Wo Wälder die Erde kühlen – und wo nicht
Wälder binden CO2. Aufforstung ist deshalb wichtig im Kampf gegen die Erderwärmung. Eine Studie zeigt jedoch: Nur am strategisch richtigen Standort funktionieren Wälder zusätzlich als Klimaanlagen.
Ihren guten Ruf als Klimaschützer haben Bäume, weil sie der Atmosphäre CO2 entziehen. Als Speicher und Senken von Kohlenstoff helfen gesunde Wälder, das Klima auf der Erde zu stabilisieren. Aufforstungsprojekte gelten daher als ein Werkzeug, um die Erderwärmung zu verlangsamen.
Doch eine neue Studie der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH) verdeutlicht, dass Wälder nicht überall auf der Erde die gleiche Klimawirkung entfalten. Während neue Wälder mancherorts wie riesige Klimaanlagen funktionieren würden, könnten sie an anderen Orten auf der Welt sogar das Gegenteil bewirken und zu einer Erwärmung beitragen. Damit Aufforstungsprojekte mehr als nur symbolisches Klimaschutzengagement sind, sollten sie demnach strategisch erfolgen.
Wälder sind mehr als CO2-Senken
Dass Wälder nicht überall auf der Erde die gleichen Auswirkungen auf unser Klima haben, liegt daran, dass Wälder gleichzeitig verschiedene Effekte auf die Umwelt haben können.
Der bekannteste Effekt ist die Aufnahme von CO2 durch die Photosynthese der Bäume, er hat auch die größte Klimawirkung. In lebenden Bäumen sind pro Hektar Wald rund 108 Tonnen Kohlenstoff gespeichert. Dazu kommen Waldboden, Sträucher und Totholz, in denen ebenfalls CO2 gespeichert ist.
Die CO2-Speicherung ist Chemie. Dazu spielt bei Wäldern aber auch die Physik eine Rolle. Denn Bäume verändern die Landoberfläche, auf der sie wachsen und damit beispielsweise auch, wie stark sich die Landschaft erwärmt oder wie viel Wasser verdunstet. Bei hohen Temperaturen verdampft über Wäldern viel Feuchtigkeit. Dabei entsteht Verdunstungskühle. Dadurch werden Wälder zu natürlichen Klimaanlagen.
Auf schneebedeckten Flächen kann es dagegen zu einem anderen Effekt kommen: Während der weiße Schnee viel Sonnenlicht reflektiert und sich deshalb kaum aufwärmt, nehmen Wälder mit dunklen Baumkronen mehr Sonnenlicht auf. Dadurch können sie ihre Umgebung erwärmen. Deshalb wirken Bäume sehr unterschiedlich auf das Klima. Das Forschungsteam der ETH Zürich hat das in seiner Studie berücksichtigt und auf dieser Basis drei unterschiedliche Aufforstungsszenarien verglichen.
Tropenwälder kühlen am besten
Durch die Berücksichtigung der verschiedenen Effekte deutet die Studie darauf hin, dass der Standort entscheidend für die Klimawirkung von Wäldern ist.
Ein besonders hohes Kühlungspotenzial besteht laut Hauptautorin Nora Fahrenbach für Aufforstungsprojekte in tropischen Regionen, etwa im Amazonasbecken oder in West- und Südostafrika. Wie jeder gesunde Wald binden tropische Wälder CO2. Dazu kommt: Durch die besonders hohen Temperaturen in den Tropen „schwitzt der Wald dort mehr und hat stärker diesen Verdunstungseffekt“, erklärt Fahrenbach. Beide Kühlungseffekte wirkten dabei nicht nur lokal, sondern auch global, so die Wissenschaftlerin.
Wäldern in nördlichen Breiten, etwa in Alaska oder Sibirien, erwärmen ihre Umgebung dagegen potenziell, was ihrem positiven Effekt als CO2-Speicher entgegenwirkt und ihn sogar aufheben kann.
Eine zentrale Erkenntnis der Studie ist laut Forscherin Fahrenbach demnach, dass die Frage nach dem „Wo” bei Aufforstungsprojekten mindestens genau so entscheidend sei wie die Anzahl der Bäume: „Es zählt wirklich nicht nur die Fläche, sondern auch der Ort der Pflanzung.“
Es zählt also nicht die Quantität, sondern die Qualität der Aufforstungsmaßnahmen. Durch eine strategische Aufforstung könne ein globaler Kühlungseffekt auf einer deutlich kleineren Fläche gelingen.
Kühlung in Klimapolitik bisher kaum berücksichtigt
Zu berücksichtigen, dass Wälder das Klima auf unterschiedliche Weisen beeinflussen, könnte auch die globale Klimapolitik verändern. Bisher fokussierten sich klimapolitische Abkommen, wie etwa das Pariser Klimaabkommen, überwiegend auf die Rolle von Wäldern als Kohlenstoffspeicher.
„Die internationale Klimapolitik denkt in der Währung CO2,” bestätigt Julia Pongratz. Die Wissenschaftlerin, die an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) zu den Wechselwirkungen zwischen Landnutzung und Klima forscht, erklärt: „Es sind Emissionsbudgets, über die auf den Klimakonferenzen verhandelt werden”. Das spiele zwar für die globale Mitteltemperatur die Hauptrolle, „lokal gesehen allerdings sind diese biogeophysikalischen Effekte oft sogar dominierend“, bestätigt Julia Pongratz.
Aufforstung hat Grenzen
Eine strategisch kluge und effiziente Aufforstung, die alle Effekte berücksichtigt, ist auch deshalb wichtig, weil nicht unbegrenzt Flächen für neue Wälder zur Verfügung stehen. Schließlich werden Landflächen auch für die Produktion von Nahrungs- und Futtermitteln verwendet.
Auch die finanziellen Budgets für Aufforstungsprojekte sind politisch limitiert. Um ineffiziente Aufforstungsprojekte zu verhindern, empfiehlt Nora Fahrenbach auch, künftige Aufforstungen international zu koordinieren. Eine globale Institution gebe es dafür jedoch momentan noch nicht.
Dazu kommt: Nicht nur die Fläche, sondern auch der Effekt von Aufforstungsprojekten hat Grenzen. Selbst groß angelegte Projekte könnten die globale Durchschnittstemperatur nur um maximal 0,25 Grad Celsius senken, so das Ergebnis der ETH-Studie. Mehr könne durch Wälder nicht erreicht werden. Klimaforscherin Nora Fahrenbach mahnt deshalb, dass „Aufforstung ein wichtiger Teil im Kampf gegen den Klimawandel” darstelle, er könne allerdings „auf keinen Fall Dekarbonisierung, also die Reduktion von Emissionen, ersetzen“.
Bestehende Wälder schützen
Neben der strategischen Aufforstung ist auch der Schutz bestehender Wälder wichtig. „Schon heute sehen wir massive Schäden an Wäldern durch Dürren, Feuer oder Insektenausbrüche”, so LMU-Forscherin Julia Pongratz. Ein fortschreitender Klimawandel wird solche Störungen verstärken, derzeit steuert die Erde auf eine Erwärmung zwischen zwei und drei Grad Celsius zu. “Da wird es viel schwieriger, die bestehenden Wälder zu erhalten und neue Waldflächen zu schaffen”, erklärt Pongratz.
Die Herausforderung besteht also auch darin, alte Wälder so schnell wie möglich widerstandsfähig gegenüber den Klimaveränderungen zu machen. Denn sterben diese Wälder ab, geraten Lebensräume und ganze Ökosysteme in Gefahr. Zudem kehrt sich in absterbenden Wäldern ihr Speichereffekt um: Statt CO2 aufzunehmen, geben sie dann Kohlenstoff an ihre Umwelt ab und verstärken das Voranschreiten des Klimawandels.
Auch in Deutschland haben mehrere Dürrejahre seit 2018 die Wälder bereits erheblich geschädigt – die deutschen Wälder waren seither eine CO2-Quelle. 2025 konnte der Wald in Deutschland erstmals wieder mehr Kohlenstoff aufnehmen, als er ausstieß.
Source: tagesschau.de