„Witch Hunt” von Susanne Kaiser: Wenn digitaler Frauenhass zur Hexenjagd wird

Mit Riot Girl erschien 2025 eines der aufregendsten deutschen Krimidebüts seit Jahren, der Nachfolger Witch Hunt ist sogar noch besser. Susanne Kaiser, die als Journalistin und Sachbuchautorin mit Texten zu männlicher Gewalt und Antifeminismus bekannt wurde (Backlash – Die neue Gewalt gegen Frauen), nimmt sich des Themas auch in ihren Kriminalromanen an.

In Witch Hunt wird die Münchner Politikerin Deniz Yanar beschimpft und bedroht, zunächst digital, kurze Zeit später auch physisch. Die junge Polizistin Obalski (kein Vorname) ermittelt wie in Riot Girl undercover. Gemeinsam mit ihren Kollegen von der Sondereinheit XX lernt sie bald, dass Yanar nicht das einzige Opfer ist.

Aber es gibt auch Frauen, die sich gegen die Männergewalt wehren, und Obalski wird ihre Hilfe brauchen, um den Fall zu lösen. Krimis, die sich mit digitaler Gewalt gegen Frauen auseinandersetzen, sind eine Seltenheit im Genre. Schön, dass sich das jetzt ändert – und dass Kaiser mit Obalski eine vielschichtige, sympathische und glaubwürdige Serienheldin erschaffen hat, die völlig klischeefrei daherkommt.

der Freitag: Frau Kaiser, Sie haben vergangenes Jahr mit „Riot Girl“ ein viel beachtetes Krimidebüt geschrieben. Warum haben Sie als Journalistin und Sachbuchautorin den Weg ins Genre gewählt?

Susanne Kaiser: Zum einen bin ich schon lange Krimileserin und war mir sicher: Das kann ich auch. Und zum anderen gibt es meines Wissens nach noch niemanden in Deutschland, der oder die so dezidiert über das Thema Frauenhass im Internet schreibt. Man könnte sagen, dass meine Kriminalromane meine Art von trojanischem Pferd sind.

Wie meinen Sie das?

Mit meinen Sachbüchern erreiche ich vor allem Menschen, die sich mit den Themen, die mich beschäftigen, schon auskennen und nur noch Detailwissen benötigen. Ein bisschen preaching to the believers. Ich möchte aber auch Menschen erreichen, die nichts oder wenig wissen über das, was auf Social Media in Sachen Frauenhass passiert. Ich komme gerade von einer Lesung aus Stuttgart zurück. Das Publikum war ein bisschen älter, und es waren sehr viele Männer dort, etwa 40 Prozent. Und es war spannend zu sehen, wie die auf meine Sachen reagiert haben. Viele von ihnen waren ziemlich angefasst, teilweise sogar schockiert.

Sie sagten gerade: „Krimi, das kann ich auch“. Wie leicht fiel Ihnen die Arbeit an „Riot Girl“?

Da war wohl ein bisschen Hybris im Spiel, jedenfalls habe ich mir das viel einfacher vorgestellt. Theoretisch wusste ich zwar, wie es geht, in der Praxis war es aber ein extrem langer Prozess, bis der Roman fertig war. Ich weiß nicht, wie oft ich den Roman noch mal geschrieben habe.

Fiel Ihnen die Arbeit am Nachfolger „Witch Hunt“ leichter?

Ja, mit Riot Girl hatte ich mich freigeschrieben. Das war das große Ausprobieren, Richtung und Stil finden. Bei Witch Hunt hatte ich meine Figuren im Griff und gelernt, wie man Spannung aufbaut.

In Deutschland hat sich jahrelang nichts getan, um gesetzlich gegen Cybergewalt vorzugehen

Die Polizei kommt in Ihren Romanen überraschend gut weg. Wie kam es dazu?

Stimmt schon, ein bisschen ist das meine „Wünsch dir was“-Polizei, aber natürlich sehe ich auch die Punkte, die kritisiert werden müssen. In meinen Büchern geht es mir aber vor allem darum, mit den männlichen Kollegen von Obalski, mit ihrem Kollegen Karajan und ihrem Chef Mattensief, zu zeigen, dass nicht alle Männer empathielose Täter sind, sondern ambivalente Persönlichkeiten mit dem Potenzial, sich gegen gelernte Klischees und Stereotypen zu wehren.

Gibt es eigentlich eine reale Entsprechung zu der Sondereinheit XX, in der Obalski auf ihre ganz spezielle Weise in Sachen Cyberkriminalität ermittelt?

Nein, leider noch nicht, und es wäre momentan auch undenkbar, dass eine Polizistin zu Undercover-Einsätzen wie Obalski eingesetzt wird, ob im Jugendamt wie in Riot Girl oder bei einer Politikerin wie in Witch Hunt.

Wenn Sie etwas an der Polizei kritisieren, ist das vor allem, dass sie unterbesetzt ist und nicht wirklich alles tun kann, was sie sollte, oder?

Ja, klar, und das libertäre, neoliberale Abspecken, das letztlich zu der Mangelsituation heute geführt hat, begann schon unter dem Kanzler Gerhard Schröder. Eine Verantwortungsverschiebung von den Institutionen zum Individuum, die letztlich zu einer Erosion der Demokratie führt.

Vor Kurzem ist der Fall von Collien Fernandes bekannt geworden, in dem es ja auch vor allem um digitale Gewalt geht. Hat Sie das in Ihrer Arbeit bestätigt?

Es ist traurig, aber inzwischen bin ich daran gewöhnt, dass es eigentlich zu jedem Interview, das ich gebe, zu jeder Lesung, die ich habe, einen aktuellen Aufhänger gibt. Ebenfalls traurig ist, dass sich in Deutschland jahrelang nichts getan hat, um gesetzlich gegen Cybergewalt vorzugehen, ob gegen pornografische Deepfakes oder Vergewaltigungsdrohungen.

Muss man als Täter in Deutschland keine Angst haben, strafrechtlich verfolgt zu werden?

Ich fürchte, so ist es. Männer brauchen sich gar nicht in Foren austauschen, wie man es am besten anstellt, nicht erwischt und bestraft zu werden. Sie können sich ganz auf Gesetze und den Rechtsstaat verlassen.

Was hat das für Konsequenzen?

Letztlich werden Frauen so aus der Öffentlichkeit gedrängt. Politikerinnen, Journalistinnen und Aktivistinnen werden mundtot gemacht. Es gibt Studien, nach denen sich jede zweite Frau nicht mehr traut, ihre politische Meinung im Internet zu sagen.

Ist es für Sie deshalb wichtig, dass in Ihren Romanen die Frauen zurückschlagen?

Ja, ich mag diese Rachefantasien wie in Witch Hunt, wo meine „Hacksen“ ein Onlinespiel kapern, in dem Männer Frauen quälen, und den Spieß umdrehen. Doch die Hacksen wiederholen nicht einfach den männlichen Gewaltwahnsinn, sondern lassen sich perfidere Dinge einfallen, um ihre Opfer zu quälen: Die Täter müssen sich selbst begegnen, wie in einem Spiegel, immer wieder.

„Hacksen“ ist eine Wortschöpfung aus Hacker und Hexe. Der Roman heißt „Witch Hunt“, also Hexenjagd. Warum ist das Wort Hexe so zentral für die Geschichte?

Erst einmal ist der Titel ja mindestens dreideutig. Zum einen meint „Witch Hunt“ die Hexenverfolgungen, zum anderen benutzen Politiker wie Donald Trump den Ausdruck Hexenjagd, wenn sie sich zu Unrecht verfolgt fühlen. Und zum Dritten kann man es natürlich umdrehen: Die Hexen werden zu Verfolgerinnen, wie es im Roman der Fall ist. Vor allem aber werden Frauen heute noch immer als Hexen diffamiert, das wollte ich aufgreifen.

Haben Sie ein Beispiel?

Da gibt es viele, etwa die österreichische Ärztin Lisa-Maria Kellermayr, die während Corona als „Impf-Hexe“ beschimpft wurde und sich aufgrund massiver Bedrohungen umgebracht hat. Ich habe ein paar der Sachen gelesen, die ihr geschrieben wurden. Das waren schlimmste Folterfantasien, dagegen ist der IS eine blasse Truppe.

Man muss nur TikTok oder Instagram öffnen, und schon findet man den ganzen Müll

Auch in „Witch Hunt“ gibt es Passagen mit schockierenden, radikalen und obszönen Drohungen. Wie nah am echten Leben sind die?

Ich schwäche das immer ab, sonst würde ich einen Gewaltporno schreiben.

Wie tief müssen Sie in die dunklen Seiten des Internets eintauchen, um für Ihre Bücher zu recherchieren?

Für Politische Männlichkeit, das 2000 erschienen ist, musste ich tatsächlich noch ins Darknet, mich mit einem männlichen Avatar in abseitigen Foren bewegen. Heißt: Die antifeministische Manosphere war damals noch obskur. Das ist heute krass anders. Man muss nur TikTok oder Instagram öffnen, und schon findet man den ganzen Müll aus der Incel-Szene inklusive Gewaltvideos. Das sickert gerade massiv in den Mainstream ein, und das ist extrem beunruhigend.

Fühlen sich die Plattformen nicht für ihre Inhalte verantwortlich?

Noch schlimmer: Sie verdienen ihr Geld damit, sie leben von Aufregung und Hass. Deshalb spülen ihre Radikalisierungsalgorithmen die extremsten Sachen nach oben.

Bekommen Sie persönlich den Hass im Netz zu spüren?

Schon auch, es war aber noch schlimmer, als ich zu Islamthemen gearbeitet habe. Trotzdem gibt es eklige Sachen, aber ich schaffe es meistens recht gut, dazu eine Distanz aufzubauen.

Wie schaffen Sie das?

Indem ich versuche, diese Beleidigungen und Anfeindungen nicht persönlich zu nehmen, sondern als Recherchematerial für neue Bücher.

Witch Hunt Susanne Kaiser Rowohlt Wunderlich 2026, 400 S., 24 €