„Wochenlang nur Instantnudeln essen, gehört manchmal dazu, wenn man Musiker ist“
Das südafrikanische MIAGI-Orchester zeigt, wie klassische Musik Brücken zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft und Hautfarbe schlagen kann. Nun kommt das Ensemble nach Deutschland.
Vor einigen Jahren gab es eine Phase, da habe er wochenlang fast nur von Instantnudeln gelebt, erzählt Trompeter Brandon Ruiters. Frühstück, Mittagessen, Abendessen – immer dasselbe. Engagements blieben aus, Geld war knapp. „Das gehört manchmal dazu, wenn man Musiker ist“, sagt er wie einer, der keine Wahl hat. „Musik ist nun einmal mein Leben.“ Sicher sei dieser Beruf nicht. Aber aufhören kam für ihn nie infrage. Und irgendwann kamen wieder besser bezahlte Auftritte. So wie vieles in Südafrika irgendwie immer weitergeht, das bisweilen aussichtslos erscheint.
Ruiters gehört zum renommierten südafrikanischen MIAGI Orchestra, das in einigen Wochen für ein großes Konzert nach Deutschland reist. Am 27. April treten die rund 80 Musiker in der Alten Oper Frankfurt unter der musikalischen Leitung von David Panzl auf. Sie spielen im Rahmen von Podium Zukunft, dem Festival der Jugendorchester.
Das mit der Jugend ist bei MIAGI allerdings relativ – Ruiters ist 36. Die Jugendlichen im Ensemble, das längst zu den bekanntesten Initiativen klassischer Musik in Afrika gehört, sind in der Minderheit. Doch viele der Musiker stammen aus Förderprogrammen in den Townships, die Kindern und Jugendlichen erstmals Zugang zu Instrumenten ermöglichten und über diesen Weg in das Orchester aufgenommen wurden. In einem Land, in dem klassische Musik lange als elitär galt, ist das für viele noch immer eine vergleichsweise neue Erfahrung.
Doch einige der Musiker haben auch einen Hintergrund in der Mittelschicht – eindeutig in eine Schublade lässt sich das Orchester nicht einordnen. Es ist so vielfältig wie Südafrika selbst, mit dem Unterschied, dass sich hier Menschen unterschiedlicher Herkunft weit stärker begegnen als außerhalb der Probenräume. Das berühmte Bild der Regenbogennation bleibt 32 Jahre nach dem Ende der Apartheid allzu oft eine Utopie.
Zugleich ist das Orchester für viele Musiker ein Sprungbrett gewesen. Dutzende Karrieren als Berufsmusiker haben hier ihren Anfang genommen. Genau das war eine der Ideen von Robert Brooks, der MIAGI vor 25 Jahren gemeinsam mit der finnischen Pianistin Ingrid Hedlund gründete. Der Name steht für „Music Is A Great Investment“ – Musik ist eine großartige Investition. Für Brooks bedeutet das mehr als ein kulturelles Bekenntnis. Musik könne Fähigkeiten vermitteln, die weit über die Kunst hinausreichen, sagt er bei einem Kaffee in einem Kapstädter Restaurant. „Musikbildung ist menschliche Entwicklung. Und menschliche Entwicklung schafft Möglichkeiten.“
Im Idealfall auch Lohn und Brot. Brooks zog einst nach Österreich, um sein Können am Salzburger Mozarteum zu verfeinern. Er gehörte zu den ersten von inzwischen zahlreichen südafrikanischen Opernsängern, die im Ausland Erfolg haben. Mehr als zwanzig Jahre lebte er in Österreich – bis die Talentförderung in der Heimat zur größeren Berufung wurde.
Davon gibt es in Südafrika bekanntlich reichlich. Von den Jazz-Legenden Hugh Masekela und Abdullah Ibrahim über die Pop-Sängerinnen Miriam Makeba und Brenda Fassie bis hin zum Soweto Gospel Choir oder DJs wie Black Coffee und Goldfish – die Liste aktueller und früherer Musikstars aus Südafrika ist lang.
Etwas weniger bekannt ist das Renommee des Landes in der klassischen Musik. Programme wie MIAGI oder Initiativen von Universitäten und Musikschulen haben in den vergangenen Jahrzehnten Tausenden jungen Menschen Zugang zu klassischer Ausbildung ermöglicht. Internationale Partner aus Europa unterstützen viele dieser Projekte mit Workshops, Instrumenten oder Austauschprogrammen. Brooks‘ Orchester kooperiert mit der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien.
Wohl noch nie gab es in Südafrika so viele gut ausgebildete klassische Musiker. Doch eine stabile Berufskarriere schaffen nur die wenigsten. Zwar verfügt das Land über die wohl beste Infrastruktur für klassische Musik in Subsahara-Afrika. Orchester wie das Cape Town Philharmonic Orchestra, das Johannesburg Philharmonic Orchestra oder das KwaZulu-Natal Philharmonic Orchestra organisieren regelmäßig Konzertreihen und Festivals.
Staatliche Förderung nimmt ab
Dass viele der MIAGI-Musiker tatsächlich von ihrer Kunst leben können, ist dennoch bemerkenswert – zumal staatliche Förderung in Südafrika seit Jahren massiv abnimmt, besonders im Bereich der klassischen Musik. Die meisten arbeiten freiberuflich, wechseln zwischen Orchestern, unterrichten Schüler, spielen Studioaufnahmen oder treten bei Festivals auf. Das MIAGI Orchestra lädt sie zu Probenphasen und Tourneen ein – danach gehen sie wieder ihren eigenen Projekten nach. „Wir sind keine Institution, zu der die Leute fest gehören“, sagt Brooks. „Aber die Musiker kommen immer wieder zusammen, weil sie Teil davon sein wollen.“
So wie die Kontrabassistin Siyolise Nyondo, 32, die seit vielen Jahren dabei ist und sich zu Brooks und Ruiters an den Tisch setzt. Auch sie wuchs in einem Township auf, allerdings – wie sie betont – gleichzeitig sehr behütet. Das Bild einer Truppe aus den Slums sei nicht völlig falsch, sagt sie, aber doch zu einfach.
Ihren ersten bezahlten Musikjob erhielt sie mit 14 Jahren. „Da haben meine Eltern gemerkt, dass das vielleicht mehr sein könnte als ein Hobby“, sagt sie. Heute lebt sie als freischaffende Musikerin in Kapstadt. Sie spielt mit verschiedenen Orchestern, unterrichtet Schüler und tritt bei Festivals auf. „In der Kombination kann ich davon leben“, sagt sie. „Es ist nicht immer einfach, aber es geht.“
Eine Studie bezifferte das durchschnittliche Monatseinkommen südafrikanischer Musiker auf etwas mehr als 1000 Euro. Instrumente sind teuer und werden in Südafrika häufig auch noch als Luxusgüter besteuert. Viele Musiker müssen ihre Ausrüstung selbst finanzieren. Ruiters hatte umgerechnet rund 5000 Euro in seine Trompete investiert. Dann wurde sie aus seinem Auto gestohlen. Heute spielt er auf einem gebrauchten Instrument, das er für einen Bruchteil des Preises kaufte und aufwendig restaurierte. „Sie klingt fast genauso gut“, sagt er.
Das Repertoire des Orchesters beschränkt sich nicht auf klassische Werke. Neben Beethoven oder Dvořák stehen regelmäßig Kompositionen südafrikanischer Musiker auf dem Programm. Jazz, afrikanische Rhythmen und klassische Formen gehen ineinander über. „Wir sind ein singendes und tanzendes Orchester“, sagt Nyondo. „Das gehört einfach zu unserer Art zu spielen.“
Diese ganz eigene Mischung hat dem Ensemble auch internationale Auftritte ermöglicht. Beim Schleswig-Holstein Musikfestival, in der Hamburger Elbphilharmonie, im Concertgebouw in Amsterdam und im Konzerthaus Berlin war das MIAGI Orchestra bereits zu Gast.
Die eine oder andere Woche mit Instantnudeln ist das allemal wert.
Source: welt.de