Wohnhaus am Fuß welcher Pyrenäen stammt von Antoni Gaudí
Ein neues Reiseziel für Architekturfans: Schon lange wurde über ein kunstvoll gestaltetes, dreistöckiges Wohnhaus in einem spanischen Pyrenäendorf spekuliert. Nun steht fest, dass es von Stararchitekt Antoni Gaudí stammt.
Das Chalet von Catllaràs mit seinem langen und hohen Gewölbe in Pobla de Lillet sieht ein wenig aus wie eine Kirche. Aber es ist ein Wohngebäude. Zwölf Fenster sind auf jeder Gebäudeseite symmetrisch angeordnet. Eine kunstvoll, wie ein Korkenzieher in die Höhe gezogene Wendeltreppe führt zu den zwei höheren Etagen.
Zwei Jahre lang hat der spanische Architektur-Professor Galdric Santana das Haus mitten im Wald vor den Pyrenäen untersucht. Für ihn steht jetzt fest: „Das wichtigste ist, dass diese Längsachse allein ausreicht, um die Stockwerke zu tragen. Gewölbe haben Architekten auch schon im 19. Jahrhundert gezeichnet. Aber Antoni Gaudí lässt das Gewölbe die höheren Stockwerke tragen.“
So etwas hat sich zu dieser Zeit nur er getraut. Die Stockwerke sind aufgrund der markanten Form der Außenwände nicht gleich groß, sondern werden kleiner. Dies Technik wurde nur von Gaudí verwendet.
Antoni Gaudí
Der Architekt Antoni Gaudí lebte von 1852 bis 1926 und gilt als einer der herausragendsten Vertreter der katalanischen Bewegung des „Modernisme“. Zu seinen bekanntesten Gebäuden zählt die Basilika Sagrada Familia in Barcelona.
Hinweise auf den Urheber
Der Professor der Polytechnischen Universität von Katalonien hat nach Bauplänen gesucht und nach Schriftsätzen aus der Bauzeit zwischen 1902 und 1908. Aber: die gibt es nicht. So ist die Art, wie das Haus in den Pyrenäen angelegt ist, für Santana der einzige Hinweis dafür, dass Gaudí das Haus entworfen hat, und nicht etwa seine Schüler.
Die haben jedoch das ursprüngliche Projekt ein wenig verwässert. „Der Entwurf ist so gewagt, so neu, es gab keine Präzedenzfälle dafür. Und es steht seit über 100 Jahren hier, ohne Probleme“, sagt Santana. Aber der Bauort sei weit entfernt von Barcelona und Gaudí habe in jenen Jahren viele Aufträge gehabt. „Darum hat er den Bau nicht selbst geleitet. Und seine Schüler haben seinen Berechnungen misstraut“, so Santana.
„Sie haben überflüssige tragende Wände eingezogen. Dabei hatte die Form als Gewölbe den Zweck, die Struktur des Hauses zu tragen, die Balken für die oberen Stockwerke“, fügt er hinzu. „Wegen dieser Änderung wird Gaudí auch nicht gesagt haben: ‚Seht her, das Haus habe ich gebaut.'“
Antoni Gaudí schuf auch Profanbauten, wie das Wohn- und Geschäftshaus Casa Batlló in Barcelona.
Ingenieure lebten hier zu Beginn des 20. Jahrhunderts
Bekannt ist schon lange: Das Chalet de Catllaràs wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Auftrag von Eusebi Güell errichtet. Er war ein enger Freund und Mäzen Gaudís, für ihn baute der Architekt den berühmten Park Güell in Barcelona. Güell besaß in der Nähe des Orts eine Kohlemine und eine Zementfabrik. Die Ingenieure lebten in dem Gebäude mit ihren Familien.
Dass Gaudí hinter dem Bau steht, überrascht im Dorf Pobla de Lillet niemanden, auch Restaurantbetreiber Marc Rovira nicht: „Wir haben schon immer gewusst, dass dieses Haus von Gaudí ist.“ Das sei auch bei dem Park des Dorfes der Fall, sagt er. „Nach und nach wurde es auch hier in Katalonien bekannt, aber bislang ist niemand hergekommen, der das bestätigt hätte. Jetzt haben sie uns Recht gegeben.“
Die Menschen im Ort kennen das Haus auch deshalb so gut, weil es weiter genutzt wurde, als Mine und Zementwerk längst stillgelegt waren. Auch der Wirt hat daran gute Erinnerungen: „Das liegt ja mitten im Gebirge und war ein Landschulheim. Ich selbst war dort im Ferienlager. Es gab Stockbetten und Duschen, eine Küche. Wir haben dort viel Zeit im Freien verbracht.“
Hoffnung auf mehr Touristen
Mit der offiziellen Anerkennung als Gebäude Gaudís hoffen die Menschen in Pobla de Lillet natürlich auch von der Strahlkraft des Namens des Architekten zu profitieren, der im Juni 100 Jahre alt geworden wäre und dessen berühmtestes Bauwerk, die Kirche Sagrada Familia in Barcelona, jedes Jahr fast fünf Millionen Besucherinnen und Besucher anzieht.
Ganz so viele sollen es in Pobla de Lillet dann aber doch nicht werden, hofft der Bürgermeister Enric Pla. „Unsere Gärten werden schon von 40.000 Menschen im Jahr besucht. Und wir haben ja auch noch den Tourismuszug zu der alten Zementfabrik, die die industrielle Revolution hier dokumentiert. Wir freuen uns natürlich, dass jetzt auch Gaudís Chalet hier weitere Leute anzieht.“ Man wolle aber nicht den dörflichen Charakter verlieren und die eigene Art, vor Ort zu leben, sagt der Bürgermeister.
Das vermutlich bekannteste Gebäude des Architekten: Die Basilika Sagrada Familia in Barcelona.
Klein im Vergleich mit anderen Gaudí-Gebäude
Gegen die berühmten Gaudí-Gebäude in Barcelona wirke das Chalet von Catllaràs recht klein, sagt Architekturprofessor Galdric Santana. Aber im Gesamtwerk Gaudís dürfe es nicht unterschätzt werden. „Dieses Werk ist eine Synthese von Gaudís damaligem Verständnis von Architektur: die Formen, die sich an die Natur anlehnen. Er hat hier an einem Ort gebaut, an dem er sich völlig frei fühlen konnte, nicht in einer städtischen Umgebung mit anderen umliegenden Gebäuden.“
Denn nur dort habe Gaudí alle Freiheiten für sein eigenes, modernes Verständnis von Architektur gehabt, glaubt Architektur-Professor Santana.
Source: tagesschau.de