Woran Trump anknüpft: Damals kreuzten deutsche Kriegsschiffe vor Venezuela

Auch damals schaute die Welt auf Venezuela: Das deutsche Kriegsschiff „Vineta“ hatte das Fort San Carlos an der Küste des lateinamerikanischen Staates beschossen und in Schutt und Asche gelegt. Amerikanische Zeitungen argwöhnten, die Deutschen wollten sich in der Karibik festsetzen. Sie warfen dem Kaiserreich vor, die Einflusssphäre der Vereinigten Staaten zu verletzen.
In der Tat war der Vorgang selbst für das Zeitalter des Imperialismus durchaus ungewöhnlich: Das Deutsche Reich hatte zusammen mit Großbritannien mehrere Kriegsschiffe vor die Küste Venezuelas entsandt und im Dezember 1902 eine Seeblockade gegen das Land verhängt, der sich später auch Italien anschloss.
Schulden eintreiben mit Kanonenbooten
Die europäischen Mächte wollten ein Exempel statuieren. Der venezolanische Diktator Cipriano Castro sollte dazu gebracht werden, die Schulden des Landes bei deutschen und britischen Unternehmen zu begleichen und Schadenersatz zu leisten. Hierbei ging es um im Bürgerkrieg zerstörtes oder beschlagnahmtes Eigentum europäischer Firmen. Für die Deutschen war es allerdings auch eine Prestigefrage. Kaiser Wilhelm II. hoffte darauf, das Verhältnis zu Großbritannien zu verbessern.
Zu dem gewaltsamen Zwischenfall war es am 17. Januar 1903 gekommen, nachdem das deutsche Kanonenboot Panther vier Tage zuvor versucht hatte, sich Zugang zum Maracaibo-See zu verschaffen, der durch eine Meerenge mit dem Golf von Venezuela verbunden ist. Das Kriegsschiff sollte verhindern, dass Importe aus dem nahegelegenen Kolumbien nach Venezuela gelangen. Dabei wurde es vom Fort San Carlos aus unter Beschuss genommen.
Daraufhin kehrte das Kriegsschiff mit der „Vineta“ zurück, einem 110 Meter langen Kreuzer mit fast 500 Mann Besatzung und Geschützen mit einem Kaliber von bis zu 21 Zentimetern. Die Zerstörung des Forts, dessen Besatzung ohne Gegenwehr die Flucht ergriff, war nur der letzte einer Reihe von gewaltsamen Zwischenfällen im Zusammenhang mit der Seeblockade. Zuvor hatten Briten und Deutsche unter anderem die vier Kanonenboote der venezolanischen Flotte gekapert. Die Kaiserliche Marine versenkte zwei von ihnen.
Deutscher Militärstützpunkt in Venezuela?
Der amerikanische Präsident Theodore Roosevelt äußerte intern die Sorge, das Kaiserreich könnte einen Militärstützpunkt in Venezuela errichten und den USA die Kontrolle der Region streitig machen. Wie groß die Furcht vor der „German threat“ in den Vereinigten Staaten damals tatsächlich war, ist unter Historikern bis heute strittig. Zumindest Teilen der militärischen Führung in Washington galt sie als willkommener Hebel, um den Ausbau der Flotte voranzutreiben. Auf deutscher Seite waren die Karibikpläne indes nur Gedankenspiele im Admiralsstab.
Von dieser deutschen Kanonenbootpolitik Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts führt ein Weg, wenn auch indirekt, zur neuen nationalen Sicherheitsstrategie der Regierung Trump. Die Venezuelakrise in den Jahren 1902 bis 1903 wurde zum Katalysator für einen Kurswechsel in der amerikanischen Außenpolitik, an den die neue Sicherheitsstrategie anknüpft: Die Vereinigten Staaten gingen von einer defensiv ausgerichteten Lateinamerika-Politik, die sich auf den Schutz vor europäischen Ansprüchen beschränkte, nun auch offiziell zu einer Interventionspolitik in der Region über.
Dieser Schritt hatte sich spätestens seit dem spanisch-amerikanischen Krieg 1898 abgezeichnet, der mit der Abtretung der Philippinen, Puerto Ricos und Guams an die Vereinigen Staaten endete. Roosevelt nahm in seiner Jahresbotschaft an den Kongress im Dezember 1904 für die Vereinigten Staaten die „Ausübung einer internationalen Polizeigewalt“ in der Region in Anspruch, falls die lateinamerikanischen Staaten nicht „vernünftig und mit Kraft und Anstand in sozialen und politischen Fragen zu handeln“ verstünden.
In die Tradition dieses sogenannten „Roosevelt Corollary“, dem bekanntesten Zusatz zur Monroe-Doktrin von 1823, stellt sich die Regierung Trump, wenn in der neuen nationalen Sicherheitsstrategie von einem „Trump Corollary“ zur Monroe-Doktrin die Rede ist: Nach Jahren der Vernachlässigung würden die Vereinigten Staaten die Monroe-Doktrin wieder bekräftigen und durchsetzen, um die amerikanische Vormachtstellung in der westlichen Hemisphäre wiederherzustellen, heißt es im Lateinamerika-Kapitel. Der amerikanische Außenminister John Kerry hatte sie 2013 während der Präsidentschaft Barack Obamas für tot erklärt.
In Deutschland wird die Monroe-Doktrin, mit der amerikanische Präsidenten ausdrücklich oder implizit bis in die 1980er Jahre militärische Interventionen in Lateinamerika rechtfertigen, bis heute in erster Linie als Ausdruck eines amerikanischen Isolationismus betrachtet. Die Amerikaner halten sich aus europäischen Angelegenheiten heraus. Die zweite Kernaussage der nach Präsident James Monroe benannten Doktrin findet hierzulande traditionell weniger Beachtung: Die Vereinigten Staaten bewerten jeden Versuch europäischer Mächte, ehemalige Kolonien in Amerika zurück zu erobern, als Gefährdung ihrer nationalen Sicherheit.
Diese Aussage Monroes richtete sich in erster Linie an die Adresse von Preußen, Russland und Österreich-Ungarn, die sich nach den napoleonischen Kriegen zur „Heiligen Allianz“ zusammengeschlossen hatten, um der Monarchie in Europa wieder zu ihrem Recht zu verhelfen. Monroe hegte die Sorge, die drei Mächte könnten mit Hilfe Frankreichs Spanien bei dem Versuch unterstützen, in den neuen lateinamerikanischen Staaten Monarchien zu errichten. Aber dazu kam es nicht.
Auch die Venezuelakrise von 1902/1903 ging glimpflich aus. Die europäischen Mächte verständigten sich mit Venezuela auf eine schiedsgerichtliche Einigung, beendeten ihre Blockade am 19. Februar 1903 und bekamen ihr Geld zugesprochen. Das deutsch-amerikanische Verhältnis blieb jedoch schwierig.
Source: faz.net