Willkommen im Workshop-Wunderland – mitten in welcher Wirtschaftskrise
Fühlen, clustern, vertagen: In deutschen Büros wird gearbeitet wie auf einem sehr langen Kindergeburtstag. Nur dass am Ende niemand den Kuchen bezahlt – und das Land einfach sitzen bleibt.
In Deutschland läuft es mittelprächtig, das ist nichts Neues. Erst vergangene Woche haben führende Wirtschaftsinstitute ihre Wachstumsprognosen nach unten korrigiert. Schuld ist natürlich die Politik, die Bürokratie. Zu viel Staat, zu wenig Freiheit. Das sagen zumindest Unternehmer.
Aber was ist eigentlich in Unternehmen los? Flutscht es da so richtig unbürokratisch und dynamisch und effizient? Wer einmal an einem mehrstündigen Workshop teilnehmen musste, um sich mit seinen Kollegen – Verzeihung: Stakeholdern – zu alignen, über ein bisschen Ownership zu sparren und dann die gemeinsame Roadmap mit zu dicken Filzstiften unleserlich auf ein Flipchart schreiben durfte, der weiß: Auch in Unternehmen wird viel darüber nachgedacht, zu arbeiten, statt die Arbeit auf dem Schreibtisch einfach zu erledigen.
In der Politik nennt sich so ein Verfahren Arbeitskreis, in Unternehmen sind es Workshops. Dabei haben beide vor allem ein Ziel. Es geht um Verzögerung und die systematische Verwässerung von Verantwortung. Denn auf Verantwortung, so scheint es, haben auch die meisten Arbeitnehmer und Chefs nur geringfügig Lust.
Auch die verhunzte Business-Sprache hilft beim Hin-und-Her-Schieben von Verantwortung: „Wir sind da schon dran“ und „Das müssen wir uns noch einmal anschauen.“ Klingt interessiert, meint aber: Hoffentlich vergessen alle, dass keiner jemals plant, sich darum zu kümmern. „Da gibt es unterschiedliche Perspektiven.“ Der Zaubersatz beim Vertagen von Verantwortung. Noch bevor irgendwer eine Entscheidung treffen könnte, wird alles relativiert.
Eigentlich ist das mit der Verantwortung ganz leicht. Irgendwer ist Chef für irgendwas, hat die Macht darüber, Entscheidungen zu treffen, bekommt den Applaus, wenn es ein Erfolg ist, aber trägt das Risiko, wenn es floppt. Verantwortung heißt, für die Folgen eigener Entscheidungen einzustehen. So hat es Max Weber vor hundert Jahren in seiner Verantwortungsethik herausgearbeitet. Blöd nur, dass keiner mehr Lust auf Risiko hat. Chefsein klingt eben auf LinkedIn gut, aber Chefsein soll nicht wehtun.
In deutschen Unternehmen etablieren sich Endlosschleifen der Absicherung. Wie in der Politik werden Entscheidungen in Verfahren ertränkt. Erst gibt es ein ergebnisoffenes Brainstorming, dann einen Deep Dive, gefolgt von einem Stakeholder-Mapping, eine Iterationsphase, irgendwer beruft noch ein Sounding Board, in dem jemand etwas clustert. Es kommt zum Review Prozess der Implementierungsphase. Alles End-to-End gedacht, holistisch natürlich auch.
Es gibt viele bunte Zettel, Organisationspsychologen mit sonoren Stimmen, die Denkhüte verteilen. Wie beim Kindergeburtstag schlüpfen die Leute in Rollen: Wer den gelben Denkhut trägt, muss positiv denken. Der rote Denkhut-Träger eher emotional und der grüne kreativ.
Diese kafkaesken Prozesse haben vor allem ein Ziel: Entscheidungen werden so lange abgestimmt, bis sie keinem mehr wehtun. Der Prozess entbindet den Chef von seiner Entscheidung. Er kollektiviert seine Verantwortung, für die er mehr Gehalt bekommt als die Leute, die gerade seine Arbeit machen. Aus der Verantwortungsethik ist die Verfahrensethik geworden. Ein Stuhlkreis für Erwachsene, bei dem sich am Ende alle ganz muckelig einig sein müssen. Die Organisation entscheidet, und niemand war es.
Woran Sie erkennen, dass sie einen solchen Chef haben? Er hat einen Titel, den Sie nicht verstehen. Er tritt in Meetings auf wie Johannes B. Kerner, schließlich nimmt er sich als Moderator wahr. Er trägt Sneaker und kleine weiße Socken zur Anzughose, die die Knöchel freilegen. Er vermeidet jede Positionierung in Konflikten, denn er sieht sich als „Enabler“ und Prozessbegleiter. Er fordert „Ownership“, lässt aber keinen selbst entscheiden. Verantwortung ist nämlich keine Handlung, sondern eine Haltung.
Bevor also ein Unternehmer nach einem schlanken Staat und nach Entbürokratisierung ruft, sollte er sich erst einmal den roten Denkhut aufziehen und fragen, ob seine Chefs auch das tun, wofür man sie bezahlt: Verantwortung tragen. Mit allen Risiken und Nebenwirkungen.
Source: welt.de