Winfried Kretschmann: „Ohne Auto kann man gen dem Land nicht vernünftig leben“
Dienstagabend in der Villa Reitzenstein, dem herrschaftlichen Regierungssitz des baden-württembergischen Ministerpräsidenten in bester Stuttgarter Halbhöhenlage. Der Blick hinunter auf das Häusermeer im Talkessel ist prachtvoll. Knarrende Parkettböden, hohe Stuckdecken, in der holzgetäfelten Bibliothek steht auf einem Tischchen schon der obligatorische Kräutertee für den Hausherrn bereit, serviert in einer Tasse mit goldenem Landeswappen. Das Ambiente hier oben in der vornehmen Villa am Hang wirkt entrückt vom Alltag.
Winfried Kretschmann nimmt Platz – und erzählt erst mal aus einer anderen Welt. Aus Laiz, Kretschmanns Heimatdorf im Donautal, gut 100 Kilometer südlich von Stuttgart auf der anderen Seite der Schwäbischen Alb.
Zukunftsangst im „Musterländle“
„Ohne Auto kann man ja auf dem Land nicht vernünftig leben“, findet der Ministerpräsident. Am Wochenende mache er auch heute noch vieles selbst, wo er das könne. Und dafür brauche er ein Auto. „Ich hole den Sand aus dem Kieswerk und ich bringe den Sperrmüll mit dem Anhänger weg“, berichtet Kretschmann, der im Mai 78 Jahre alt wird. „Vor ein paar Monaten, da waren die Leute auf der Deponie ganz erstaunt, dass der Ministerpräsident im Blaumann seine alten Fenster bringt.“ An diesem Abend dagegen trägt er zur blassgrünen Krawatte Manschettenknöpfe und weißes Hemd.
Das Auto ist aber nicht nur für den Privatmann Kretschmann unverzichtbar, dasselbe gilt bislang auch für den Erhalt des Wohlstands im Südwesten Deutschlands. Und genau das ist das Problem. Die Autoindustrie, die Baden-Württemberg reich gemacht hat, steckt in der tiefsten Krise ihrer Geschichte. Heimische Autounternehmen wie Bosch, Mercedes, Porsche und ZF streichen zigtausend Stellen. Schon vor Jahren hat sich der industrielle Absturz abgezeichnet. Jetzt ist er da. Im lange Zeit prosperierenden „Musterländle“, auf das Schwaben und Badener immer so stolz waren, macht sich eine ganz neue Stimmung breit: Zukunftsangst.
Grüner Schutzpatron der Autoindustrie
Kretschmann ist auf seine alten Tage zu einer Art grünem Schutzpatron der heimischen Autoindustrie geworden. Gemeinsam mit den Ministerpräsidenten der anderen 15 Bundesländer hat er im Oktober einen Appell an die EU-Kommission veröffentlicht, in dem die Länderchefs die EU aufforderten, das für 2035 geplante Verbot für Neuwagen mit Verbrennungsmotor in Europa zu revidieren.

Und Kretschmann war nicht nur mit dabei. Industrievertreter berichten, der Grüne sei zusammen mit dem CSU-Mann Markus Söder aus Bayern und dem Sozialdemokraten Olaf Lies aus Niedersachsen die treibende Kraft hinter der Bundesländer-Initiative gewesen. Wenig später schrieb auch Bundeskanzler Friedrich Merz einen Brief an EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, in der er eine Revision des „Verbrennerverbots“ anmahnte. „Der basierte eins zu eins auf der Initiative von Kretschmann, Söder und Lies“, sagt ein Beteiligter.
„Das war ein Anfängerfehler von mir“
Ausgerechnet Kretschmann. Als er 2011 nach Jahrzehnten auf der Oppositionsbank überraschend zum ersten und bis heute einzigen grünen Ministerpräsidenten in Deutschland gewählt wurde, sorgte das erst mal für Alarm in den Chefetagen der Autokonzerne.
„Weniger Autos sind natürlich besser als mehr“, sagte Kretschmann im April 2011 in einem Interview, da war er noch nicht mal im Amt. In Zukunft müssten die Unternehmen „Mobilitätskonzepte verkaufen und nicht nur Autos“.
Die Aufregung war riesig. Solche Worte aus dem Mund eines baden-württembergischen Landesvaters hatten die Automanager noch nie gehört. „Ein Anfängerfehler“ sei das von ihm gewesen, sagt der Kretschmann von heute abgeklärt. Der Satz werde ihn wohl bis ans Ende seiner Tage verfolgen. „Ich hatte halt im Kopf: Stuttgart war damals die Stau-Hauptstadt, wie soll das anders gehen als mit weniger Autos?“ Aber bei manchen sei nur eines hängen geblieben: „Der Ministerpräsident, der hat das gewollt, dass die Autobranche in der Krise ist.“
Drei Tage später saß der damalige Daimler-Chef Dieter Zetsche in seinem Landtagsbüro. Man einigte sich darauf, dass viele emissionsfreie Autos gar kein Problem seien. Kretschmann zog seine Lehren daraus: „Man darf halt keine Überschriftenpolitik machen.“
Über das Verbrennerverbot ärgerte er sich
Das hat er dann auch nicht mehr getan. Je schwieriger die Lage für die Autobranche wurde, desto intensiver kümmerte er sich um sie. Der bundesweiten Öffentlichkeit wurde das spätestens 2017 klar. Da wurde er auf dem Grünen-Parteitag dabei gefilmt, wie er sich im Gespräch mit einem Bundestagsabgeordneten über den Antrag für ein Verbrennerverbot im Jahr 2030 echauffierte. Man müsse „sich darum kümmern, dass es überhaupt funktioniert, und nicht radikale Sprüche ablassen“, schimpfte er.

Heute gibt es wohl kaum einen Politiker in Deutschland, der sich so intensiv mit der Branche beschäftigt wie Kretschmann – abgesehen vielleicht von seinem Kollegen aus Niedersachsen, dessen Bundesland selbst an einem Autokonzern beteiligt ist. „Er hat immer aufs Leben geschaut und gesagt: Das muss doch im Alltag funktionieren. Von Wunschvorstellungen kann man nicht leben“, sagt Volker Ratzmann, der für den Ministerpräsidenten acht Jahre lang in der Berliner Landesvertretung die Hauptstadtgeschäfte geführt hat.
Kretschmann, der „Pragmatismus-Taliban“
In der Villa Reitzenstein wird Kretschmann nun nicht mehr allzu viele Besucher empfangen. Am 8. März wählen Badener und Württemberger einen neuen Landtag, er tritt nach fünfzehn Jahren nicht mehr an. In den Umfragen führt bislang die CDU des siebenunddreißigjährigen Kandidaten Manuel Hagel, die Grünen mit ihrem sechzigjährigen Bewerber Cem Özdemir haben zuletzt aber aufgeholt.
Ein Politiker mit ähnlich landesväterlichem Habitus wie der Amtsinhaber ist nicht im Angebot. Dafür ganz viel von seiner Politik, vor allem was das Auto betrifft. Letztlich wird sich die Wahl daran entscheiden, wer am glaubwürdigsten eine Fortsetzung der Kretschmann-Linie für den Wohlstand des Landes rund um Daimler und Bosch vertritt.
Deshalb kritisiert die CDU im Wahlkampf zwar die Grünen, aber nicht den scheidenden Ministerpräsidenten. Der Christdemokrat Thomas Strobl ist seit zehn Jahren dessen Stellvertreter, er tritt im Wahlkreis Heilbronn wieder an. „Winfried Kretschmann und ich sind ‚Pragmatismus-Taliban‘“, sagt Strobl. „Wir machen Politik fürs Land und die Menschen, einfach frei von jeder Ideologie.“ Strobl erinnert daran, wie der Regierungschef vor seiner ersten Wiederwahl 2016 im Werbespot mit einer S-Klasse von Mercedes zu sehen war, wie er beim Werksbesuch mitten im Skandal um manipulierte Abgaswerte einen Dieselmotor umarmte. In der folgenden Debatte um mögliche Fahrverbote habe er „immer eine gute Rolle gespielt“.
Die Chefs von Bosch und Mercedes sind voll des Lobes
An die Episode mit dem Dieselmotor erinnert sich auch Mercedes-Chef Ola Källenius. Damals schlug eine Welle der öffentlichen Empörung über den Auto-Tricksern zusammen. Kretschmann habe demonstrativ die Motorenfabrik von Mercedes in Stuttgart-Untertürkheim besucht, um sich einen neuen Dieselmotor anzuschauen und den geprügelten Ingenieuren den Rücken zu stärken. „Er stellte sich neben unsere Entwicklungsmannschaft und sagte: Das hier ist der beste und sauberste Dieselmotor der Welt.“ Källenius hat das imponiert. „Ein Opportunist hätte das nicht getan, sondern nur jemand mit Rückgrat.“

In der Autobranche, so viel steht fest, ist kein schlechtes Wort über den grünen Marathon-Regierungschef zu hören, weder von den Chefs noch von den Arbeitnehmern. „Kretschmann und Auto, das passt“, sagt Bosch-Chef Stefan Hartung. Der Grünen-Politiker habe stets gewusst, „dass man als Ministerpräsident von Baden-Württemberg auch für die Automobilindustrie steht.“
Eines habe Kretschmann als Ministerpräsident sehr schnell erkannt, erinnert sich Roman Zitzelsberger, der lange Chef der Gewerkschaft IG Metall im Südwesten war: „Wenn es wirtschaftlich nicht gut läuft, dann funktioniert auch der Klimaschutz nicht.“ Und derzeit läuft es wirtschaftlich überhaupt nicht gut. Kretschmann tue, was er könne, um zu helfen, sagt Zitzelsberger.
Nicht jeder findet die Nähe des grünen Ober-Realos zur Autoindustrie gut. Einer seiner härtesten Kritiker ist Jürgen Resch, der Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe. Die beiden Schwaben Resch und Kretschmann kennen sich seit mehr als vier Jahrzehnten. Sie waren mal per Du miteinander.
„Kretschmann macht den Bückling vor den Automanagern“
Resch berichtet, mit dem CDU-Kandidaten Manuel Hagel habe er „einen respektvollen Austausch“, ebenso mit Cem Özdemir. Aber nicht mehr mit dem Ministerpräsidenten. Nach einem heftigen juristischen Schlagabtausch zwischen Umwelthilfe und Landesregierung um die Fahrverbote für Dieselautos habe Kretschmann quasi den Kontakt abgebrochen. „Er hat Schwierigkeiten mit der Dialogfähigkeit“, glaubt der Umweltaktivist Resch. „Kretschmann hat den aufrechten Gang verlernt, er macht den Bückling vor den Automanagern“, ätzt er. Was nutze es dem Wirtschaftsstandort, fragt Resch, dass Kretschmann als Lobbyist der Autobauer mithelfe, den Verbrenner am Leben zu halten, wo doch der Elektroantrieb die Zukunft sei? Die Ära Kretschmann, das seien 15 verlorene Jahre gewesen, in denen es nicht gelungen sei, die wichtigste Branche des Landes zukunftssicher zu machen.
Die Zeit vor anderthalb Jahrzehnten, als Kretschmann Ministerpräsident wurde, war im Rückblick eine goldene Ära. Die schwäbischen Autobauer verdienten glänzend, vor allem am damals neuen Megaabsatzmarkt China. Dass sich die Elektroauto-Revolution längst anbahnte, erkannten sie nicht. „Der Hang war schon da, auf dem zu beharren, was man hat“, sagt Kretschmann beim abendlichen Treffen mit der F.A.S. in der Villa Reitzenstein. „Das ist der Fluch des Erfolgs, dass man disruptive Entwicklungen nicht sieht.“
Er klingt jetzt milder als früher
Er klingt inzwischen milder als früher. 2017 beschwerte er sich im Gespräch mit der F.A.Z. noch: „Die Autoindustrie mauert immer dann, wenn es darum geht, neue Techniken zu fördern. Das war beim bleifreien Benzin so, beim Katalysator, jetzt ist es wieder so. Es wird immer gleich vom Tod des Autos gesprochen.“
Die Zeiten haben sich geändert, die Branche steht vor dem Absturz. Von den mehr als 200.000 Arbeitsplätzen bei Autoherstellern und Zulieferern in Baden-Württemberg könnten binnen weniger Jahre die Hälfte verschwinden, befürchten manche Kenner der Industriestruktur im Südwesten. Zu den versäumten Innovationen und den Problemen mit den E-Autos kommen jetzt auch noch der Absatzeinbruch in China und die Zölle in den Vereinigten Staaten. Einige fürchten, der erfolgsverwöhnten Autoregion um Stuttgart könne es so ergehen wie dem Ruhrgebiet nach dem Niedergang der Schwerindustrie oder dem amerikanischen Detroit nach dem Ende der Autoproduktion, was ja eines der Hauptmotive für Trumps Zollpolitik ist.
Das Land braucht neue Wohlstandsbringer
Solche Vergleiche weist Kretschmann beim Tee in der Villa Reitzenstein weit von sich. Aber dass die Krise am Selbstverständnis der Schwaben nagt, kann er sehr plastisch beschreiben. „Natürlich macht das was mit den Leuten. Beim Daimler oder beim Bosch zu schaffen, das kam früher nah an den Beamtenstatus ran. Jetzt werden da Stellen gestrichen, und man merkt, andere greifen im Weltmarkt auf Augenhöhe an“, sagt er. „Das Prinzip Hochlohnland funktioniert aber nur, solange wir technologisch etliche Nasenlängen vor den anderen sind.“ Die AfD sucht das Heil in der Vergangenheit. Dazu sagt Kretschmann: „Das ist natürlich illusionär.“
Denn eines unterscheidet Kretschmann dann doch von anderen Autolobbyisten wie Markus Söder: Er hat nie gesagt, dass sich die Branche nicht verändern muss. Und er glaubt, dass das Land neue Wohlstandsbringer braucht. Deshalb hat er sich vorsorglich schon mal in Pittsburgh umgeschaut, der früheren US-Stahlstadt, der ein florierender Gesundheitssektor zu neuem Aufschwung verhalf.
Wenn in der holzvertäfelten Bibliothek der Villa Reitzenstein ein Nachfolger sitzt, dann wird der Langzeitregierungschef mehr Zeit dafür haben, den Blaumann überzustreifen und mit dem Anhänger umherzufahren. Ob das irgendwann mit einem Elektroauto klappt und ob dieses Auto dann noch aus einer schwäbischen Fabrik kommt – das hängt dann mehr von seinen Nachfolgern als von ihm selbst ab.