Wohnen in London: Mein Haus, mein Boot, mein Leben

Der Name klingt idyllisch: Swan Island. Knapp dreißig lange Boote liegen zu beiden Seiten der Schwaneninsel in der Themse. Die Frühlingssonne scheint, ein sanfter Wind weht über den Fluss. Allerlei Wasservögel kreisen um die Boote. Celine sitzt mit einer Freundin in Korbstühlen auf dem Dach ihres Bootes und genießt die Aussicht auf das andere Ufer.

Die Neunundzwanzigjährige hat vor elf Monaten eine Entscheidung getroffen. „Ich hatte absolut die Nase voll davon, in einer WG zu leben“, sagt sie. Für ihr kleines Zimmer in einer Wohngemeinschaft, wie es Hunderttausende junge Berufstätige in London bewohnen, zahlte sie monatlich rund 1000 Pfund, umgerechnet 1150 Euro. Dazu kamen Nebenkosten in Höhe von 200 Euro. Ein eigenes Apartment zu mieten, ist für die meisten kaum erschwinglich. „Schon eine Einzimmerwohnung kostet 1600 Pfund Miete, wenn man nicht ein Loch mit Schimmel an den Wänden haben will“, sagt Celine.

Also hat sie sich auf die Alternative auf dem Wasser eingelassen. Sie hat all ihr Erspartes genommen und ein Hausboot gekauft. Seit fast einem Jahr ist nun die kleine Schwaneninsel im Südwesten Londons ihr Zuhause. „Das ist zwar nicht die gewöhnliche Art zu leben, aber es könnte ein Abenteuer werden, dachte ich. Wenn man so verzweifelt ist, sagt man: Ich werd’s mal versuchen.“ Sie habe schon immer Pirat werden wollen, fügt sie lachend hinzu.

„Auf den Wasserstraßen zeigen sich die harten Realitäten der Lebenshaltungskostenkrise“

Wie die junge Frau leben mehrere Tausend Londoner auf fest verankerten Hausbooten. Der Canal & River Trust, der die Wasserstraßen in England und Wales verwaltet, hat in seinem jüngsten Zensus mehr als 33.000 Narrow Boats gezählt, das sind die schmalen Boote, die über die ehemaligen Verkehrswege der industriellen Revolution schippern. Das Interesse – aber auch die Not einiger Bewohner – habe zugenommen, heißt es beim Canal & River Trust. „Auch auf den Wasserstraßen zeigen sich die harten Realitäten der Lebenshaltungskostenkrise“, sagt Alex Hennessey, einer der Trust-Manager. Mehr Menschen als früher zögen dauerhaft auf Booten über die Kanäle; manche hätten Schwierigkeiten, die jährlich fällige Nutzungsgebühr für die Wasserstraßen zu zahlen.

Celine (links) und eine Freundin genießen nach dem Winter die Sonne an Deck.
Celine (links) und eine Freundin genießen nach dem Winter die Sonne an Deck.Philip Plickert

Einige Boote sind rostig und moderig, andere wirken trotz Enge durchaus komfortabel. Zumindest erscheint die Lage der Ankerplätze recht exklusiv. Berühmt ist Little Venice, ein wohlhabendes Wohnviertel in Nordlondon, wo die Touristen pittoreske Hausboote entlang der Kanäle bestaunen, in deren Hintergrund cremeweiß gestrichene, feine viktorianische Häuser die Szenerie säumen. Das Viertel hatte einst schon der Dichter Lord Byron besungen. Am Ufer senken Trauerweiden ihre Zweige bis ans schwarze Wasser.

An manchen Anlegeplätzen ankern regelrechte Luxushausboote

Die Boote tragen schöne Namen wie Harmony oder Princess Lucy. Bei genauem Hinsehen sind viele der schmalen Kähne eher ärmlich; alte Fahrräder liegen neben Blumentöpfen, Grillgeräten und Holzstapeln auf dem Dach; hinter bunten Vorhängen stapeln sich Tassen und Teller. Die ganze Wassersiedlung wirkt späthippiehaft. Maximal sieben Tage darf man in Little Venice ankern, informiert ein Schild des Kanal-Trusts, dann muss man weiterziehen.

An manchen Anlegeplätzen an der Themse, etwa in den St. Katherine Docks nahe dem Tower of London oder in Battersea, ankern dagegen regelrechte Luxushausboote, strahlend weiß und modern. Diese kosten leicht eine Viertelmillion Pfund, so viel wie eine kleine Eigentumswohnung. Einige Besitzer vermieten sie über Airbnb an Urlauber. Ein sehr einfaches Hausboot ist schon ab 20.000 Pfund zu haben.

Celine bewohnt ein älteres Boot, eine ehemalige Fähre mit Aufbauten aus Holz. 87.000 Pfund hat sie dafür gezahlt, inklusive des Anlegerplatzes an der Schwaneninsel. Trotzdem findet sie ihr Leben nun sehr viel günstiger als in der WG. Strom, Wasser, Gas und eine monatliche Anlegegebühr seien viel niedriger. Sie zahle nun weniger als 650 Pfund im Monat, etwa halb so viel wie zuvor in der WG.

Celine zahlt für ihr Boot nur halb so viel wie zuvor für das WG-Zimmer

Ihr Boot ist fast drei Meter breit und zehn Meter lang. Über eine kleine Treppe steigt man hinab ins blau gestrichene Wohnzimmer. Celine nimmt in einem eiförmigen Sessel Platz. An der Wand steht ihre elektronische Orgel, auf der sie regelmäßig für den Sonntagsgottesdienst in Twickenham übt, daneben ein Plattenspieler und ihr Arbeitsplatz mit Laptop. Auf der Schmalseite gibt es eine winzige Küche mit Gasherd, Mikrowelle und Geschirrspüler. Über dem Waschbecken stehen auf einem Regal ein paar Vorräte und eine Batterie von Gewürzen, die Celine als gebürtige Singapurerin wichtig sind.

Das Badezimmer mit Toilette, Waschbecken und Sitzbadewanne ist nicht gerade für Menschen mit Platzangst geeignet; gegenüber hat Celine einen begehbaren Wandschrank. Im Durchgang würden etwas beleibtere Personen leicht stecken bleiben. Ganz hinten im Boot befindet sich der Schlafraum mit einem ausziehbaren Bett. „Was mir gefällt, sind die großen Fenster“, sagt die Hausbootbewohnerin. Durch eines sieht sie jeden Morgen, wie sich ein Haubentaucher im Wasser ausführlich putzt.

Die Bootsbewohner sind ein eigenes Völkchen

An der Uferseite wird die Romantik von einem etwas chaotischen Ankerplatz abgelöst, der versteckt hinter der Halle einer Craft-Brauerei und einer älteren kleinen Schiffswerft liegt, die Jachten repariert. Während ein Schreiner mit Holzbrettern hantiert, trägt ein Werftarbeiter einen Farbeimer herbei. Über schwimmende Eisenstege gelangt man zu den Booten. Hier leben beileibe nicht nur Singles, sondern auch Familien auf ihren Hausbooten. Auch die früheren Eigentümer von Celines Boot haben mit einem vierjährigen Kind auf dem engen Kahn gelebt. „Meine Nachbarn ziehen auf ihrem größeren Boot drei Kinder groß. Viele leben hier jahrzehntelang“, erzählt Celine. Ein Paar wohnt schon seit 47 Jahren dort, inzwischen auf dem vierten Boot.

Im schicken Viertel Little Venice nutzen Besitzer die Hausboote nicht nur zum Wohnen.
Im schicken Viertel Little Venice nutzen Besitzer die Hausboote nicht nur zum Wohnen.Philip Plickert

Die Bootsbewohner sind ein eigenes Völkchen. Zahlreiche alternativ-unkonventionelle Menschen leben hier, Musiker, Künstlertypen. Nachbar Nick kommt auf dem Steg vorbei, er trägt ein Kleid und roten Lippenstift. Sein Hausboot riecht stark nach Tabak, es ist halb Werkstatt, halb Schlafstatt. Auch einige Rentner leben in der Bootskolonie – und ein paar Angestellte wie Celine, die tagsüber ihre Videocalls machen und gelegentlich ins Büro ins Zentrum von London pendeln. Celine arbeitete nach ihrem Masterabschluss an einer Londoner Universität zunächst bei einer Non-Profit-Firma. Vor Kurzem wechselte sie auf eine besser bezahlte Stelle bei einem Unternehmen, das Projekte mit erneuerbaren Energien entwickelt. Sie arbeitet meistens im Homeoffice vom Boot aus, danach geht sie viel spazieren. „Im Sommer fahren wir Kajak auf dem Fluss“, erzählt sie. „Es ist perfekt für mich.“

Allerdings, das muss sie zugeben, die Wintermonate waren schwierig. „Ich werde nicht lügen, der Winter war brutal.“ Elend kalt sei es gewesen. Der Fluss zieht die Wärme regelrecht aus dem Boot heraus. Die Raumtemperatur sank unter 15 Grad, nur der kräftige Heizstrahler hielt wenigstens das Schlafzimmer bei 20 Grad. Das Boot der Nachbarn aus Metall ist noch schlechter isoliert als ihr Holzkasten. Als im Januar die Außentemperaturen längere Zeit unter null fielen, froren die Wasserleitungen ein, die von der Schwaneninsel kommen. Die Menschen ohne eigenen Wassertank hatten vier Tage lang kein fließendes Wasser. Sie gingen mit Eimern an Land. „Wir trafen uns wie früher am Dorfbrunnen“, erzählt Celine.

Man sollte das Abenteuer Hausboot unbedingt im Frühling beginnen

Man sollte das Abenteuer Hausboot unbedingt im Frühjahr oder Sommer beginnen, rät sie. „Dann hat man zunächst gute Erinnerungen an schöne milde Monate, bevor der Härtetest kommt.“ Dass es ein Abenteuer ist, das an die Nerven gehen kann, bestätigen alle, die es gewagt haben. Britische Zeitungen berichten immer wieder über die Mutigen, die ihr Leben auf ein Boot verlegen.

Mehrere Zehntausend schippern das ganze Jahr über die schmalen Kanäle, die England seit dem 18. Jahrhundert wie ein Netz durchziehen. Sie schwärmen von der Freiheit, die sie auf dem Wasser fanden: ein Klappstuhl auf dem Deck, den Blick auf die vorbeiziehende Landschaft gerichtet. Von London geht es auf der Themse recht schnell nach Oxford. Andere fahren den berühmten Grand-Union-Kanal ab, die 137 Meilen (220 Kilometer) lange Strecke von London bis Birmingham. Wer möchte, kann weiter nach Norden bis Leeds oder Liverpool fahren.

Eine junge Frau namens Kyrie Morris hat vor drei Jahren ihren Job gekündigt und sich gemeinsam mit ihrem Labrador auf die Reise durch Englands Kanäle gemacht. Auf Tiktok sammelte Morris als @Canalboatkiz mehr als 30.000 Follower, die ihre Abenteuer begleiten, darunter kilometerlange Fahrten durch stockdunkle Tunnel. Einmal brannte es auf ihrem Boot, nachdem eine Kerze umgefallen war. Unfälle sind nicht selten.

Der Ankerplatz ist ein paar Zehntausend Pfund wert

Dass ein Boot sinkt, ist aber doch die absolute Ausnahme. „Selbst wenn mein Boot ein Leck bekommen und sinken sollte“, sagt Celine, „dann besitze ich noch immer den Anlegeplatz.“ Das Recht, dort zu ankern, sei allein ein paar Zehntausend Pfund wert. Celine ist eine unverdrossen optimistische Person. Sie fühlt sich sicher auf ihrem Boot, auch wenn man vom Steg aus leicht in die Fenster blicken kann. Einbrüche gebe es auf der Schwaneninsel nicht, hier passe die ganze Nachbarschaft auf. Der größte Schreck passierte vor ein paar Monaten, als eine Leiche im Wasser gefunden wurde – ein alter Mann hatte flussaufwärts einen Herzanfall bekommen und war in die Themse gefallen.

Nun beginnt der Frühling, und alles sieht freundlich aus. Die junge Frau hat öfter Freunde zu Besuch, gelegentlich übernachten Gäste bei ihr. Wie lange sie auf dem Kahn wohnen wird? „Für eine Person geht es gut“, sagt sie. „Wenn ich einen Partner hätte, würde ich hier nicht leben wollen.“