Yascha Mounk: Bücher schreiben? Das kann doch unter ferner liefen eine KI!

Wenn Sie verfolgt haben, was auf dieser Seite in den vergangenen Jahren erschienen ist, ahnen Sie vielleicht, dass der Markt für Zeitdiagnosen eine gewisse Routiniertheit aufweist. Immer wieder beugen sich unsere Rezensenten über entsprechende Bücher und stellen fest, dass der Titel nicht so ganz hält, was er verspricht. Meist wird ein Leitbegriff ausgerufen, sei es Singularität, Verlust oder Zerstörungslust, der „die Gegenwart“ auszeichne und die Krisen erkläre, mit denen sich „die Gesellschaft“ herumschlage. Viele der präsentierten Beobachtungen sind interessant, bemerkenswert, manche überraschend und geistreich; doch meist beschleicht uns das Gefühl, dass derlei Großthesen einige Stockwerke oberhalb der aufgetürmten Belege fliegen.
In diesem Genre ist auch Yascha Mounk zu Hause. Mit „Zerfall der Demokratie“, „Das große Experiment“ und „Im Zeitalter der Identität“ spielte der in Baltimore lehrende Politikwissenschaftler ganz vorne mit auf dem Kampfplatz der Schlagworte und Zeitdeutungen: Erst prophezeite er alarmistisch den Siegeszug der „illberalen Demokratie“, dann stimmte er in den Chor derjenigen ein, die vor den Gefahren der Identitätspolitik warnen. Bisher konnte man zwischen zwei Epochen mit einer Verschnaufpause rechnen – allein schon, weil es dauert, bis Mounk ein neues Manuskript verfasst und publiziert hat. Jetzt steht aber zu befürchten, dass die Uhr der von ihm verkündeten Zeitalter in Zukunft noch schneller ticken wird.
Geisteswissenschaftliche Forschung könne auch Claude oder ChatGPT
In seinem Newsletter teilt Mounk nämlich seinen Lesern mit, dass „die Geisteswissenschaften kurz vor der Automatisierung“ stünden. KI-Chatbots wie ChatGPT seien inzwischen in der Lage, „überzeugende wissenschaftliche Aufsätze zu verfassen“. Zwar handle es sich bei den Large-Language-Models durchaus um „stochastische Papageien“, die gemäß ihren Trainingsdaten operierten, doch intelligent seien sie deswegen nicht minder. Er, Yascha Mounk, habe einen großen Abschnitt seines Lebens damit zugebracht, zu lernen, wie man „auf hohem Niveau“ ein „neues, interessantes und plausibles Argument“ formuliere, nun aber zeige sich, dass Maschinen mit weit weniger Aufwand dasselbe könnten.
Zum Beweis führt er ein Paper an, das er mithilfe des KI-Chatbots Claude erstellt hat. Nach dem Schema der in seinem Feld üblichen Publikationspraxis sei Claude auf das Konzept eines überzeugenden Aufsatzes gekommen. Titel: „The Oligarchy of Scale“.
Und um zu untermauern, dass sich dahinter mehr als hohle Worte verbergen, präsentiert Mounk seinen Lesern im Anschluss das vollständige Papier: Man könne, so die von Claude entwickelte These, die „private Regierungsmacht“, die Unternehmen über ihre Mitarbeiter ausübten, originellerweise auf das Feld der Öffentlichkeit ausdehnen. Tech-Konzerne würden nämlich nicht nur darüber mitentscheiden, was publiziert werde, sondern die gesamte „kognitive Infrastruktur“ bestimmen. Indem sie die Bedingungen diktieren, unter denen Präferenzen und Urteile gebildet werden, übten sie „epistemische Herrschaft“ aus. Mithilfe von Alexis de Tocqueville und John Stuart Mill ließe sich zeigen, dass Selbstherrschaft unter diesen Bedingungen erheblich erschwert werde.
Topplayer im heutigen akademischen Kapitalismus
Der Aufsatz hat auf den ersten Blick alles, was ein Text braucht, der in „Political Theory“ oder „Politics, Philosophy & Economics“ erscheint: Abgrenzung zur bisherigen akademischen Debatte, Anbindung an gegenwärtige politische Probleme, einen hübschen neuen Begriff, der etwas benennen soll, das bisher angeblich übersehen wurde. Und doch tun sich Fragezeichen auf, wo immer man hinblickt: Was ist eigentlich neu an dieser These? Ist die zweifelhafte Macht von Medien nicht ein ganz alter kommunikationswissenschaftlicher Hut? Wird nicht sogar die neueste Entwicklung in den sozialen Medien längst unter anderen Begriffen debattiert, man denke nur an die breite Diskussion über „Plattformkapitalismus“?
Mounk hält diese und andere Einwände offenbar für vernachlässigbar. Womöglich, so muss man mutmaßen, geht er mit seinen Texten nicht viel anders um: Eine hübsche These hier, ein plausibles Argument dort, ein ansprechender Begriff obendrauf – und schon steht die nächste Publikation. Doch dass intellektuelle Erzeugnisse wie diese automatisierbar sind, spricht vielleicht weniger für die Automatisierbarkeit der Geisteswissenschaften insgesamt als dafür, dass in bestimmten Segmenten des akademischen Betriebs längst eine maschinenhafte Produktionsweise herrscht.
Der akademische Kapitalismus verlangt, dass man möglichst früh, möglichst kräftig auf sich aufmerksam macht – Gelehrsamkeit und Solidität sind dabei nachrangige Kriterien. In diesem Wettkampf gehört Mounk ganz sicher zu den Topplayern. Seine Ehrlichkeit hat also auch etwas Erfrischendes: Ganz bestimmt erleichtert sie in Zukunft das Rezensionsgeschäft.
Source: faz.net