Yevginiy Breygers Kriegslyrik: Die Welt ist ein Bärchenwort
Im Februar 2022 hatte Yevgeniy Breyger einen Gedichtband abgeschlossen. Es wäre sein dritter gewesen, und er war, keine Frage, „handwerklich Meisterklasse“. Aber dann begann Russland mit der vollumfänglichen Invasion der Ukraine, und Breyger erschien das, was er geschrieben hatte, hinfällig: „barocke sprache / fern von alltag“.
Der 1989 in Charkiw geborene und seit 1999 in Deutschland lebende Breyger schickte das Manuskript nicht ab, sondern begann nach einer anfänglichen schriftstellerischen Paralyse damit, sich Notizen zu machen. Im Laufe der ersten Kriegsmonate entstanden Texte, die mit barocker Sprache und kunstvoll gedrechselten Versen nichts mehr zu tun hatten. Breyger wechselte radikal das Register. Seine Gedichte, die im Folgejahr unter dem Titel „Frieden ohne Krieg“ erschienen, waren nun umgangssprachlich, der Ton von Verzweiflung und Empörung geprägt, Mitschriften einer Zeit, in der vieles gut gemeint, aber schlecht ausgeführt war, wie etwa eine Veranstaltung in Frankfurt, die das lyrische Ich auf die Palme bringt: „jerofejew schwafelt blödsinn von wegen russland sei ein land ohne geschichte / märchen statt geschichte große kultur, kein wort vom krieg / kein wort von russischen dreckssoldaten / kein wort von toten / kein wort von müttern, die vergewaltigt werden vor den augen der kinder“.
Der Irrsinn, abgewandert ins Gedicht
Jetzt, drei Jahre nach Erscheinen von „Frieden ohne Krieg“, hat sich an der Situation in Breygers Herkunftsland nichts geändert. Noch immer wird gemordet und gefoltert. Falls überhaupt, hat sich die Situation verschlechtert. Dazu braucht man gar nicht auf die Reden und Äußerungen von Politikern verweisen, die immer freimütiger ihre Bewunderung für Putin und ihre Verachtung der Ukraine zum Ausdruck bringen, man braucht nur, wie der Rezensent in dem Moment, in dem er diese Zeilen schreibt, in einem Bahnhofscafé im Alpenvorland zu sitzen und den Männern am Nebentisch zu lauschen, wie sie darüber klagen, dass „wir die Ukrainer nicht mehr loswerden“.

Wie reagiert nun ein Dichter wie Yevgeniy Breyger auf diese Lage? Wie schafft man es, nicht wahnsinnig zu werden angesichts der Brutalität auf der einen und der Gleichgültigkeit auf der anderen Seite? Man transportiert, so lautet die Antwort, die Breyger in seinem neuen Band gibt, den Wahnsinn ins Gedicht.
„hallo niemand“ heißt das Langgedicht in vierzehn Teilen, dass Breyger jetzt vorlegt. In seiner umgangssprachlichen Verve liest es sich wie eine Fortsetzung von „Frieden ohne Krieg“. Dieser Herr Niemand, von dem es handelt, ist kein schlauer Odysseus, sondern ein lyrisches Ich („Ich Jude aus Ukraine“), das sich wie von außen sieht und in ein wildes Roadmovie hineinphantasiert. Im Audi A 6 geht es von Wien nach Berlin und weiter an die Hamburger Alster, wo Herr Niemand im Keller von Gregor Gysi die Zehennägel gezogen bekommt. Harald und Helmut Schmidt tauchen auf, Christian Lindner und Alexander Gauland – und immer wieder Alice Weidel, mit der sich Herr Niemand am Ende einen Kampf ums Bundeskanzleramt liefert: „die wahl kam näher, die umfragen wurden eindeutig, scholz / gysi, abgeschlagen, märz [sic], söder vollständig in der versenkung / und wagenknecht sowieso längst nach russland geflohen / es ging auge um auge, alice oder ich“.
Der grausamen Wirklichkeit versucht Breyger in „hallo niemand“ mit schwarzem Humor und den Mitteln der Groteske beizukommen: Gott wird zum Bot, der Mehrtürer zum Märtyrer. Anders als im Vorgängerband gibt es in diesem Langgedicht keinen Rückgriff auf die eigene Familiengeschichte, es werden auch keine konkreten Erinnerungsmomente evoziert. Herr Niemand, so scheint es, hat jeden Halt verloren und rutscht immer wieder in die Regression. Zwanghaft redet er sich die Welt dann schön: „die welt ist ein herrlicher ort, die welt ist kein entbehrlicher ort / die welt ist ein bärchenwort und lebt im netz aus härchen fort / die welt ist das löwenmähnchen am amöbenbärtchen“.
2026 gilt Herrn Niemand zeitweise gar als das Jahr des „vollumfänglichen Glücks“ – eine Vision, an die schon im Februar sicher niemand mehr glauben wird.
Yevgeniy Breyger: „hallo niemand“.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2026. 109 S., geb., 20,– €.
Source: faz.net