Würdige Sieger, wenig Politik und wenig unerwartetes Ereignis: Das waren die Oscars

Der Vorlauf zur Oscarverleihung war diesmal außerordentlich lang. Die Spekulationen zu Blood & Sinners, mit der Rekordzahl von 16 Nominierungen im Rücken einer der großen Favoriten des Abends, hatten schließlich bereits zu dessen Kinostart im vergangenen April begonnen. Das ist eine lange Zeit, um Erwartungen aufzubauen, die dann fast zwangsläufig enttäuscht werden.

Statt Ryan Cooglers Blood & Sinners trug am Ende Paul Thomas Andersons One Battle After Another die begehrte Trophäe des „Besten Films“ davon und stand mit insgesamt sechs Oscars gegenüber vier für Sinners als der Sieger da. Die Konkurrenz zwischen diesen beiden Filmen bildete das alles überschattende Oscar-Narrativ in diesem Jahr. Wobei der Versuch, die Filme in gewisser Weise politisch gegeneinander auszuspielen, scheiterte. Sinners, ein Film, der in seiner Südstaaten-Vampirgeschichte das komplizierte Erbe afro-amerikanischer Musik und Popkultur reflektiert, reklamierte seinen Anspruch mit der implizierten Forderung, es lang verdient zu haben.

Das Narrativ vom „Fällig sein“

Für Paul Thomas Anderson aber galt Ähnliches: Als einer der ganz großen Regisseure seiner Generation, mit Meisterwerken wie Boogie Nights, Magnolia und There will be Blood in der Filmografie, einige Male schon nominiert, aber immer leer ausgegangen, war er ebenso von der Aura umgeben, endlich fällig zu sein. Und One Battle After Another war ein würdiger Film dazu: Die Geschichte über die Notwendigkeit zum Widerstand, über gescheiterte Revoluzzer und die Hoffnung auf die neue Generation, kam komplex genug daher, um nicht als plumpes Botschaftenkino empfunden zu werden, und beeindruckte gleichzeitig als spektakuläres filmisches Erlebnis, das bestens zu unterhalten wusste.

Mit seinen sechs verdienten Oscars – bester Film, beste Regie, bester Schnitt, bester Nebendarsteller, bestes adaptiertes Drehbuch, bestes Casting – muss One Battle nicht fürchten, bald schlechtgeredet zu werden. Sinners dagegen sorgte am Abend für die geschichtsträchtigeren Momente: Michael B. Jordan reihte sich in die allzu kurze Reihe der von der Academy geehrten afro-amerikanischen Hauptdarsteller ein. Und mit der Kamerafrau Autumn Durald Arkapaw gewann tatsächlich zum ersten Mal eine Frau den Oscar in ihrem Fach und trumpfte mit ihrer philippinisch-afro-amerikanischen Herkunft auch noch in identitätspolitischer Hinsicht.

Würdige Sieger, angenehme Überraschungen, keine allzu großen Enttäuschungen – auf den ersten Blick gab es also wenig auszusetzen an dieser 98. Oscar-Verleihung. Und trotzdem blieb am Ende ein Gefühl der Unzufriedenheit.

Nur wenig deutliche politische Statements

Lag es daran, dass es zu wenig direkte Bezüge zur aktuellen Lage gab? Javier Bardem, der zusammen mit Priyanka Chopra-Jonas den besten internationalen Film präsentierte, war noch der deutlichste: Er kam mit dem gleichen Anstecker („No a la guerra“) wie 2003 auf die Bühne und seine ersten Worte waren: „No to war and free Palestine.“

Der Rest der Stellungnahmen zeichnete sich durch Milde und Vagheit aus, wie es zugegeben die eigentliche Oscar-Tradition ist. David Borenstein, Regisseur des Dokumentarfilmgewinners „Mr. Nobody against Putin“, warnte vor den kleinen Kompromissen und Anpassungen, die in die Diktatur führten. Sein Protagonist, ein russischer Lehrer, der das Einsickern der russisch-patriotischen Kriegspropaganda nach dem Februar 2022 in seinem Berufsalltag bezeugt, rief zum „Stop aller Kriege“ auf.

Von Sean Penn, der als bester Nebendarsteller für seine Rolle in One Battle After Another ausgezeichnet wurde, hätte man Schärferes erwartet. Aber der Schauspieler selbst war gar nicht anwesend. „Er konnte oder wollte nicht“ dabei sein, erklärte Kieran Culkin bei der Preisverkündung mit leicht spöttischem Unterton.

Der milde Ton gegenüber der Politik war angekündigt

Allerdings hatte der Moderator des Abends, Conan O’Brien, schon in seinem Eröffnungsmonolog den milden Ton des Abends gegenüber der aktuellen politischen Lage gesetzt. Darin beschrieb er das Filmemachen als optimistisches Business, das es zu feiern lohne, „nicht weil wir denken, dass alles gut sei, sondern weil wir für die Besserung arbeiten und hoffen“.

Jimmy Kimmel, der die Dokumentar-Kategorien präsentierte, bewies einmal mehr, dass politische Spitzen dann besonders gut landen, wenn man sie ins Harmlose verpackt. „Wie Sie wissen, gibt es einige Länder, deren Anführer die Redefreiheit nicht unterstützen. Ich bin nicht befugt zu sagen, welche“, witzelte er, um dann kurz auf die neue, rechte Ausrichtung des Fernsehsenders CBS anzuspielen. Und ohne Melania zu nennen, murmelte er etwas über den Ärger vor sich hin, den es „ihm“ bereite, dass der Film über die First Lady nicht nominiert sei.

Insgesamt schienen es alle darauf anzulegen, auf keinen Fall mit kontroversen Statements viral zu gehen: Der Norweger Joachim Trier, der für Sentimental Value den Oscar für den besten Internationalen Film entgegennahm, zitierte James Baldwin und dessen Mahnung, dass es die Aufgabe aller Erwachsener wäre, das Wohl aller Kinder dieser Welt im Auge zu haben. Paul Thomas Anderson wandte sich bei der ersten seiner drei Dankesreden an die eigenen Kinder, bei denen er sich im Namen seiner Generation für das „Haushaltschaos“ entschuldigte, das sie ihnen hinterlässt.

Hollywood ist mit seinen eigenen Sorgen beschäftigt

Die Scherze, mit denen Conan O’Brien durch den Abend führte, belegten derweil etwas anderes: In Hollywood ist man mit eigenen Sorgen beschäftigt. Er sei der „letzte menschliche Moderator“, spöttelte er schon in seiner Einleitung und spielte damit auf sich abzeichnende Entwicklungen sowohl für den Oscar-Abend selbst, der ab 2029 auf Youtube stattfinden wird, als auch die ganze Branche an. Vom Einsatz der Künstlichen Intelligenz fühlen sich fast alle Berufssparten bedroht. Hinzu kommt die Sorge, dass Hollywood die jüngere Generation zunehmend verliert.

Dass der Eröffnungssketch das zentrale Motiv aus dem Horror-Film Weapons aufnahm, verarbeitete das in provokativer Weise: Man sah O’Brien im Make-up der von Amy Madigan gespielten Hexenfigur einer Kinderschar voran durch diverse Filmsets flüchten. Es war ein köstlicher Gag, der altmodische Filmparodie aufs Beste mit dem Ausdruck einer sehr realen Zukunftsangst verband.

Wie schwer sich Hollywood mit der modernen Jugendkultur tut, war nicht zuletzt daran abzulesen, dass die beiden Preise für K-Pop-Demon Hunters – bester Animationsfilm und bester Song – trotz viel Beifall als Favoriten einer ganz anderen Generation spürbar wurden.

Vielleicht müssen die Oscars in Zukunft das eigene Erbe pflegen und preisen

Dazu passt, dass auf der anderen Seite zum wohl berührendsten Segment des Abends das Gedenken an die Verstorbenen geriet. Nicht nur, dass der gesamten Würdigung mehr Zeit als noch in den Vorjahren eingeräumt wurde, es gab drei gesonderte Trauerreden mit unterschiedlicher Gestaltung.

Billy Crystal sprach über Rob Reiner und ließ dazu anwesende Darsteller seiner Filme auf die Bühne kommen, Rachel McAdams sprach über Diane Keaton als Vorbild und Barbra Streisand ließ ihre persönlichen Worte zu Robert Redford in Gesang münden. Es war großartig und einmalig. Vielleicht liegt darin ja die Zukunft der Oscars: das eigene Erbe zu pflegen und zu preisen.