Zauber welcher Tanzplattform: Lichtumhang um die Intimität
Alle zwei Jahre finden die 1996 gegründeten „Swiss Dance Days“ statt, jeweils in einer anderen Schweizer Stadt. Wie beim Theatertreffen oder der Tanzplattform Deutschland sichtet eine Jury im Vorfeld die Produktionen aus dem Zweijahreszeitraum und diskutiert, bis die Auswahl von gut einem Dutzend Choreographien feststeht, die während der vier Festivaltage den Zuschauern, unter denen sich viele akkreditierte Veranstalter und Journalisten befinden, gezeigt werden sollen. Zugänglichkeit und Inklusivität des Tanzes beschäftigten die Jury dieses Mal – und die Frage, wo Tanz aufhört und Theater beginnt, welche Performances noch als Tanz begriffen werden können, aber auch, wie sozialer Tanz, Club Dance und Street Dance unter den Bedingungen des Bühnentanzes aufgeführt werden können, ohne zu verlieren.
Auf sehr unterschiedliche Ästhetiken, sehr verschiedene Auffassungen davon, was Tanz sein kann, hat sich die Jury für die jetzt in Bern veranstaltete aktuelle Ausgabe verständigt und dreizehn Stücke ausgesucht. Die Jurymitglieder kamen aus verschiedenen Regionen der Schweiz und verschiedenen Tanzberufen: Mit Pascale „Baba“ Altenburger war eine Berner Performerin und Tanzpädagogin für Street und Club Dance dabei, Léo Chavaz ist an der Programmplanung des Pavillon ADC in Genf beteiligt, Lorenzo Conti kuratiert ein Festival in Lugano, Lisa Letnansky ist Leitende Dramaturgin im Tanzhaus Zürich und Brandy Butler eine Zürcher Performancekünstlerin. Ausgesucht hat diese Jury wiederum der diesjährige Vorstand des Vereins Swiss Dance Days mit verschiedenen beteiligten Schweizer Veranstaltungsorten. Das zeigt, wie versucht wird, transparente, demokratische Verfahren zu entwickeln, damit sich alle Künstler im Auswahlverfahren möglichst fair behandelt sehen.
Internationale Gastspielfähigkeit wird vorausgesetzt
198 Werke hat die Jury gesichtet, und um in dieses Verfahren aufgenommen zu werden, mussten sich die Choreographen bewerben. Zu den Kriterien der Jury zählt „ästhetische, generationelle und regionale Vielfalt“; die „hohe künstlerische Qualität der Stücke“, nach der gesucht wird, soll sicherstellen, dass sie für internationale Gastspiele bei den eingeladenen ausländischen Veranstaltern in Betracht kommen. Gesellschaftliche Transformation beginne oft mit Kunst, schreibt die Jury in ihrer Stellungnahme und sagt, ihre „kollektiv und stolz“ präsentierte Auswahl enthalte nur „wagemutige, rigorose und tief empfundene Stücke“.

Das Interessante an den Schweizer Tanztagen ist wie bei anderen derartigen Plattformen die Chance, an vier Tagen dreizehn Werke sehen zu können. Die ersten Vorstellungen beginnen vormittags um elf, die letzten um 22 Uhr. Man läuft den ganzen Tag zwischen den verschiedenen Spielorten hin und her und sieht ein Stück nach dem anderen.
Die sechs Stücke des Samstags könnten alle international touren, und die Kriterien „wagemutig“, „rigoros“ und „tief empfunden“ muss man ihnen tatsächlich attestieren. Der Choreograph Bast Hippocrate tanzt in seinem Männer-Duett „Joyaux Lourdement Sous-Estimés“ – etwa „Stark unterschätzte Edelsteine“ – mit Marcos Arriola. Lange, bereits während das Publikum den Saal betritt und sich einen Platz rund um die Tanzfläche herum aussucht, befinden sich die beiden auf einer durchsichtigen von einem Motor gedrehten sehr kleinen Plattform. Nur ihre Füße haben darauf so Platz, dass sie sich etwas hin und her schieben und gegeneinander drehen können. Darüber hängen Scheinwerfer und ein ganz besonderes Gerät, das nach einer Weile einen laserscharfen Lichtumhang um die Intimität der beiden schließen wird. Wann immer ein Körperteil diesen Schutzschild durchbricht, leuchtet es an der Stelle rot.
Bisweilen hält man schwer aus, was da getanzt angedeutet wird
Lange variieren die beiden in bewundernswerter Ruhe die Stellungen ihrer Solitude. Später verlassen sie nacheinander die Drehscheibe ihrer Begegnung. Danach vergrößern und verringern sich die Abstände zwischen ihnen abwechselnd, und nach und nach kommt in ihre physisch auch sehr brutalen Interaktionen ein anderer Ton, der neue Nähe zu versprechen scheint. Was nie aufhört, ist der wiederholte Griff in den Nacken des anderen, das Herunterknallenlassen des anderen Körpers auf den Rücken, eine Art Rücksichtslosigkeit und Härte gegenüber der eigenen und gespiegelten Verletzlichkeit. Bast Hippocrates Stück ist ehrlich und verschlossen zugleich, widersprüchlich ist bei ihm alltäglich, nicht alles ist verständlich, und manchmal hält man die harten Gesichter und das, was sie ihren Körpern antun, schwer aus, etwa die Ellbogen unter dem Kinn.
Die Choreographie ist etwas zu lang, aber das gilt auch für weitere Produktionen. Sie haben große Stärken und Protagonisten, die faszinieren, aber dramaturgische letzte Kürzungen würden das Ganze noch besser machen. Gerade ein eher performancehaftes Stück wie das Solo „Gimme a break!!!“ von Baptiste Cazaux, der die Lautsprecher arrangiert, als wären sie ein Ensemble akustischer Akteure, und in ein Headbanging verfällt, das Unfallchirurgen zusammenzucken lassen würde, könnte durch Kürzungen gewinnen. Man ist zwar gerne bei Cazaux, der eine seltsam entrückte, intensive, versponnene Energie in den Raum schickt, aber in den Pausen seiner Sinnsuche, wenn die Katharsis wieder sehr weit entfernt zu sein scheint, wünschte man sich, die Energie ginge schneller wieder hoch. Aber vielleicht ist das auch eine Kritik am Publikum.
Gewalttätig anmutende Aktionen, die sich gegen den eigenen Körper richten, setzten auch die Frauen von Luana Volets „Théâtre de l’extrème“ ein, die auf dem Bahnhofsplatz von Bern Bretter und Flaschen zertrümmerten, wild aussahen und heftig tanzten und den ganzen öffentlichen Raum, in dem immer mehr Menschen stehenblieben, um sie zu beobachten, wirklich für sich einnahmen. Die Sympathien flogen ihrer stellenweise auch sehr witzigen Performance „Parade d‘intimidation aigre doux“ nur so zu, und dann endete die süß-saure feministische Einschüchterung mit Konfetti-Explosionen.
Kampf gegen Boden und Wände
Die Gruppe um Jeremy Nedd tanzte in „from rock to rock aka how magnolia was taken for granite“ vor seltsamen mit KI generierten, aber in strahlenden Sonnenschein getauchten Foto-Bergen und hinter einem Steinhügel. Sie selbst bildeten einen Körper-Berg aus Trainingsanzügen und versteckten sich unter ihren Kapuzen. Ihre kleinen Schritt-Tänze, bei denen eine Hand immer so wischte wie zu einer Ohrfeige oder beim Top Spin, ausgeführt auf Bauchhöhe, unterliefen viele Metamorphosen. Handbewegungen sahen dann aus wie etwa das Gasgeben bei einer Harley. „I just like to be me“ sang es an einer Stelle: Das ist eh das Beste, hier wurde es ausgestellt, in aller Ruhe.
Mehr Drama, ein Kampf gegen Boden und Wände, mit der Tradition des Tanzes und um deren Rettung vielleicht, entwickelte sich im Solo „Untitled (Nostalgia, Act 3)“ von Tiran Willemse. Dessen Verausgabung bis hin zu einer Nacktheit am Schluss, die von der Lächerlichkeit aller Nacktheit und jeder Körperlichkeit sprach, beeindruckte. Es ging auch um die Grenzen jeder Bewegungssprache, das Gefangensein im Inneren, das zu sprengen seit der Moderne das Versprechen des Tanzes gewesen war.
Von allen langen Titeln dieser Tanztage verbarg sich hinter „1GUH Watch by Dynamic Legends, Miss Rose, Dj Pappi, eye juice, Tamara Alegre & guests“ das umwerfendste Performer-Ensemble, wirkliche All Stars. In der Musik tauchten Motive wie das legendäre Knight-Rider-Thema auf, und man erwies James Brown die Ehre. Allein den Anfang, bei dem drei Tänzer zusammen eine „Choreo“ entwickeln und dabei jeweils ihr ganz eigenes Können, ihren eigenen Stil zeigen, mochte man am liebsten noch eine halbe Stunde weiter sehen. Was die Gruppe „Fuego Contigo“ um die Choreographin Tamara Alegre tanzt, ist eine Stunde lang mitreißend und hört viel zu früh auf. Die Aufführung erweist schwarzen Musiklegenden Reverenz, bringt Dancehall auf eine institutionelle Bühne, zeigt ein Kollektiv aus brillanten Künstlern, aus deren Kommunikation der Abend besteht, und mündet in einem Tanz aller. Das nennt man „after vibes“ – die haben diese zugleich entspannten und engagierten, hochinteressanten Schweizer Tanztage.
Source: faz.net