Wie sich welcher Dschihadismus in Brüssel ausbreiten konnte
Heute vor zehn Jahren zündeten drei Attentäter Bomben am Brüsseler Flughafen und in einer U-Bahnstation. 32 Menschen starben, Hunderte wurden verletzt. Die Spur führte zu einer Terrorzelle im Stadtteil Molenbeek.
Isabelle Panou ist eine Autorität in Brüssel. 15 Jahre stand sie an der Spitze der Terrorbekämpfung in Belgien. Die Anschläge vom 22. März 2016 beschäftigen sie bis heute. Auch zehn Jahre danach kann sie keinen Schlussstrich ziehen – die Ereignisse waren einfach zu dramatisch.
„Das ganze Land war erschüttert. Weil es das erste Mal war, dass es bei einem Terroranschlag in Belgien so viele Todesopfer gab, das wirkt bis heute nach“, sagt sie.
32 Menschen werden getötet, 340 zum Teil schwer verletzt, als am Brüsseler Flughafen und in der Metro Bomben eine verheerende Wirkung entfalten. Die Spuren der Ermittler führen nach Molenbeek, ein Stadtteil im Norden von Brüssel. Und schnell wird klar: Es ist wieder dieselbe Terrorzelle, die vier Monate vorher schon in Paris zugeschlagen hatte, mit 120 Toten.
„Alle kannten sich“
Isabelle Panou, Belgiens Anti-Terrorchefin, führt die Ermittlungen. Sie verhört fast jeden der überlebenden Täter persönlich. Das Wort Terror-Netzwerk bekommt für sie plötzlich eine sehr konkrete Bedeutung.
„Alle kannten sich, sie waren Cousins oder Freunde. Einige der zwölf waren in Molenbeek zusammen zur Schule gegangen, einige hatten auch schon eine gemeinsame kriminelle Vergangenheit. Sie hingen alle zusammen.“
„Radikales Verständnis von Religion“
Akribisch forscht Isabelle Panou die Lebensgeschichte der Täter aus. Sie will wissen, was die Männer angetrieben hat. Mit Sprengstoffgürteln durch Paris zu laufen, in der Brüsseler Metro morgens in der Rush Hour Bomben zu zünden. Warum macht man so etwas?
„Ich hatte Menschen vor mir, die ich lange befragt habe, die ein radikales Verständnis von Religion hatten – die extrem radikalisiert waren im Islam – das nennt man Indoktrination.“
„Scharia for Belgie“ in Molenbeek
Dass der radikale Islam sich in einem kleinen Stadtteil von Brüssel unkontrolliert ausbreiten konnte, beschäftigt seitdem Politiker und Wissenschaftler. Nirgends in Europa waren die Dschihadisten so stark wie in Belgien, so der Islamwissenschaftler Guido Steinberg. Nicht in Frankreich, nicht in Großbritannien und nicht in Deutschland.
„So viele Attentäter kamen aus dem Brüsseler Vorort Molenbeek, weil es da seit Jahren eine salafistische und dschihadistische Radikalisierung gab. Die wirkte sich vor allem unter den marokkanischstämmigen Belgiern aus, die an diesem Ort überrepräsentiert waren“, erklärt Steinberg. „Ein wichtiger Grund war auch die Präsenz einer belgischen dschihadistischen Organisation, die nannte sich Scharia for Belgie, also islamisches Recht für Belgien.“
Drahtzieher saßen in Syrien
Die Fädenzieher aber saßen in Syrien, so Steinberg weiter. Der Islamische Staat habe dort auf dem Höhepunkt seiner Macht die mörderischen Einsätze in Europa gesteuert: „Man muss die Attentate von Brüssel in Zusammenhang mit den Attentaten von Paris sehen. Die fanden ja nur wenige Monate vorher im November 2015 statt, und die Attentäter in Paris und in Belgien waren ein Netz.“
Zehn Jahre danach ist der radikale Islam nach den Erkenntnissen der Terrorforschung immer noch stark in Belgien. Allerdings wenden gewaltbereite Täter ganz andere Methoden an. Die aktuelle Terrorgefahr ist nach wie vor real, sagt Thomas Renard. Der belgische Experte für Terrorabwehr berichtet, dass Dschihadisten heute aber eher Einzeltäter sind – sie radikalisieren sich im Internet, auch ohne steuernde Organisation im Hintergrund. Das mache die Attentate unaufwändiger also einfacher durchzuführen. Aber für die Ermittler sei gerade das Einzeltätertum extrem schwer vorherzusehen.
Source: tagesschau.de
