Zeremonie macht den Vater
Die WHO rät Männern bislang zu bis zu sieben Tagen Abstinenz, um ihre Fruchtbarkeit zu erhöhen. Forscher stellen diese Empfehlung jetzt infrage. Sie haben herausgefunden, wann Spermien die größten Chancen auf eine Schwangerschaft bieten.
Regelmäßige sexuelle Aktivität kann die Fruchtbarkeit von Männern steigern. Eine Studie deutet darauf hin, dass die Lagerung – im Körper wie auch außerhalb des Organismus – die Qualität von Spermien beeinträchtigt. Umgekehrt könne regelmäßiges Ejakulieren bei Männern mit Kinderwunsch die Aussicht auf Nachwuchs erhöhen, schreibt ein britisch-deutsches Forschungsteam in den „Proceedings of the Royal Society B“.
Männern mit unerfülltem Kinderwunsch rät die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vor der Abgabe von Samenspenden, etwa zur künstlichen Befruchtung, zu zwei bis sieben Tagen sexueller Abstinenz. Dem widerspricht das Forschungsteam um den Biologen Krish Sanghvi von der University of Oxford nun entschieden. Die Gruppe hatte zuvor 115 Studien mit insgesamt knapp 55.000 Männern sowie 56 Studien zu Vertretern anderer Arten ausgewertet.
Demnach leidet die Qualität von Spermien mit der Zeit ihrer Lagerung. Die Forscher erklären das mit der sogenannten post-meiotischen Sperma-Seneszenz (PMSS), also der Alterung der Spermien nach ihrer Entstehung. Diese ging in den Studien einher mit zunehmenden Schäden am Erbgut, mit oxidativem Stress, verringerter Mobilität und verringerter Funktionsfähigkeit, heißt es zur Begründung.
„Weil Spermien hochmobil sind und wenig Zellplasma haben, verbrauchen sie ihre gespeicherten Energiereserven sehr schnell und haben begrenzte Reparaturkapazität“, erläuterte Co-Autorin Rebecca Dean. „Das macht die Lagerung im Vergleich zu anderen Zelltypen besonders schädlich.“ Regelmäßiges Ejakulieren könne die Fruchtbarkeit von Männern steigern.
Dies werde in der Reproduktionsmedizin zu wenig berücksichtigt, bemängeln die Forscher. „Ejakulate sollten als Populationen individueller Spermien betrachtet werden, die Geburt, Tod, Altern und Sterben durchlaufen“, so Erstautor Sanghvi. Der von der WHO genannte Abstinenz-Zeitraum von bis zu sieben Tagen vor einer Samenspende sei zu lang.
Spezielle Organe zur Spermienlagerung
Das deckt sich mit den Resultaten einer chinesischen Studie mit gut 450 Paaren, die sich einer künstlichen Befruchtung unterzogen. Hatten die Männer eine Ejakulationsabstinenz von maximal 48 Stunden, betrug die Aussicht auf eine Schwangerschaft gut 54 Prozent. Lag die Abstinenz bei zwei bis sieben Tagen, waren es dagegen nur knapp 45 Prozent, wie das chinesische Team in einem nicht begutachteten Preprint der Zeitschrift „The Lancet“ schreibt.
Kurioserweise zeigt die aktuelle Studie des Teams um Sanghvi auch, dass bei einigen anderen Arten Spermien im Körper von weiblichen Tieren wesentlich besser aufgehoben sind als bei den Männchen. Dies ist etwa bei manchen Fledermäusen der Fall, bei denen die weiblichen Tiere nach der Paarung Spermien monatelang während ihrer Winterruhe speichern.
Bei manchen Reptilien könne eine solche Lagerung sogar Jahre dauern. Hier haben Weibchen spezielle Organe, die die Spermien nicht nur aufbewahren, sondern sie auch etwa mit Antioxidantien versorgen und so ihre Qualität bewahren.
Die Erkenntnisse zur Spermienqualität könnten nicht nur in Fruchtbarkeitskliniken und bei künstlicher Befruchtung genutzt werden, sondern auch etwa bei Zuchtprogrammen für bedrohte Arten in Zoos, schreibt das Team um Sanghvi.
Walter Willems, dpa/ly
Source: welt.de