Yann LeCun: „Wir sind kein Einhorn, wir sind ein Triceratops“

Der Frage, ob er ein Patriot ist, weicht der Mann, der die Zukunft der Künst­lichen Intelligenz nach Europa bringen soll, aus. „Ich bin Amerikaner und Franzose“, sagt Yann LeCun. Seit 1988 forscht der gebürtige Franzose jenseits des Atlantiks. Und dennoch: Das Hauptquartier seines neuen Unternehmens, das gerade mal ein Dutzend Mitarbeiter hat, steht in Paris. Präsident Emmanuel Macron soll es wohlwollend zur Kenntnis genommen haben, wie LeCun der „Financial Times“ erzählt hat. LeCun wird wohl in Zukunft seine Zeit zwischen New York und der französischen Hauptstadt aufteilen. Das Kapitel Silicon Valley ist für ihn vorerst vorbei.

LeCun ist einer der drei Männer, die als „godfathers of AI“ bezeichnet werden, die Paten der Künstlichen Intelligenz. Neben Yoshua Bengio und Geoffrey Hinton legte er die Grundsteine für die KI-Entwicklungen der vergangenen Jahre. 2018 gewannen die drei dafür den Turing-Preis, den wichtigsten Preis der Informatik. Doch ganz anders als Hinton und Bengio gehört LeCun heute nicht zu denen, die vor ihrer eigenen Erfindung warnen. Im Gegenteil: Er hegt große Zweifel daran, dass die großen Sprachmodelle wie ChatGPT oder Claude jemals ein Intelligenzniveau erreichen können, das die kognitiven Fähigkeiten des Menschen übersteigt. Dementsprechend hat er die Warnungen seiner Mitpreisträger, KI könne eines Tages zur Bedrohung für die Menschheit werden, immer wieder zurückgewiesen.

LeCun geht sogar noch einen Schritt weiter. In den vergangenen Monaten gab es viel Hype um die sogenannte agentische KI, die nicht nur Antworten gibt, sondern eigenständig Aufgaben am Computer erledigt. Börsenkurse gestandener Softwarekonzerne stürzten ab, weil offenbar die KI jetzt eigenständig Sachen erledigen kann, für die man bisher eigene Programme braucht. Für LeCun ist es unvorstellbar, dass das funktionieren kann. „Ich kann persönlich nicht verstehen, wie man sich überhaupt vorstellen kann, ein agentisches System zu bauen, das die Folgen seiner Handlungen nicht abschätzen kann“, sagt er im Gespräch mit der F.A.S. „Das ist eine furchtbare Vorgehensweise.“

Eine KI für die echte Welt

LeCun ist überzeugt, dass Große Sprachmodelle, kurz LLMs, diesen Punkt nie erreichen werden, weil sie keine Vorstellung von der Welt haben. Die Alternative, so glaubt er, liegt in sogenannten Weltmodellen.

„Wenn man in der realen Welt handeln will, muss man die reale Welt verstehen“, sagt LeCun. Er greift zu einem Stift und hält ihn mit beiden Händen fest. „Wenn ich den Stift an einer Seite loslasse, bleibt er an Ort und Stelle. Wenn ich das mit einem Blatt Papier mache, biegt es sich.“ Menschen, sagt LeCun, verstehen das intuitiv. „Wir haben also eine physikalische Intuition für alles, was in der Welt passiert, einschließlich der Handlungen von Menschen und Tieren. Und diese Intuition erwerben wir in den ersten Lebensmonaten.“ KI-Systeme, so das Argument, fehlt dieses intuitive Verständnis für die Welt bisher. „Und was uns jetzt zur Verfügung steht, sind Prototypensysteme, die durch Videotraining dasselbe leisten können.“ LeCun hat dafür noch beim Technologiekonzern Meta eine neue Architektur entwickelt, genannt JEPA. „Die Grundidee von JEPA ist, dass die reale Welt sehr komplex und größtenteils unvorhersehbar ist. Es gibt Störungen und Dinge, die man schlichtweg nicht vorhersagen kann. Um ein System zu entwickeln, das die reale Welt versteht, muss es eine abstrakte Repräsentation der Welt erzeugen.“

In der Forschungswelt findet er damit Anklang. „Es ist es absolut legitim, sich die Frage zu stellen: Was macht eigentlich den Unterschied zwischen menschlicher Intelligenz und KI-Modellen aus“, sagt der Leiter des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz Antonio Krüger. „LeCun ist zu dem Schluss gekommen, dass der Pfad, immer mehr Daten in große Sprachmodelle zu stecken, nicht zu allgemeiner Künstlicher Intelligenz führt. Ich würde das teilen.“ Krüger bezweifelt allerdings, dass eine Art von Modellen die Lösung sein wird. „Am Ende wird man das wahrscheinlich, wie das bei guten Ingenieurslösungen so ist, mit verschiedenen Bausteinen am besten erreichen können. Die Weltmodelle von LeCun werden ein Baustein sein.“

„Ich habe meine Meinung komplett geändert“

LeCun ging 1988 in die USA, um für die Innovationsschmiede Bell Labs des Industriegiganten AT&T zu arbeiten. Dort entwickelte er erste Formen von neuronalen Netzen, die etwa in der automatisierten Erkennung von Handschriften eingesetzt wurden. 2003 ging er an die New York University. Seine Professur behielt er auch nachdem ihn 2013 Mark Zuckerberg rekrutierte, um bei Meta eine KI-Forschungsabteilung aufzubauen. LeCun willigte ein, rang Zuckerberg aber das Versprechen ab, die Modelle kostenlos und mit sogenannten offenen Gewichten verfügbar zu machen, sodass sie jeder lokal auf seinem Computer betreiben und verändern kann. Zuckerberg war erst skeptisch, lenkte aber ein. Das half der gesamten Branche und insbesondere der Wissenschaft, die so Zugriff zu leistungsstarken KI-Modellen bekam.

LeCun begann seine Forschung an den World Models noch bei Meta. „Ich arbeite daran seit 15 Jahren“, sagt er. Die ersten zehn Jahre habe er versucht, mit generativen Modellen von der Art, wie sie in ChatGPT stecken, Pixel für Pixel Vorhersagen in Videos zu treffen. „Aber in den vergangenen fünf Jahren habe ich meine Meinung komplett geändert, wie man so etwas machen kann.“ Das Prinzip, Schritt für Schritt Vorhersagen zu treffen, funktioniere zwar für Text sehr gut, aber nicht für Videos. Innerhalb von Mark Zuckerbergs Konzern habe LeCuns Team das „beste System zum Verstehen von Videos auf der Welt“ entwickelt. „Diese neuen Systeme haben ein Grundverständnis von der Welt.“ Die Anwendungsmöglichkeiten sind vielfältig. Genauso wie ein Weltmodell den Unterschied zwischen dem Stift und dem Blatt Papier versteht, könne man den Weltmodellen ein komplexes System zeigen, ein Stahlwerk, eine Fabrik, einen Turbojet, oder den Körper eines Diabetespatienten.

Aber LeCun musste bald erkennen, dass der Konzern hinter Facebook, Instagram und Whatsapp andere Prioritäten hatte. „Die Anwendungen liegen zunächst vor allem in der Industrie: in der Autobranche, Logistik, Pharma. Meta ist daran nicht interessiert.“ Außerdem habe Meta seine Ressourcen stark auf das gesetzt, was LeCun das LLM-Paradigma nennt. „Das hat es etwas schwieriger für Projekte wie dieses gemacht, die an der nächsten Generation von KI-Modellen arbeiten, signifikante Ressourcen zu bekommen.“

Herdentrieb im Silicon Valley

Das gesamte Silicon Valley, sagt LeCun, sei auf LLMs getrimmt. „Es gibt da ein bisschen eine Monokultur. Alle buddeln in demselben Graben. Wenn man das nicht tut, droht man zurückzufallen.“

Zurückgefallen im KI-Wettrennen, das war ausgerechnet Meta im vergangenen Jahr. Mark Zuckerberg veranlasste das dazu, die KI-Operation seines Unternehmens umzustrukturieren. Er rekrutierte Alexander Wang, den 28 Jahre alten Gründer eines KI-Start-ups, als neuen Leiter von Metas KI-Entwicklung. Dafür legte Zuckerberg 14,3 Milliarden Dollar für eine Minderheitsbeteiligung an Wangs Unternehmen auf den Tisch. Kurz darauf verließ LeCun das Unternehmen. Wang sei „unerfahren“ und verstehe KI-Forscher nicht wirklich, sagte LeCun im Januar gegenüber der „Financial Times“. Streng genommen wäre Wang der Chef von LeCun gewesen. Aber, so LeCun damals: „Sie sagen einem Wissenschaftler nicht, was er zu tun hat. Sie sagen ganz sicher nicht einem Wissenschaftler wie mir, was er zu tun hat.“

Jetzt versucht LeCun es stattdessen auf eigene Faust. AMI heißt das Unternehmen, das er mit einigen Weggefährten gegründet hat, ausgesprochen wie das französische Wort für Freund. Gerade hat das Start-up in einer ersten, sogenannten Seed-Finanzierungsrunde mehr als eine Milliarde Dollar eingesammelt, bei einer Bewertung von mehr als drei Milliarden. „Wir sind kein Einhorn, wir sind ein Triceratops“, sagt LeCun und grinst schelmisch. Es ist die bislang größte Seedrunde überhaupt in Europa, im Rest der Welt nur übertroffen vom amerikanischen KI-Unternehmen Thinking Machine Labs. Auf der Unterstützerliste findet sich eine ganze Reihe bekannter Namen. Amazon-Gründer Jeff Bezos hat Geld gegeben, die Stiftung des Erfinders des World Wide Web Tim Berners-Lee und seiner Frau, der Milliardär Mark Cuban, dazu zahlreiche Wagniskapitalfonds und Industrieunternehmen. Der Großteil, das ist LeCun wichtig, komme nicht aus Amerika.

Der Herdentrieb des Silicon Valley ist auch ein Grund, warum LeCun ausgerechnet von Europa aus die KI-Welt revolutionieren will. Der alte Kontinent schien im weltweiten KI-Rennen zuletzt abgeschlagen, Modelle aus den Vereinigten Staaten und China dominieren den Markt. Europäische Versuche scheiterten wie das deutsche Aleph Alpha oder spielen heute nicht mehr in der ersten Liga wie das französische Mistral. LeCun macht mit seinem Bekenntnis zu Paris den Europäern jetzt Hoffnung. Weitere Standorte neben Paris gibt es in New York, Montreal und Singapur – nicht im Silicon Valley. Es ist, als könnte LeCun gar nicht genug Distanz zwischen sich und seinen alten Arbeitgeber bringen, auch wenn er beschwört, dass das Verhältnis zu Meta und zu Mark Zuckerberg nach wie vor sehr gut sei. „Es sind einfach divergierende Interessen. Das passiert.“

Eine KI-Hoffnung für Europa

Für LeCun hat der Standort Paris noch einen weiteren Vorteil: In Kalifornien ist der Konkurrenzkampf um KI-Entwickler im vergangenen Jahr eskaliert. Gehaltspakete in Milliardenhöhe soll allein Mark Zuckerberg den wertvollsten KI-Experten angeboten haben. In Europa ist die Konkurrenz auf Unternehmensseite hingegen überschaubar. „Letztlich werden alle Standortentscheidungen vom Zugang zu Talenten bestimmt“, sagt LeCun. „Es gibt eine Menge Talente in Deutschland, in Frankreich, in Italien, in der Schweiz.“ Paris habe den Vorteil, dass Frankreich relativ zentralisiert sei, anders als etwa Deutschland, wo sich die Techbranche auf mehrere Städte verteilt.

Und dann ist da noch die Geopolitik, die in die Entscheidung reinspielt. „Es gibt eine riesige Nachfrage aus der Industrie in Asien, im Mittleren Osten und anderen Teilen der Welt nach einem Anbieter von KI-Systemen der Spitzenklasse, der weder amerikanisch noch chinesisch ist“, sagt LeCun.

Bei AMI wird LeCun nicht den Posten des Vorstandsvorsitzenden übernehmen, sondern sich als Vorsitzender des Verwaltungsrats mehr im Hintergrund halten. „Ich werde mich in die Forschung einmischen und in die Strategie, aber nicht in das Tagesgeschäft. Dafür bin ich nicht der Typ“, sagt er. „Ich bin nicht sonderlich gut im Management. Das soll lieber ein Experte machen.“ Der Experte ist Alexander LeBrun, der in den Zehnerjahren ebenfalls einige Jahre bei Metas KI-Abteilung arbeitete und seitdem sein eigenes KI-Start-up Nabla führt.

Drei bis fünf Jahre bis zum Produkt

Bis aus den Weltmodellen von AMI ein Produkt entsteht, wird noch etwas Zeit vergehen. „Wir haben schon Technologie, die wir kurzfristig einsetzen könnten, aber wir werden das wahrscheinlich nicht tun. Wir wissen, dass es für Video funktioniert.“ Etwa ein Jahr werde es dauern, die Methodik zu verfestigen. Dann will AMI mit Industriepartnern zusammenarbeiten, beginnend mit den Investoren. Unter anderem unterstützen Toyota, Nvidia, der französische Industriekonzern Groupe Dassault und der koreanische Techkonzern Samsung das Unternehmen. „Das sind Unternehmen mit signifikanter Feuerkraft in Forschung und Entwicklung. Wir werden schauen, wie unsere Methodologie für ihre Anwendungsfälle nützlich sein kann.“ In drei bis fünf Jahren sollen dann eigene Produkte folgen: „universelle Intelligenz-Systeme, die für alle möglichen Anwendungen genutzt werden können“. Das große Langfristziel seien selbstfahrende Autos und Haushaltsroboter, „Dinge, die wirklich die Welt um sich herum verstehen und ein menschenähnliches Verständnis mitbringen.“

Wenn das etwas wird, könnte das für ganz Europa eine tolle Sache werden. Industrielle KI gilt auch in Deutschland mit seiner Industrieprägung als Chance, doch noch im globalen Wettrennen mitzuhalten. Und die Weltmodelle funktionieren nicht nach dem Prinzip der LLMs, einfach immer mehr Rechenpower auf das Problem zu werfen. Das könnte den Europäern, die im Wettrüsten der Rechenzentren abgeschlagen sind, zugute kommen. „Es ist auf jeden Fall toll, dass wir in Europa jetzt wieder Aufbruchstimmung haben und dass die Leute dem europäischen Ökosystem was zutrauen“, sagt Antonio Krüger. Yann LeCun wird dabei eine Rolle spielen.