppeln“, sagt er; aktuell sind es knapp 50. Das verdeutliche die schon für in Kürze geplante Produktion eines ersten Boots vom Typ SRA 750 in Bremen noch in diesem Jahr. Bei der Yachtwerft Meyer beurteilt man die Zusammenarbeit mit den Franzosen im Großen und Ganzen positiv.
Deutschland ist auf diese Weise dabei, zum drittgrößten Standort für Zodiac Milpro hinter Spanien und Kanada zu werden. Produktion, Absatz und Personal sind für die Rüstungsindustrie in ungewöhnlichem Maße internationalisiert. Eine konstruktive und reibungsarme Rüstungskooperation zwischen Deutschen und Franzosen sei, anders als das Drama um das Kampfflugzeugprogramm FCAS Glauben mache, möglich, heißt es im Umfeld des Unternehmens.