Wie sich die Reichen ihre Unschuld erkaufen

Der neue Münchner „Polizeiruf“ heißt „Ablass“. Zwei Menschen sterben – und zwei Menschen nehmen die Schuld dafür auf sich, die gar nichts getan haben.

Um das Jahr 1505 konnte man in Sachsen auf Märkten und Plätzen einem eher dicklichen Mann mit schütterem Haar begegnen. Johann Tetzel hieß der. Martin Luther hat ihn gehasst. Der Mann war so berüchtigt wie begehrt. Tetzel verkaufte Ablassbriefe. Sein Geschäftsmodell sah, auf einen von ihm selbst geprägten, inzwischen längst legendären Satz gebracht, so aus: „Sobald der Gülden im Becken klingt im huy die Seel im Himmel springt“.

Anders gesagt: Wer Schuld auf sich geladen, aber genug Geld hatte, konnte sich mit Tetzels Ablassbrief die Zeit beispielsweise im Fegefeuer verkürzen. Der Büßer hatte was davon. Der Papst hatte was davon, weil er mit einem Teil der Tetzelschen Bußgelder seinen schönen Dom in Rom bauen konnte. Und Tetzel hatte natürlich auch was davon.

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Der Tetzel im neuen Fall der Münchner „Polizeiruf“-Kommissarin Cris Blohm heißt Schellenberg. Er ist Anwalt, einer der bestbezahltesten der bayerischen Hauptstadt. Tobias Moretti spielt ihn mit grandioser Schmierigkeit. Schellenberg sitzt in „Ablass“, den Christian Bauer geschrieben und inszeniert hat, der Blohm gegenüber. Am klassischen dramaturgischen Wendepunkt ziemlich genau in der Mitte. Bei Rotwein und Martini sitzen sie da in einer Bar, die so schummrig rot ist wie München draußen vor der Tür ansonsten schimmlig grün.

Es geht um die großen Dinge, um die es in Kriminalfilmen immer geht. Um Wahrheit und Gerechtigkeit und Schuld und Sühne. Blohm, die durchaus etwas Lutherisches hat und regelmäßig kurz davor zu stehen scheint, irgendwelche Thesen an die nächstgelegene Tür zu nageln, hat ihn provoziert. „Gerechtigkeit“, sagt Schellenberg dann, „ist doch ein Gefühl. Es ist ein Konstrukt, eine Idee. Gerechtigkeit ist kein Naturgesetz.“

Ein Anwalt verkauft Ablassbriefe

Um so etwas wie objektive Wahrheit schert sich niemand, die will keiner wissen. Und vor dem Gesetz sollten zwar alle gleich sein, sind es aber nicht. Es gibt Arme und Reiche, das hat juristische Folgen (prekär Lebende bekommen härtere Strafen als Bogenhausener Villenbewohner beispielsweise). Die gesellschaftliche Schere geht immer weiter auseinander. Das kann man ausnutzen. Das ist das Geschäftsmodell von August Schellenberg. Auch er verkauft Ablassbriefe. Und alle haben was davon.

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Der tote Fahrradfahrer natürlich nicht mehr, der am Anfang von einem rasenden weißen Porsche überfahren und anschließend sterbend liegen gelassen wird. Und auch die junge Frau nicht, die vergewaltigt und erdrosselt wurde und deren Leiche im Plastiksack sich nach zwei Jahren im Isar-Stauwehr verfangen hat. Um die geht es eigentlich in „Ablass“. Und sie haben scheinbar nichts miteinander zu tun, die beiden Fälle.

Für den Tod der jungen Frau im Wehr hat sich ein Asylant und Gelegenheitsdealer aus Burkina Faso schuldig bekannt, er will ihr allerdings eine tödliche Drogenmischung beigefügt, sie anschließend zerstückelt und im Hausmüll entsorgt haben. Schellenberg hat deswegen eine ziemlich geringe Strafe ausgehandelt – bei Mord wäre sie heftig ausgefallen.

Der rasende Porsche-Todesfahrer war ein einschlägig vorbestrafter Autodieb. Der hatte den herrlichen Oldtimer vor der Bogenhausener Villa einer mutmaßlich ausgesprochen wohlhabenden Familie für eine Spritztour gestohlen, sagt er. Die haben das erst gar nicht gemerkt, stehen doch noch genug andere in der Garage (ganz klischeefrei ist „Ablass“ natürlich nicht). Und dann hat der Mann, gibt er an Schellenbergs Seite zu Protokoll bei der Vernehmung mit Blohm, im nächtlichen München unter Alkohol-Einfluss die Kontrolle über sich und den Porsche verloren. Pech für den toten Mann und seine hochschwangere Witwe.

Es ist das Diorama einer verkommenen Gesellschaft, das Christian Bach mit einem halben Dutzend böse schillernder Figuren belebt, zwischen denen er ständig hin und her schaltet. Von deren Leben mit der Schuld und der Wahrheit, mit der Verdrängung und der Sehnsucht nach Rache er erzählt, während er Cris Blohm an der Seite des Münchner Urviechs Dennis Eden (Stephan Zinner) die klassische Ermittlungsarbeit erledigen lässt.

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Das macht sie wie immer sehr eigenwillig und hartnäckig. Blohm ist ein Trotzkopf. Sie kann sich im Ringen um die objektive Wahrheit, an die sie unbedingt glaubt, rankumpeln wie keine, scheinbar harmlos irgendwelche Fragen in den Raum stellen, die sich dann mit Zeitverzögerung als höchst explosive Schuldbomben entpuppen. Johanna Wokalek macht diese Mischung aus Lebensweisheit, intellektueller Wachheit, Witz und Wärme sichtlich Spaß. Und sie erweist sich immer mehr als ausgesprochen würdige Nachfolgerin von Matthias Brandt und Verena Altenberger, die ihr an der Spitze des Münchner „Polizeirufs“ vorangegangen sind.

Johann Tetzel starb übrigens an der Pest. Bevor wir uns jetzt genau überlegen, was eine geeignete Krankheit für August Schellenberg wäre als Ablass für seine ganzen Rechtsbeugungen, wünschen wir ihm für seine Zukunft alles Schlechte.

Source: welt.de