Wissenschaftspublizistik: Die geographische Schieflage welcher Wirtschaftswissenschaft

Wer als junger Ökonom in der akademischen Welt Karriere machen will, braucht Publikationen in hochrangigen wissenschaftlichen Fachzeitschriften. Als Goldstandard gelten Aufsätze in einer der fünf besonders renommierten Zeitschriften des Faches – den sogenannten „Top Five Journals“ (zu denen etwa die „American Economic Review“ gehört), denn dort werden die Aufsätze besonders streng begutachtet, ein Großteil wird im Zuge des „Peer Review“ abgelehnt.
Die drei Forscher Ernest Aigner, Jacob Greenspon und Dani Rodrik haben nun untersucht, aus welchen Ländern die Autoren in den renommiertesten Zeitschriften der Ökonomie kommen. Dafür haben sie mehr als 450.000 Artikel aus fast 500 wissenschaftlichen Zeitschriften analysiert, die zwischen 1980 und 2021 erschienen sind. Dabei zeigt sich, dass die Forschung noch immer sehr stark auf die USA konzentriert ist: 65 Prozent der Forschungsergebnisse in den zehn renommiertesten Zeitschriften des Faches stammen von Wissenschaftlern, die einer Universität oder einer anderen Forschungsorganisation aus den Vereinigten Staaten angehören. Ihre Aufsätze werden auch deutlich häufiger von anderen Wissenschaftlern zitiert. Forscher aus Europa haben immerhin nennenswerte Fortschritte gemacht und schaffen es mittlerweile öfter in die Spitzenzeitschriften als früher.
„Viele wichtige Ideen bleiben unentdeckt“
Anders sieht die Lage für Forscher aus armen Ländern aus: „Autoren aus Entwicklungsländern bleiben von renommierten Fachzeitschriften ausgeschlossen“, schreiben die drei Wissenschaftler. Ihr Anteil an den Aufsätzen in Spitzenzeitschriften sei „extrem gering“. Und zwar noch weit geringer, als es dem wirtschaftlichen Gewicht ihrer Länder in der Weltwirtschaft entsprechen würde. Das Problem habe sich im Laufe der Zeit eher verschärft als verbessert. Zwar veröffentlichen Forscher aus Entwicklungsländern inzwischen auch in internationalen Zeitschriften, allerdings habe ihr Anteil „fast ausschließlich in Zeitschriften zugenommen, die auf Platz 100 oder darunter rangieren“. Besonders verwunderlich: Innerhalb der Volkswirtschaftslehre hat das Fachgebiet der Entwicklungsökonomik zwar an Bedeutung gewonnen, aber Wissenschaftler von Universitäten in den armen Ländern spielen in genau dieser Disziplin kaum eine Rolle.
Liegt es an mangelnder Qualität? Diese Frage haben sich die Forscher auch gestellt, wobei wissenschaftliche Qualität schwer zu messen ist. Um die Frage zumindest näherungsweise zu beantworten, haben die drei Forscher als Qualitätsmaß – bei allen bekannten Problemen des Vorgehens – die Zahl der Zitationen gewählt und berechnet, ob sich die Ergebnisse ändern, wenn man dies statistisch berücksichtigt. Doch die Lücke bleibt. Auch bei vergleichbarer Zitierhäufigkeit schaffen es Aufsätze von Autoren aus Entwicklungsländern viel seltener in die Spitzentitel des Faches. Ihre Auswertung sehen die drei als Mahnung an die eigene Disziplin: „Es ist keine wilde Phantasie zu glauben, dass viele wichtige Ideen unentdeckt bleiben, weil Forscher aus der akademischen Peripherie kein aufgeschlossenes Publikum haben.“