Zerreißprobe für jedes Linke: Quentin Deranque könnte Frankreichs Charlie Kirk werden

In Lyon ist ein 23-Jähriger bei einem Zusammenstoß zwischen rechten Identitären und antifaschistischen Aktivisten ums Leben gekommen. Kurz vor den Kommunalwahlen gerät dadurch besonders die Linkspartei La France Insoumise in Erklärungsnot


Ist das Frankreichs Charlie Kirk?

Foto: Alain Jocard/AFP via Getty Images



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Noch wissen wir nicht alles über diesen 12. Februar 2026 und das, was sich an diesem Tag in Lyon, nahe der Universität Sciences Po genau abgespielt hat. Über allem schwebt die Frage: Wer trägt die Verantwortung für den Tod der 23-jährigen Quentin Deranque, der bei einem Zusammenstoß zwischen ultrarechten und antifaschistischen Aktivisten so schwer verletzt wurde, dass er zwei Tage später starb.

Es war gegen 18 Uhr, als Rima Hassan, Europa-Abgeordnete der französischen Linkspartei La France Insoumise (LFI) einen voll besetzten Hörsaal der Lyoner Universität betrat. Hassan, ein politisches Ausnahmetalent, wird in linken Kreisen gefeiert. Sie nahm im Juni 2025 an der Segelmission „Freedom Flotilla Coalition“ teil, um die israelische Gaza-Blockade zu durchbrechen. Politische Gegner werfen der 33-Jährigen, die im palästinensischen Flüchtlingslager Nayrab geboren wurde, Nähe zur Hamas vor. Sie verherrliche islamistischem Terror.

Nicht überraschend also, dass sich in einer Stadt wie Lyon, die seit Jahren durch häufige Zusammenstöße extremer Gruppen von links und rechts politisiert ist, eine Gegendemonstration formiert, wenn Rima Hassan auftaucht. Getragen wurde die Aktion vom „Collectif Némésis“, das sich als feministische Gruppierung innerhalb der rechtsextremen Identitären versteht. Diese greift feministische Themen auf und deutet sie in reaktionärer Lesart um, getragen von rassistischem, islamfeindlichem und transphobem Gedankengut.

Mitglieder der Jungen Garde festgenommen

In Lyon nun, so die Version der Némésis-Gründerin Alice Cordier, seien am 12. Februar eine Handvoll Mädchen durch Freiwillige geschützt worden. Die seien bereit gewesen, einzugreifen „und für Ordnung zu sorgen, falls die Aktivistinnen angegriffen werden“, erklärte sie gegenüber der Tageszeitung Le Figaro. Am frühen Abend stießen diese Freiwilligen, unter ihnen Quentin Deranque, einen halben Kilometer von der Universität entfernt, auf Antifa-Aktivisten, deren Zahl in Lyon in den vergangenen Jahren stark zugenommen hat. Ob sie eine direkte Verbindung zur Veranstaltung hatten, ist noch unklar. Videoaufnahmen zeigen zwei Männer am Boden liegend, die von mindestens sechs Personen durch Tritte misshandelt werden, bevor alle auseinander laufen.

Quentin Deranque, der sich zunächst noch vom Tatort entfernen kann, erliegt zwei Tage später im Krankenhaus seinen Verletzungen. Bislang sind einige Täter identifiziert, vier davon festgenommen. Es soll sich um Mitglieder der Jungen Garde (La Jeune Garde) handeln, einer antifaschistische Verbindung, die 2018 von LFI-Mitglied Raphaël Arnault mitbegründet wurde und mehrere hundert Mitglieder zählte, bevor sie im Juni 2025 durch den damaligen Innenminister Bruno Retailleau auflöst wurde.

Seinerzeit erhob sich Widerspruch gegen diese Entscheidung. Verwiesen wurde auf den defensiven Charakter der Gruppe, obwohl diese mit einer aggressiven Neonazi-Szene in Lyon konfrontiert gewesen sei. Andere Antifa-Gruppen kritisierten die Junge Garde als zu wenig kapitalismuskritisch und warfen ihr „Salon-Antifaschismus“ vor.

Wie auch immer die Vorgeschichte ausschaut und gedeutet wird, Tatsache ist: Die Junge Garde steht beim Fall Quentin Deranque im Mittelpunkt der Ermittlungen und wird für die Partei La France Insoumise (LFI) zu einem immensen Problem.

Frankreichs Charlie-Kirk-Moment

Die Staatsanwaltschaft in Lyon ermittelt, Stunde um Stunde gibt es neue Details über das Opfer, den Tathergang, die Täter. Kurz vor den Kommunalwahlen am 15. März (erster Wahlgang) ist die Instrumentalisierung des Geschehens im vollen Gange. Am Wochenende drückte Emmanuel Macron auf X bereits seine Bestürzung aus und forderte zu „Ruhe, Zurückhaltung und Respekt“ auf.

Keine Ideologie könne als Rechtfertigung dafür dienen, jemanden zu töten. Vielleicht ahnte er, dass der „Fall Quentin“ für Frankreich eine Art Charlie-Kirk-Moment auslösen könnte. Justizminister Gérald Darmanin wurde auf dem rechtskonservativen TV-Sender CNews deutlicher: „Nicht die Polizei tötet in Frankreich, sondern das Verhalten der Ultra-Linken.“ In den sozialen Netzwerken tauchten Fotomontagen von Linkspolitikern mit Blut an den Händen auf.

Marion Maréchal Le Pen, Nichte von Marine Le Pen, sprach von „Lynchmord“ und postete auf X: „Die Milizen von Mélenchon und LFI töten“. Mélenchon selbst beklagte bei einem Meeting in Montpellier, dass die Medien Hass gegen seine Partei schürten. Manuel Bompard aus der LFI-Führungsriege wies jede politische Verantwortung für den Tod Quentins zurück und verurteilte, wie sehr das Drama nun politisch ausgeschlachtet werde – einen Monat vor den Kommunalwahlen.

Tatsächlich erlebt die Partei LFI gerade den politischen Supergau und muss befürchten, mit ihrem Programm im Fegefeuer der Nachrichtenlage gar nicht mehr durchzudringen. Gerade wurde darüber gestritten, ob die Partei wegen angeblich antisemitischer Äußerungen einiger Mitglieder als linksextrem eingestuft werden dürfe, wie es Innenminister Laurent Nuñez zuletzt verfügt hatte.

Gleichzeitig sehen sich alle anderen Parteien des linken Spektrums der Frage ausgesetzt, ob sie mit Mélenchon kooperieren, wenn es in der zweiten Runde der Kommunalwahlen darum gehen könnte, wieder eine „Republikanische Front“ gegen den Rassemblement National zu bilden. Der Fall Quentin lastet schwer auf den „Unbeugsamen“, und von Macrons angemahnter Ruhe und Zurückhaltung ist in Frankreich rein gar nichts zu spüren.