Wirtschafter Felbermayr: „Der Irankrieg ist pro China schmerzhafter wie pro die USA“
Herr Felbermayr, welche Folgen hat der Irankrieg für die Weltwirtschaft?
Kurzfristig dämpft der Krieg die Konjunktur. Es gilt die Regel, dass ein Anstieg des Ölpreises um zehn Dollar je Fass in den entwickelten Volkswirtschaften ungefähr 0,1 Prozentpunkte Wachstum kostet. Die Frage ist: Wo endet der Anstieg des Ölpreises? Dann haben wir in Europa noch mal über die Gaspreise einen zweiten, ähnlich gelagerten Effekt. Und wir haben die höhere Unsicherheit, auch das dämpft die Wirtschaft. Aber langfristig gibt es natürlich auch eine gute Seite. Wenn das Regime der Mullahs verschwindet und der Iran in die Weltwirtschaft zurückkehrt, dann gibt es große Chancen für die Konjunktur – auf globaler Ebene auch und besonders für Deutschland und Europa.
Lassen Sie uns erst über die Risiken sprechen. Wenn Sie sich die drei Faktoren anschauen – Energiepreise, Güterhandel oder Lieferketten und geopolitische Unsicherheit – was ist das größte Risiko des Kriegs im Nahen Osten?
Die Energiepreise müssen uns direkte Sorge machen. Die Unsicherheit ist unerfreulich, aber die war schon zuvor hoch. Weniger relevant ist der klassische Güterhandel; die Region ist als Exportmarkt für Deutschland von geringer Bedeutung. Beobachten muss man den Frachtverkehr Richtung China, der über Dubai oder Abu Dhabi oder Doha läuft. Wenn das wochenlang nicht möglich ist, verlängern sich die Luftfrachtwege nach Asien. Aber was uns jetzt wirklich auf dem falschen Fuß erwischt, ist dieser potentiell drastische Anstieg der Energiepreise.
Droht ein Energiepreisschock wie im Jahr 2022, nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine?
Dieses Risiko ist da. Vieles hängt davon ab, wie lange dieser Konflikt dauert. Falls es eine dauerhafte Sperrung der Straße von Hormus gibt, würde das zu einem deutlichen Effekt auf die Energiemärkte führen. Studien zeigen, dass eine einprozentige Verknappung des globalen Angebots zu einem fünfprozentigen Anstieg des Erdölpreises führt. Wenn mit einer Sperrung der Straße von Hormus 20 Prozent des Erdölangebots vom Weltmarkt verschwänden, dann müsste man mit einer Verdopplung des Erdölpreises rechnen. Das wäre eine ausgewachsene Krise. Soweit ist es noch überhaupt nicht, aber wenn die Dinge einen Monat oder länger andauern, dann gibt es tatsächlich Gefahr nicht nur für das Wachstum. Dann werden wir das auch in der Inflation deutlich spüren.
Der Erdgaspreis ist weit mehr gestiegen als der Preis auf dem Ölmarkt. Ist der Gasmarkt das größere Problem?
Man darf nicht vergessen, dass die Erdgasmärkte, zum Beispiel in Europa TTF, nicht sehr liquide Märkte sind. Viele große Gasverbraucher decken sich mit langfristigen Verträgen ab. Weil der Markt so illiquide ist, ist die Gefahr hoch, dass die Preisausschläge nicht die wirklichen Knappheitsverhältnisse widerspiegeln. Am Gasmarkt war in den vergangenen Tagen die Volatilität riesig. Deshalb muss man die Preisaufschläge am Gasmarkt mit einer gewissen Vorsicht betrachten.
Ist in Deutschland eher der Öl- oder der Gaseffekt entscheidend?
Beide. Beim Erdöl sind die Weltmarktpreise relevant. Da ist es egal, ob das Öl aus dem Golf nach China oder nach Deutschland oder sonst wohin geht. Der Preis steigt an. Beim Erdgas ist das anders, da sind die Märkte eher ortsspezifisch. Aber Europa bekommt auch ein Fünftel seines Gases aus Qatar. Das sind alles keine Petitessen.

Die Preise an den Tankstellen sind sofort stark gestiegen. Schon gibt es in Deutschland wieder Ideen, dass man „Preisbremsen“, also Subventionen, dagegen einführt. Halten Sie das für empfehlenswert?
Es ist sicherlich eine Lehre aus der Gaskrise 2022, dass man die Energiepreisinflation nicht einfach durchrauschen lassen darf. Ein starker Preisanstieg kann Zweit- und Drittrundeneffekte nach sich ziehen, die schädlich sind. Aber auch hier ist die Frage, wie lange der Konflikt dauert. Man könnte eventuell über Obergrenzen für Treibstoffpreise sprechen, ab denen es dann zu einer Intervention der Regierung kommen kann, am besten international koordiniert durch die Freigabe von strategischen Reserven. Diese Obergrenzen sollten nicht zu niedrig gedacht werden. Im Jahr 2023 lag der Erdölpreis bei 80 Dollar je Fass. Da hat niemand nach Preisintervention gerufen.
Welche Preisobergrenze würden Sie für plausibel halten?
Das müsste man sich genau ansehen. Am Ende geht es ja nicht um die Rohölpreise, sondern um die Zapfsäulenpreise in Deutschland. Man muss auch sehr aufpassen, dass es nicht zu spekulativen Verwerfungen kommt.
Wenn ich Sie richtig verstehe, sehen Sie also eine Aufgabe der Bundesregierung, gegebenenfalls mit Preisobergrenzen Inflationsspiralen entgegenzuwirken. Wäre es nicht die Aufgabe der Europäischen Zentralbank, gegen die Inflation vorzugehen?
Ja, natürlich. Die EZB wird im Zweifel mit Zinserhöhungen reagieren, wenn die Inflation tatsächlich in Gefahr steht, über das Inflationsziel von zwei Prozent zu steigen. Es ist aber auch wichtig, genau auf die Energiepreise zu schauen, weil diese in einzelnen Wirtschaftsbereichen eben auch eine wichtige Größe sind.
China ist einer der größten Importeure von Öl und Gas aus dem Persischen Golf. Die Vereinigten Staaten haben sich auf der anderen Seite mit Schiefergas weitgehend energieunabhängig gemacht und sich auch noch den Zugriff auf das Öl aus Venezuela gesichert. Was bedeutet der Irankrieg geopolitisch für das Verhältnis von Amerika und China?
Für China sind diese Vorgänge sehr unerfreulich. Iran und auch Venezuela waren Teil des großen geopolitischen Plans der Chinesen. Dass weder China noch Russland hier in irgendeiner Weise dem Iran zur Hilfe kommen können, zeigt die Schwäche Chinas in dieser Situation. Auch sind die hohen Energiepreise für ein Land wie China, das Energie importieren muss, schädlich. Das ist für China schmerzhafter als für die USA. Europa und China haben, was den Irankrieg und die Energiepreise angeht, sehr gleichlaufende Interessen.

Wie ist das mit den Vereinigten Staaten?
Amerika ist zum Nettoexporteur von Energie geworden. Hohe Energiepreise sind deshalb für die amerikanischen Handelsbilanz zunächst einmal gut. Ein lang andauernder starker Anstieg der Ölpreise wäre für Trump und einen Wahlerfolg der Republikaner bei den Midterms im Herbst aber keine gute Aussicht. Was das Gas angeht, sind die Amerikaner einigermaßen abgesichert, weil sie so viel heimische Produktion haben. Der höhere Erdölpreis am globalen Markt führt aber auch in den USA dazu, dass die Preise an den Zapfsäulen steigen.
Deutschland steht vor einer moderaten wirtschaftlichen Erholung. Kann der Krieg im Nahen Osten das Land wieder in die Stagnation oder die Rezession stürzen?
Das ist sehr abhängig davon, wie lange der Krieg dauert und ob die Ölpreise sich tatsächlich verdoppeln. Eine Verdopplung könnte grob schon bis zu 0,4 Prozentpunkte Wachstum kosten. Nachdem die Erholung in Deutschland eine zarte ist, ist dieser Gegenwind über die höheren Energiepreise jetzt alles andere als hilfreich.
In der Entwicklung im Nahen Osten sehen Sie auch mögliche Chancen für Deutschland.
Die historischen Erfahrungen mit einem Regimewechsel in dieser Region in den vergangenen Jahrzehnten sind nicht gut. Insofern muss man skeptisch sein. Aber käme es zu einem Regimewechsel und einer Wiedereingliederung des Irans in die Weltwirtschaft ohne Sanktionen, böte das gerade Deutschland und Europa große Chancen, zum Beispiel im Maschinenbau. Wir haben vor kurzem in einer Studie einen potentiellen Wachstumsschub von 0,5 Prozent berechnet. Das wäre Einiges mehr als die 0,15 Prozent, die für die EU durch das Freihandelsabkommen mit den Mercosur-Staaten veranschlagt werden. Im Falle eines Regimewechsels hätte Europa ein erhebliches Interesse daran, dass der Iran schnell stabilisiert würde.
Mit der Zollpolitik der Vereinigten Staaten und der scharfen chinesischen Konkurrenz wächst in Deutschland das Misstrauen gegenüber dem Freihandel. Hat die Idee des Wohlstands und Frieden durch Freihandel ausgedient?
Eine stärkere ökonomische Zusammenarbeit führt zunächst einmal dazu, dass die Opportunitätskosten von Krieg größer werden. In Europa ist dieses Konzept wunderbar aufgegangen. Mit dem Handel wächst aber auch die Interdependenz, die man politisch einsetzen und missbrauchen kann. Auch das haben wir gesehen. Wenn das Vertrauen schwindet, dass die gegenseitigen Abhängigkeiten nicht missbräuchlich ausgebeutet werden, hat man ein Problem. Das Versprechen, dass mit dem Freihandel der Frieden kommt, hat eben Vorbedingungen.
Aber ist es mit dem Freihandel vorbei?
Was uns verloren geht, ist diese Vorstellung einer Weltwirtschaft, an der alle Länder der Welt teilnehmen und darauf hinarbeiten, die Zölle zu verringern. Diese Welt ist vorbei. Aber auf bilateraler Ebene kann man immer wieder hoffen, dass es zu Freihandelsimpulsen kommt. Auch mit den Vereinigten Staaten gibt es Felder, auf denen man kooperieren kann und sollte, zum Beispiel im Bereich kritischer Rohstoffe. Da gibt es von den Amerikanern den recht konstruktiven Vorschlag eines Rohstoffklubs. Was wir auch sehen ist, dass die Blockbildung weitergeht, was für sich genommen die Effizienz der globalen Arbeitsteilung schmälert.
Sollten Deutschland und Europa sich China stärker annähern, nachdem Amerika nicht mehr als hundertprozentig verlässlicher Partner gilt?
Das Ziel muss sein, mit den USA und mit China so viel Offenheit zu sichern, wie möglich und sicherheitspolitisch vertretbar ist. Wir können weder auf die USA noch auf China als Handelspartner verzichten. Eine Entscheidung entweder für Amerika oder für China wäre für uns verheerend.
Mit den Schlagworten geoökonomische Sicherheit und Resilienz wird in Deutschland zunehmend gefordert, dass einzelne Unternehmen oder Branchen subventioniert oder industriepolitisch aufgebaut werden müssten. Halten Sie das für geboten?
Wir müssen die Realität so nehmen, wie sie ist. Die Gefahr, dass handelspolitische Abhängigkeiten missbraucht und als Waffe eingesetzt werden, ist sehr viel höher als noch vor 15 Jahren. Darauf muss man reagieren. Man muss Instrumente entwickeln, um damit sehr selektiv umzugehen. Wenn man berechtigte Sorge hat, dass China im Bereich der kritischen Rohstoffe seine Marktmacht opportunistisch ausnutzt, dann kann man mit anderen Ländern wie Amerika diesen Rohstoffklub gründen, um die Diversifizierung zu verbessern. Zielgerichtet ist es auch, wie es die EU bei den Elektroautos verfolgt, mit den Regeln der Welthandelsordnung genau bemessene Ausgleichszölle gegen chinesische Subventionen zu erheben. Sehr teuer und ungenau wäre es, sich aufgrund der sicherheitspolitischen Gefährdung abschotten zu wollen. Da gilt es aufzupassen, zum Beispiel bei der Europäisierung der Beschaffung im öffentlichen Bereich. In nicht-sicherheitspolitischen Bereichen darf es nicht auch zu einer Abschottung vor ausländischen Anbietern kommen.
Hand aufs Herz, wenn Sie sich entscheiden müssten zwischen industriepolitischer Subvention und Anti-Dumpingzöllen oder freiem Handel, was würden Sie wählen?
Der Freihandel ist mit manchen Ländern kaum mehr möglich, weil es „Two for Tango“ braucht. Man braucht einen willigen Verkäufer und einen willigen Käufer. Es ist notwendig mit all den Ländern, wo wir keine sicherheitspolitischen Gefährdungen haben, den Freihandel zu schützen. Da wo es sicherheitspolitische Bedenken oder offene Manipulation der Wettbewerbsbedingungen gibt, muss man mit eng begrenzten und zielgerichteten Instrumenten arbeiten, oder mit neuen Lösungen wie dem Rohstoffklub.

Das Bundeskabinett hat an diesem Mittwoch ihrer Berufung in den Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung zugestimmt. In Wien leiten Sie das Österreichische Institut für Wirtschaftsforschung. Sorgt man sich in Wien schon, dass Sie sich wieder nach Deutschland verabschieden?
Nein, das glaube ich nicht. Ich denke, dass die Dinge vereinbar sind. Da braucht sich keiner Sorgen zu machen.
Finanz- und Wirtschaftsminister in Deutschland suchen sich zunehmend ihre eigenen ökonomischen Berater. Wird der Sachverständigenrat überflüssig?
Im Sachverständigenrat ist tatsächlich nicht alles gut, aber überflüssig ist er überhaupt nicht, ganz im Gegenteil. Die Krisen sind häufiger, unübersichtlicher und komplexer geworden. Da schafft man doch nicht die Analyse ab. Es braucht eine politiknahe Beratung, eine evidenzbasierte, an den politischen Fragen ausgerichtete Forschung, die auch ein offenes Ohr hat in der Politik.
Was würden Sie im Rat ändern wollen?
Bevor ich nicht mit meinen Kollegen gesprochen habe, möchte ich keine Empfehlung von außen abgeben. Der Rat stand in den vergangenen Jahren immer wieder in der Kritik. Ein ganz zentrales Element ist eben, dass man miteinander Lösungen erarbeitet.
Manche empfehlen, den Sachverständigenrat zu einem „Council of Economic Advisers“ wie in den Vereinigten Staaten umzugestalten, der mit jeder Regierung ausgetauscht würde. Wäre das sinnvoll?
Ich bin nicht überzeugt. Die Räte in den USA und auch in Frankreich sind auf eine starke Exekutive zugeschnitten, eben auf den Präsidenten. In Deutschland haben wir hingegen komplexe Koalitionsregierungen. Daher kann der Rat auch periodenübergreifend personell angepasst werden. Das sichert Expertise und Einsatzfähigkeit auch bei volatilen politischen Verhältnissen.