Wieduwilts Woche: Vorbild Macron – so wirft Merz den Babymotor an
Wieduwilts WocheVorbild Macron – so wirft Merz den Babymotor an
Eine Kolumne von Hendrik WieduwiltArtikel anhören(06:26 min)

Deutschland schrumpft, wirtschaftlich und als Bevölkerung – der Kanzler schrumpft mit, in den Umfragen. Was tun? Frankreich hat zumindest mit Blick auf den Nachwuchs eine pragmatische Idee.
Vor einigen Tagen ist mir in Berlin das Blut in den Adern gefroren, was ausnahmsweise nicht mit den weltallmäßig tiefen Temperaturen im Nordosten des Landes zusammenhing, sondern mit einem Ökonomen: Marcel Fratzscher vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, DIW. Fratzscher sagte, der „Wachstumsmotor in Deutschland“ werde „nie mehr“ anspringen. So zitiert ihn die „Welt“.
Wie bitte? „Nie mehr“? Genau: Nie mehr! Das liege, sagt Fratzscher, an den fehlenden Arbeitskräften und der Demografie. Stattdessen müssten jetzt die Steuern rauf, aber flott: 3 Prozent Mehrwertsteuer würde die Bundesregierung sicher bald drauf schlagen, er jedoch empfehle die Kürzung von Dieselprivileg, Streichung der Steuerbefreiung von Kerosin und Pendlerpauschale.
Das wiederum kennt man von Fratzscher – aber noch einmal kurz zum Wachstum: nie mehr? So düster die Gemütslage im Land ohnehin schon ist, ganz so hoffnungslos hatte ich das noch nie gehört. Dagegen klingt die AfD wie ein Mainzer Zoch oder wie das heißt. Wir sind wirtschaftlich schlecht dran, weil wir zu wenige sind – kann das sein?
Deutschland schrumpft viel schneller als gedacht
Die Faktenlage zur deutschen Bevölkerung ist bestürzend. Wir schrumpfen, also nicht nur individuell aufgrund der, noch einmal, wirklich weltallmäßigen Kälte, oder des Alterns, sondern als Volk. Bis 2070 gehen die Deutschen um 10 Prozent zurück, nicht nur um ein Prozent, wie ehemals gedacht. „Kleiner“ Forscherirrtum, großes Sorry!
Da lag die Wissenschaft immerhin um den Faktor 10 falsch. Ich hoffe, die Forschung irrt nicht auch in Sachen Körperlänge. Wir verlieren alle zehn Jahre etwa einen Zentimeter Länge, das war jedenfalls bisher der Stand – und zwar schon ab dem 30. Lebensjahr! Verlöre ich aber zehn Zentimeter pro Jahr, wäre ich innerhalb von 20 Jahren vollständig verschwunden. Unschön!
Damit uns das als Deutschland nicht passiert, müssten wir womöglich wieder mehr werden. Frankreich geht das Problem pragmatisch an: Dort bekommen die 29-Jährigen nun einen ermahnenden Brief von der Bundesregierung: Fruchtbarkeit ist endlich, heißt es darin sinngemäß. Auf, auf, macht mehr Franzosen!
Demografische Aufrüstung – klingt ein wenig nach Mutterkreuz!
Von „demografischer Aufrüstung“ spricht Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, das muss man sich einmal vorstellen! Man will auch über alternative Lösungen für den Kinderwunsch sprechen: Einfrieren von Eizellen, zum Beispiel.
In Deutschland liegt die Geburtenrate übrigens deutlich hinter Frankreich – nur die Migration hat das bislang abgefedert. Aber die französische Form pragmatischer Regierungskommunikation ist hier freilich vollständig undenkbar. Würde jemand derartiges vorschlagen, hieße es mit Sicherheit: „Was kommt als nächstes, das Mutterkreuz?“ Wie diskursfähig das Land derzeit ist, haben wir jüngst in der völlig verkorksten Debatte um die Lifestyle-Teilzeit gelernt.
Tatsächlich liegt das Thema Geburtenrate recht nah an völkisch Vorstellungen im Sumpfgebiet zwischen AfD-Rechtsaußen und Identitären. Aber Fratzscher sagt, die Demografie nimmt uns jede Hoffnung – wäre da ein Fortpflanzungsermahnungsbrief von der Bundesregierung, womöglich händisch unterschrieben vom Kanzler, nicht eine naheliegende Lösung?
Merz als reflektierter Chef-Einpeitscher
Apropos Merz: Der Bundeskanzler verfügt nur in Sachen Körperlänge um Schrumpfungsreserven – umfragemäßig ist er aber fast schon weg. Sogar hinter dem früheren Bundeskanzler Olaf Scholz, nicht gerade ein Publikumsliebling, liegt er Umfragen zufolge. Das verwundert nicht, der Pannen gab es reichlich.
Nun hat sich Merz noch einmal zur Wahl gestellt – als CDU-Vorsitzender -und sich auf dem Bundesparteitag als eine Art reflektierter Chef-Einpeitscher für Deutschland präsentiert. Die Rede war wuchtig vorgetragen und Applaus gab es reichlich. Aber was blieb hängen? Deutschland nach vorn bringen, irgendwie. Nicht Moderator wolle er sein, sondern Antreiber – Kapitän auf der Brücke!
Stolz auf Deutschland sein
Wieder stolz sein wolle er auf Deutschland! Wohlstand für alle! Und Außenkanzler sei er gern, denn Außen ist heute Innen: Eine Chinareise mit Wirtschaftsdelegation sei Dienst am Vaterland, so ähnlich lief die Argumentation. Nun gut. Und sonst? Was Merz im Wesentlichen lieferte, war das in Politik und Unternehmen grad schwer angesagte Inspirationsgerede von Wandel, Wachstum, Höchstleistung. Die Rede war eine Gefühls- und Wunschumschreibung – aber eine Richtung war kaum erkennbar.
Wer so redet, wirkt schnell wie ein Halbstarker in einem abgestellten Autoscooter, der mit dem Oberkörper energische Wippbewegungen macht: Nach vorn, mach schon! Aber das führt natürlich zu gar nichts.
Sicher, Merz arbeitete sich erfolgreich an jenen Grünen Mercosur-Blockieren ab, die dem stotternden Freihandel gerade jetzt eine Sonnenblume in die Speichen halten mussten. Dafür gab es vermutlich den größten Applaus. Aber Dagegensein reicht nicht aus für einen Deutschlandruck.
Merz weiß zudem, dass sein Einfluss auf die Wettbewerbsfähigkeit begrenzt ist – das hat er selbst so gesagt. „Wir sind die normative Alternative“, rief er schließlich. Wie bitte? Vielleicht ist das Baby-Briefchen doch nicht so eine schlechte Idee. Fortpflanzung ist greifbar- und besser als „nie mehr“ Wachstum und Steuererhöhungen ist Kinderkriegen allemal.
Source: n-tv.de