Winterschlussverkauf 1989: Nach dieser Grenzöffnung wird dieser Ostdeutschland-Fußball zum Wühltisch
Im Herbst 1989 ist Italien auf einmal ganz nah. Ein deutscher Sehnsuchtsort, der für die Menschen in der DDR lange unerreichbar war und sich in den Vornamen ungezählter Kinder niederschlug, scheint nun kein bloßer Wunschtraum mehr zu sein, zumindest nicht für die Fußball-Nationalmannschaft.
Die müht sich seit einem Jahr darum, bei der Weltmeisterschaft im Sommer 1990 in Italien spielen zu können. Es wäre die zweite Teilnahme nach 1974, als die DDR-Auswahl in der Vorrunde die westdeutsche Elf in Hamburg mit 1:0 bezwang. Die BRD holte anschließend den WM-Titel, der DDR blieb der Prestigeerfolg.
15 Jahre später ist die Situation eine andere. In der bisherigen Qualifikation hat die Mannschaft kaum geglänzt, sich stattdessen zweimal gegen die Türkei blamiert und zwei Trainer verschlissen. Selbst die Funktionäre des Deutschen Fußball-Verbands (DFV) haben das Nationalteam offenbar längst abgeschrieben.
„Der große Traum von der Teilnahme an der Endrunde der weltbesten Mannschaften in Italien 1990 ist wahrscheinlich schneller beendet worden, als uns allen lieb war“, hieß es noch im Mai 1989 im Programmheft zum Heimspiel gegen Österreich. Das Spiel endete mit einem enttäuschenden 1:1. Aus der Traum, so schien es. Für die verbliebenen Qualifikationsspiele übernahm Eduard Geyer, Trainer des DDR-Meisters Dynamo Dresden. Ein 3:0 in Island unter seiner Leitung sorgte indes kaum für Euphorie.
Nicht wenige von ihnen sympathisieren insgeheim mit der bundesdeutschen Auswahl
Dem Fußball werden mitunter den Patriotismus fördernde Fähigkeiten zugeschrieben. Besonders in der Bundesrepublik, wo bis heute der WM-Sieg von 1954, fünf Jahre nach der Staatsgründung, als nationales Erweckungserlebnis gilt, als jener Moment, in dem den Westdeutschen nach mitverschuldetem Krieg und enormen Zerstörungen wieder Nationalstolz in die Glieder fuhr.
Gingen unverhoffter Weltmeistertitel und aufkommendes Wirtschaftswunder im Westen damals Hand in Hand, so sorgt 1989 die politische und wirtschaftliche Lage in der DDR für eine gänzlich andere Dynamik.
Die meisten Menschen bewegt das Schicksal der Nationalmannschaft nicht sonderlich, zu der selbst viele Fußballfans kein besonders inniges Verhältnis pflegen. Nicht wenige von ihnen sympathisieren insgeheim mit der bundesdeutschen Auswahl. Und immer mehr wollen ihrem Staat den Rücken kehren.
Anfang Mai hat Ungarn begonnen, die Grenzzäune zu Österreich abzubauen, Mitte September wird zwischen beiden Staaten die Grenze für Bürgerinnen und Bürger der DDR dauerhaft geöffnet. Täglich drängen außerdem Hunderte in die bundesdeutschen Botschaften in Budapest, Warschau und Prag.
Unerwartetes Lebenszeichen der DDR-Auswahl
Nun, da das Land zunehmend ins Straucheln gerät, sendet die schwächelnde DDR-Auswahl ein unerwartetes Lebenszeichen. Am 8. Oktober, einem diesigen Sonntag zwischen Feierlichkeiten zum 40. Staatsgeburtstag in Ost-Berlin und Montagsdemonstration mit 70.000 auf den Straßen von Leipzig, besiegt die Nationalelf in Karl-Marx-Stadt den Vize-Europameister und ungeschlagenen Gruppenersten Sowjetunion mit 2:1 durch Tore von Andreas Thom und Matthias Sammer.
Italien, die WM – alles wieder offen? „Endlich, endlich“, ruft Gottfried Weise auf der Tribüne ins Mikrofon. „Auch dem Reporter fällt ein Stein vom Herzen. Und nun liegt der dickste und letzte Brocken auf dem Weg nach Rom im Wiener Praterstadion!“
Auch im Fußball ist spürbar, dass ein Umbruch im Gange ist, wenn auch zaghaft. Im Frühjahr 1989 hat Dynamo Dresden erstmals nach mehr als zehn Jahren wieder die Meisterschaft gewonnen und so die Vorherrschaft des BFC Dynamo gebrochen.
Den Ost-Berlinern bleibt der Pokalsieg. Zu Beginn der Saison 1989/90 treffen beide Klubs im direkten Duell aufeinander. Offiziell heißt der neu ersonnene Wettbewerb „Pokal des Deutschen Sportechos“, doch überall ist nur vom „Supercup“ die Rede, wie das Duell zwischen Meister und Pokalsieger in ganz Europa genannt wird. Der BFC schlägt Dynamo Dresden mit 4:1.
In Wien, der sogenannten „Hauptstadt der Spione“ im Kalten Krieg, lauern bereits die Späher der großen Bundesliga-Klubs
Mit solchen Neuerungen versucht der DDR-Fußballverband der blassen Oberliga ein wenig Pep zu verleihen. Auch an den Statuten ändert er etwas. Die DDR-Fußballer gelten fortan als „Vertragsspieler“. Die Legende vom reinen Amateursport glauben selbst die Verbandsoberen nicht mehr.
Staats- und Parteichef Erich Honecker hat im Februar 1989 eingeräumt, dass die Oberliga-Spieler „Berufsfußballer“ seien. Das klingt nach einer verspäteten Anpassung an sich verändernde Gegebenheiten. Auslandstransfers, wie sie in Bulgarien, Polen, Ungarn, der Tschechoslowakei und Sowjetunion bereits unter gewissen Umständen möglich sind, bleiben vorerst ein Tabu, jedoch nicht mehr lange.
Am 15. November 1989 tritt die DDR-Auswahl gegen Österreich an. Ein Unentschieden würde reichen, und sie wäre in Italien dabei. In Wien, der sogenannten „Hauptstadt der Spione“ im Kalten Krieg, lauern bereits die Späher der großen Bundesliga-Klubs auf der Tribüne und in den Katakomben des Stadions, um sich die Dienste der besten DDR-Spieler zu sichern.
Dass Calmund schließlich nicht alle drei bekommt, liegt am Veto von Kanzler Helmut Kohl
Das Team, dessen Spieler sechs Tage nach dem Mauerfall womöglich in Kürze schon mit einer Zukunft im Westen rechnen, erwischt einen denkbar schlechten Tag, gerät früh in Rückstand, verschießt einen Elfmeter und verliert kurz vor Schluss Kapitän Ronald Kreer durch eine rote Karte.
Österreichs Stürmer Anton Polster hingegen, der in vorherigen Länderspielen so glücklos agierte, dass ihm beim Auflaufen von den Rängen blanker Hass entgegenschlägt, bestreitet das Spiel seines Lebens. Mit drei Toren schießt er Österreich fast im Alleingang nach Italien. Für die DFV-Spieler bleibt Ernüchterung, doch sie erkennen die Zeichen der Zeit.
Stürmer Andreas Thom, der den BFC noch im April zum Pokalsieg getragen hat und mit seinem Tor gegen die Sowjetunion seinen Anteil daran hatte, dass bis zum letzten Spiel die WM-Hoffnung fortlebte, wird im Dezember 1989 der erste prominente Neuzugang aus der DDR in der Bundesliga sein. Eingefädelt hat dies Bayer Leverkusens Manager Reiner Calmund, der seinen Nachwuchstrainer Wolfgang Karnath als Mannschaftsarzt getarnt am 15. November ins Praterstadion geschickt hat, um ihm die Dienste von Thom, Ulf Kirsten und Matthias Sammer zu sichern.
Dass Calmund schließlich nicht alle drei bekommt, liegt am Veto von Kanzler Helmut Kohl. Es schicke sich nicht, wenn ein westdeutscher Großkonzern die besten Spieler der DDR allein beanspruche, lässt er Calmund wissen. Sammer wechselt daraufhin im Sommer 1990 zum VfB Stuttgart. Dort präsidiert Gerhard Mayer-Vorfelder, seines Zeichens Sport- und Kultusminister Baden-Württembergs, dazu Vorsitzender des Liga-Ausschusses im DFB und – wie Kohl – CDU-Mitglied.
Was Calmund und die Seinen später als Husarenstreich feiern, ist für andere bis heute ein Schurkenstück erster Güte. Allerdings ist Calmund nicht der Einzige. Zahlreiche West-Manager locken DDR-Spieler in die Bundesliga. Nicht nur zu Spitzenteams, sondern auch zu Mittelklasseklubs und grauen Mäusen im Tabellenkeller der Bundesliga.
Uwe Seeler geht in den Osten
Was folgt, ist das schnelle Ausbluten des DDR-Fußballs. Dazu trägt auch die Verbandsspitze des DFV um den früheren Magdeburger Torwart Hans-Georg Moldenhauer bei, der im Frühjahr 1990 in einer Kampfabstimmung an die Verbandsspitze gewählt wird und danach unumwunden verkündet: „Je kürzer ich als Präsident des DFV im Amt bin, desto besser habe ich gearbeitet.“
Im schnellen Anschluss an den Spielbetrieb West sieht Moldenhauer die beste Überlebenschance für die Fußballvereine der untergehenden DDR. Er hofft, alle 14 Oberligisten im Profifußball unterzubringen. Doch der DFB, der seit Längerem plant, die Bundesliga zu verkleinern, hält wenig von weiterer Konkurrenz und setzt auf Verzögerung.
Erst im Sommer 1990 einigen sich beide Verbände: Zwei Oberliga-Klubs (es werden Hansa Rostock und Dynamo Dresden sein) qualifizieren sich zur Saison 1991/92 für die Erste Bundesliga, sechs für die Zweite. Im November 1990 wird sich der DFV auflösen und als Nordostdeutscher Fußballverband NOFV dem DFB als Regionalverband beitreten.
In den Monaten nach dem Mauerfall wechseln rund 150 Spieler in den Westen. Im Gegenzug zieht es nur wenige Profis in den Osten. Weder qualitativ noch quantitativ können sie mit Thom, Sammer und Co. mithalten. Den einzigen Toptransfer von West nach Ost kann im Frühsommer 1990 der Nordkurier aus Neubrandenburg vermelden. Die Tageszeitung, die bis vor Kurzem noch Freie Erde hieß und das Sprachrohr der örtlichen SED-Bezirksleitung war, hat Uwe Seeler verpflichtet – als Gastkommentator für die WM in Italien.
Jan Mohnhaupt lebt als freier Autor und Historiker in Magdeburg. Sein neuestes Buch Der geteilte Rasen. Fußball in den Wendejahren 1989 – 1992 ist soeben im Verlag Die Werkstatt erschienen