Wofür Forschende 2026 den Leibniz-Preis bekommen

Das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) zur Verfügung gestellte Foto zeigt eine Statue von Gottfried Wilhelm Leibniz.

Stand: 18.03.2026 • 10:47 Uhr

Er gilt als der „Deutsche Nobelpreis“: Der Leibniz-Preis geht auch in diesem Jahr an zehn Forschende, die auf ihrem Gebiet Herausragendes geleistet haben. Heute werden die Auszeichnungen in Berlin übergeben

Von Veronika Simon, SWR

„Das ist natürlich eine große Ehre“, sagt Johannes Krause. Er ist Direktor am Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig und erhält in diesem Jahr als einer von zehn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern den Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). „Ich freue mich persönlich, aber auch für die gesamte Abteilung.“ Denn am Ende sei Forschung immer Teamarbeit.

Der Leibniz-Preis gilt als der wichtigste deutsche Forschungsförderpreis. Aus 144 Vorschlägen wählte der zuständige Ausschuss der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG drei Wissenschaftlerinnen und sieben Wissenschaftler aus, die auf ihrem Feld bereits außergewöhnliches geleistet haben und von denen erwartet wird, dass sie auch in Zukunft ihren Fachbereich prägen werden.

Entschlüsselung uralter Krankheitserreger

Johannes Krause ist beispielsweise Archäogenetiker. Er untersucht uralte DNA – dabei hat er zum Beispiel eine neue Ur-Menschenart entdeckt, den sogenannten Denisova-Menschen. Aber er nutzt die modernen Methoden zur DNA-Isolation und -Entschlüsselung auch, um Krankheitserreger aus einer längst vergangenen Zeit zu untersuchen.

„Tatsächlich hat das Ganze damit begonnen, dass ich eine Doktorandin hatte, die zu mir mit der Idee kam: Können wir nicht die Pest aus dem Mittelalter beforschen?“, erzählt Krause. Das Vorhaben glückte: Das Forschungsteam entschlüsselte das erste vollständige Genom der im 14. Jahrhundert kursierenden Pest.

Aus der Idee der Kollegin machte Krause ein ganzes Forschungsfeld: „In dem Moment, wo man einen Erreger rekonstruiert und erforscht hat, kommt der nächste um die Ecke.“ Erst die Lepra, dann die Tuberkulose, Typhus, HPV und verschiedene andere Viren und Bakterien. „Und so ging das Schritt für Schritt weiter.“

2,5 Millionen Euro Preisgeld für die Forschung

Bei der Alte-Pathogen-Genomik, wie man die Erforschung des Erbguts der Ur-Krankheitserreger jetzt nennt, arbeiten verschiedene Fachrichtungen zusammen: Historikerinnen werten Quellen aus, Archäologen bergen die Proben und Archäogenetiker wie Johannes Krause analysieren das Erbgut. So gewinnen sie Erkenntnisse über frühere Pandemien und Ausbrüche: „Man kann quasi untersuchen, wie sich der Erreger im Laufe der Zeit verändert hat. Wir können identifizieren, welche Mutationen zu einer Anpassung an den Menschen geführt haben, wie schnell sich ein Erreger verändert hat.“ Das könne wichtig sein, um einzuschätzen, welches Potential in Krankheitserregern schlummert, die heute noch kursieren.

„Johannes Krauses Arbeiten geben uns Einblicke, wie Infektionskrankheiten die Geschichte der Menschheit begleitet haben“, erklärt die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Genau wie die anderen Preisträgerinnen und Preisträger erhält er 2,5 Millionen Euro, die er frei für seine Forschung verwenden kann.

Die diesjährigen Preisträgerinnen und Preisträger:
  • Klaus Blaum, Experimentelle Physik, Max-Planck-Institut für Kernphysik, Heidelberg
  • Christian Doeller, Kognitive Neurowissenschaften und Psychologie, Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, Leipzig
  • Christian Hasse, Energieverfahrenstechnik, TU Darmstadt
  • Johannes Krause, Archäogenetik, Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig
  • Julia Mahamid, Strukturbiologie, European Molecular Biology Laboratory (EMBL), Heidelberg
  • Klaus-Robert Müller, Maschinelles Lernen, TU Berlin
  • Frank Pollmann, Theoretische Physik der kondensierten Materie, TU München
  • Armido Studer, Organische Molekülchemie, Universität Münster
  • Barbara Vetter, Theoretische Philosophie, FU Berlin
  • Cornelia Zumbusch, Neuere deutsche Literatur, Universität Hamburg

Verstehen, wie das Leben funktioniert

„Das Preisgeld ermöglicht mir ganz flexibel und kreativ neue, bahnbrechende Wege zu beschreiten – Wege, die im Moment vielleicht sogar unmöglich erscheinen”, sagt Julia Mahamid. Die Strukturbiologin vom European Molecular Biology Lab (EMBL) in Heidelberg erhält ebenfalls in diesem Jahr den Leibniz-Preis.

In ihrer Forschung versucht sie zu verstehen, wie Zellen, also die Grundeinheit des Lebens, funktionieren. „Dafür wollen wir die Struktur von all den molekularen Maschinen verstehen, die man für die Funktionen der Zellen braucht.“

Laut DFG zählen Mahamids Arbeiten zu den einflussreichsten ihrer Generation – denn sie konnte moderne Methoden weiterentwickeln, die es erlauben, die Abläufe in Zellen in einer nie dagewesenen Auflösung zu untersuchen. „Es ist großartig, diese Dinge das allererste Mal zu sehen. Es ist eine ganz neue Welt, die wir entdecken und das erste Mal darstellen können. Und es gibt unendlich viele biologische und biomechanische Fragen, die wir damit aus einer anderen Perspektive angehen können“, so Mahamid.

Grundlagenforschung und angewandte Wissenschaft

Bei so einer grundlegenden Arbeit ist am Anfang nicht immer klar, wofür sie mal genutzt werden kann: Die Strukturbiologin Mahamid erforschte zum Beispiel Komplexe in Bakterienzellen, an denen Antibiotika wirken können. Auf diese grundlegenden Arbeiten konnten dann aber andere Forschungsgruppen zurückgreifen, die eine Möglichkeit suchten, diese Erreger zu bekämpfen.

Unter den Forschenden der Natur- und Geisteswissenschaften, Lebens- und Ingenieurswissenschaften, die in diesem Jahr den Leibniz-Preis erhalten, sind zwar auch Wissenschaftler wie Christian Hasse von der TU Darmstadt, die an ganz praktischen Lösungen forschen.

Hasse sucht beispielsweise nach wissenschaftsbasierten Lösungen für die Energiewende. Aber auch Grundlagenforschung wird von der DFG explizit gefördert. „Man weiß nie, wozu Wissen führt“, erklärt auch Johannes Krause. Seine Erkenntnisse über uralte Krankheitserreger könnten in kommenden Pandemien nützlich sein. „Es ist aber auch möglich, dass wir ausschließlich Erkenntnisse gewinnen, die wichtig sind, um die Menschheitsgeschichte besser zu verstehen.“ Das allein habe auch einen Wert. „Wissen aus der Vergangenheit kann uns helfen, die heutige Zeit, aber vielleicht auch die Zukunft besser zu verstehen“, so der Leibniz-Preisträger.

Source: tagesschau.de