Winterwetter in Deutschland: Warum dasjenige Eis gen den Gehwegen eine Klassenfrage ist

Senioren sind an ihre Wohnungen gefesselt, Notaufnahmen überfüllt. Wer es sich leisten kann, bestellt Essen und nimmt Taxis. Alle anderen riskieren ihre Gesundheit. Gedanken über staatliches Versagen und die Frage von Klasse bei Glatteis


Mit dieser Gehhilfe kommen Sie bei diesem Wetter nicht sehr weit

Foto: Mikael Andersson/TT/Imago Images


Knapp zweieinhalb Monate ist es her, da wollte der Autor dieser Zeilen in einem Anflug verfrühter Midlife-Crisis seine lange zurückliegende und schon damals nicht besonders erfolgreiche Fußball-Karriere wiederbeleben. Der Versuch endete in der Notaufnahme eines Berliner Krankenhauses, wo man ihm mitteilte, dass seine linke Achillessehne in der Mitte etwa so traumatisch durchtrennt worden sei, wie Spaghetti Nr. 5, bevor sie in einem deutschen Kochtopf landen.

Seitdem muss der Autor sich auf Krücken durch die Stadt bewegen, was selbst bei milder Witterung wenig Spaß macht. Seit einigen Wochen ist es allerdings zwischenzeitlich unmöglich, das Haus zu verlassen – außer man wollte durch regelmäßige Neuverletzungen in der Notaufnahme Freundschaften schließen. Die Bürgersteige haben sich nach Schnee, Regen und Temperaturen unter dem Gefrierpunkt in Eisflächen verwandelt.

Weite Teile Berlins sind deshalb selbst für Bürger ohne Handicap kaum begehbar. Davon zeugen die überfüllten Notaufnahmen und OP-Säle in der Stadt, wo überarbeitete Chirurgen bis spät in die Nacht Menschen mit Sturzverletzungen zusammenflicken – in Krankenhäusern, die überbelegt sind, weil immer mehr Glätteopfer eintreffen und aus der Silvesternacht noch Opfer von privaten Taurus-Abschüssen nachversorgt werden müssen.

Wer als Berliner humorvoll mit der Situation umzugehen vermag, nutzt die spiegelglatten Bürgersteige als Schlittschuh-Eisfläche, um Pirouetten zu üben – oder die Mannschaftsverfolgung im Eisschnelllauf. Wer weniger mobil ist, kann der Situation vermutlich weniger abgewinnen. „Ich weiß von vielen Senioren, die seit eineinhalb Wochen an ihre Wohnung gefesselt sind“, sagt etwa der Pflegedienstleister Birk Albroscheit dem RBB. Der ehemalige Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach schrieb auf Twitter: „Für ältere Menschen sind Brüche der Oberschenkel oft der Verlust ihrer Mobilität und Stürze auf den Kopf können zu Tod oder Demenz führen.“ Verletzungen auf Glatteis können das Leben älterer Menschen drastisch verkürzen.

Glatteis als Klassenfrage

Da sollte man meinen, das Land Berlin würde alle Hebel in Bewegung setzen, um der Eiszeit ein Ende zu bereiten. Doch stattdessen versuchte der Berliner Senat um den Regierenden Bürgermeister Kai Wegner lange, die Verantwortung weiterzuschieben.

An Hausbesitzer, die nicht genug streuen. An das Abgeordnetenhaus, das den Einsatz von Streusatz nicht erlauben wollte. Erst nach dem erneuten großen Kälteeinbruch, der aller Voraussicht nach auch noch lange Zeit anhalten dürfte, versucht die Landesregierung, den öffentlichen Raum wieder begehbar zu machen, indem sie Mitarbeiter anderer Behörden zur Enteisung rekrutiert. Mit Fokus auf die Flächen vor Arztpraxen, Supermärkten, Bildungseinrichtungen und ÖPNV-Haltestellen. Na immerhin.

Bis dahin heißt es für Ältere und Menschen mit Behinderungen: Ausharren. Für manche ist das einfacher als für andere. Wer über die Mittel verfügt, kann sich Essen und Lebensmittel nach Hause liefern und mit der Taxi-App zum Arzttermin fahren lassen. Wer knapp bei Kasse ist, wie viele Rentner in Berlin, kann das nicht und muss unter erheblichen Gesundheitsrisiken das Haus verlassen.

Und so wird der ausbleibende Winterdienst zur Klassenfrage. Wer kann es sich leisten, die eigene Gesundheit zu schützen – und wer nicht? Und selbst jene, die es sich leisten können zu Hause zu bleiben, profitieren davon, dass andere sich in Gefahr bringen. Denn die glatten Fahrradwege sind auch für die meist migrantischen Lieferfahrer gefährlich, die ihrer Arbeit trotz gesundheitlicher Risiken nachgehen müssen.

Streiks sind okay

Wenige Jahre nach der Corona-Krise ist es zudem erstaunlich, wie wenig Entschlossenheit Politik und Verwaltung im Kampf für den Gesundheitsschutz Älterer und gegen die Überlastung des Gesundheitssystems zeigen. Denn während der Pandemie griff man invasiv und teils übergriffig in die persönliche Selbstbestimmung der gesamten Bevölkerung ein, um Risiken zu minimieren. Dazu gehörten Ausgangssperren und Kontaktbeschränkungen.

Glatteis in der ganzen Stadt nimmt man dagegen offenbar weniger ernst, auch wenn die Krankenhäuser überfüllt sind und Senioren nicht mal gefahrlos Arzttermine wahrnehmen können. Das darf man zumindest erstaunlich nennen.

Die Berliner Verkehrsbetriebe echauffieren sich währenddessen über die „unverhältnismäßige Eskalation“ der Gewerkschaft Verdi, die am Dienstag den öffentlichen Nahverkehr bestreikt. Der Autor mag darin keine Eskalation erkennen, dass Arbeitnehmer für ihre Rechte eintreten. Die Straßenbahnen mögen wegen des Streiks stillstehen – das taten sie aber diesen Monat auch schon tagelang, weil die Oberleitungen eingefroren waren. Ein Tag Streik (mit regelmäßigen Enteisungsfahrten) macht da auch keinen großen Unterschied mehr.

Erstaunlich ist auch, dass in Berlin keine neue „Stadtbild“-Debatte aufkeimt. Die droht nur, wenn Bundeskanzler Friedrich Merz im Namen deutscher Töchter diffuse Überfremdungsängste schürt. Wenn große Teile Berlins für niemanden mehr nutzbar sind, weil die Gehwege tagelang vereist sind, gibt es keine Debatte über ein Stadtbild, das zu erheblichen Teilen aus verwaisten Straßen und Krankenwagen mit Blaulicht besteht.

Wetterbericht verheißt kaum Hoffnung

Dabei ist das Glättechaos in Berlin tatsächlich ein Gradmesser für die staatliche Handlungsfähigkeit. Wenn Berlin nicht dazu in der Lage ist, seinen eigenen Bürgern die Nutzung des öffentlichen Raums zu ermöglichen, verursacht das einen enormen Vertrauensverlust.

Der Autor konnte in den vergangenen Wochen das Haus fast nur verlassen, wenn Freunde oder Taxifahrer ihm dabei behilflich waren, Eisflächen zu überwinden. Sonst hätte er sich nicht einmal von Filmkritiker Christian Keßler italienische Horrorfilme aus den 60er-Jahren vorführen lassen können, um zumindest zwischendurch einmal das Haus verlassen zu haben.

Ansonsten verwahrloste er zu Hause und schrieb Texte über Glatteis. Kein Nachbar im Hinterhof tat ihm den Gefallen, in Hitchcocks Tradition ein Gewaltverbrechen zu verüben, das der Autor vom „Fenster zum Hof“ aus hätte aufklären können. Der Blick auf die Wettervorhersage gibt ihm derweil kaum Hoffnung, bald wieder das Stadtbild bereichern zu können.