Wie dies Bewegen welcher Hände dies Gehirn trainiert

Eine Person schneidet eine Tomate auf einem Holzbrett.

Stand: 12.03.2026 • 10:10 Uhr

Der Griff nach der Kaffeetasse oder das Zubinden der Schnürsenkel: Jeden Tag nutzen wir die Hände – beinahe unbewusst. Sie sind nicht nur das wichtigste Werkzeug, sondern trainieren auch den Geist.

Von Katharina Bruns, hr

Es ist ein ganz normaler Tag. Katharina Bork spielt mit ihrem Hund ausgelassen im Garten. Doch sie merkt plötzlich, etwas stimmt nicht: Ein extremes Engegefühl beschleicht sie. In diesem Moment denkt sie noch, sie hätte sich vielleicht etwas überanstrengt – doch später wird klar: Das ist der Moment, in dem sie einen Schlaganfall erleidet. Ein Tag, der alles ändern wird. Katharina ist zu diesem Zeitpunkt 26 Jahre alt.

Der Schlaganfall hat Teile ihres Körpers gelähmt. Die Ärzte prognostizieren ihr, dass sie voraussichtlich nie wieder laufen werde. Doch Katharina kämpft sich zurück. Erlangt ihre Sprachfähigkeit wieder. Durch Muskeltraining schafft sie es nach einem halben Jahr, am Stock zu gehen. Doch ihre linke Körperhälfte bleibt gelähmt – und damit auch ihr Arm und ihre Hand.

Hände sind die wichtigsten Werkzeuge

Wie wichtig ihre Hände im Alltag sind, merkt Katharina erst, als sie sie nach ihrem Unfall nicht mehr benutzen kann. Vermeintlich einfache Aufgaben wie eine Karotte schneiden, werden mit einer Hand zu einem Kraftakt: „Man unterschätzt total, wie oft man die Hände bei allen möglichen Sachen benutzt. Bis zu meinem Unfall habe ich nie darüber nachgedacht.“

Die Hand sei „das zentrale Organ des menschlichen Körpers, sie macht uns zum Menschen“, sagt Neurowissenschaftler Christian Grefkes-Hermann. Er forscht zum Thema Handmotorik am Uniklinikum Frankfurt. Ein Großteil unseres gesellschaftlichen Wirkens geschehe durch unsere Hände.

Die Hand ist ein komplexes Zusammenspiel aus Knochen, Muskeln, Nerven und Sensoren. Sie besteht aus 27 Knochen, die zusammen einen Griff ermöglichen. Die Kraft dazu bringen 30 Muskeln im Handteller, Kleinfinger und Daumenballen sowie 19 Streck- und Beugemuskeln der Unterarme. So kann der Mensch nicht nur eine Tasse halten, sondern auch im Zusammenspiel mit der anderen Hand Klettern oder Gitarre spielen.

Fingerspitzengefühl durch tausende Nerven

Winzige Nervenzellen in der Haut, sogenannte Mechanorezeptoren, arbeiten wie kleine Sensoren. Sie nehmen Druck, Berührung und Vibration wahr und schicken diese Informationen als Signale an das Gehirn. Dort entsteht unser Tastgefühl. Besonders sensibel für Reize sind die Fingerspitzen, in denen rund 150 Rezeptoren pro Quadratzentimeter eine besonders feine Wahrnehmung ermöglichen.

Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das seine Hände in dieser Form so ausgiebig nutzen kann – und das hat er der Evolution zu verdanken: „Aufrecht gehen hat unsere Hände frei gemacht“, so Neurowissenschaftler Grefkes-Hermann.

Besonders die Position des Daumens gegenüber dem Zeigefinger verschaffte dem Menschen einen evolutionären Vorteil: Mit dem sogenannten Pinzettengriff konnten durch die Entwicklung feinmotorischer Fähigkeiten präzise Werkzeuge hergestellt werden.

Der Einfluss von Feinmotorik auf das Gehirn

Wie wichtig die Feinmotorik für das Gehirn ist, zeigt sich schon im Kindesalter. Aus aktuellen Studien und Übersichtsarbeiten geht hervor, dass die präzise Steuerung der Finger und Hände bei Kindern nicht nur für das Erlernen alltagspraktischer Tätigkeiten wie etwa dem Schließen von Reißverschlüssen wichtig ist.

Früh trainierte Feinmotorik hängt auch eng mit sprachlichen Fähigkeiten, mathematischem Verständnis und der Plastizität des Gehirns zusammen. Kinder mit guten Fingerfertigkeiten schneiden beim Wortschatz, im Geschichten-Erzählen und beim Zahlenverständnis deutlich besser ab – unabhängig von ihrer allgemeinen Intelligenz.

Kräftiger Handgriff kann zeigen, wie fit das Gehirn ist

Die Geschicklichkeit der Hände hat aber nicht nur einen Einfluss auf die geistige Entwicklung im Kindesalter. Auch im Erwachsenenalter sind Beweglichkeit und besonders Stärke ein Indiz dafür, wie fit unser Gehirn ist und auch bleibt. Studien belegen: Wer kräftig zupackt und regelmäßig seine Hände benutzt, hat ein geringeres Risiko für geistigen Abbau und Demenz.

Einfache Handtests zur Messung der Feinmotorik und Handgeschicklichkeit können laut einer aktuellen Studie von Schweizer Forschenden schon vor einem Gedächtnistest ein Indiz für ein Demenzrisiko sein.

Je weniger Handkraft, desto mehr Demenzrisiko

In einer Studie der UK Biobank konnte man bei den Teilnehmenden im Alter von 39 bis 73 Jahren über einen Beobachtungszeitraum von rund 11 Jahren beobachten: Pro fünf Kilogramm weniger Handkraft steigt das Demenzrisiko um 12 bis 20 Prozent.

Denn starke Hände stehen für ein gut vernetztes Nervensystem und eine stabile Durchblutung im Kopf. Faktoren wie Gefäßschäden, Bluthochdruck, Diabetes oder Rauchen können das beeinflussen.

Eine weitere Studie aus den USA von 2024 konnte zudem einen Zusammenhang zwischen einer schwachen Muskelkraft in den Händen und früherer Sterblichkeit herstellen. Ein starker Händedruck ist oftmals ein Indiz für den Muskelanteil des restlichen Körpers. Wer seine Hände und seinen Körper durch Krafttraining stärkt, kann dem Vorbeugen, weil dadurch die Durchblutung im Hirn gestärkt wird.

Was wir greifen, begreifen wir

Schon jede kleine Bewegung kann einen Effekt haben, sagt Neurologe Grefkes-Hermann. „Auch wenn man kein virtuoser Musiker ist und stattdessen eher eine Couchpotato, dann ist jede Bewegung besser als keine. Selbst das Backen eines Brotes.“ Denn jede gezielte Bewegung der Hände aktiviert das Gehirn. Sie schärft unsere Wahrnehmung, die Konzentration und erhält unsere geistige Leistungsfähigkeit.

„Immanuel Kant hat gesagt, die Hand ist das Fenster zum Geist. Und das ist aus heutiger Sicht immer noch so“, sagt Grefkes-Hermann. „Die Hände sind letztendlich ein Mittel, um das gesamte Gehirn aktiv zu halten.“

Katharina Bork hat einen starken Geist und eines Tages vielleicht auch wieder eine zweite starke Hand. Aber schon jetzt hat sie viel geschafft. So fährt sie heute schon wieder Auto. Ihre eine Hand übernimmt dabei die Aufgaben der anderen Hand mit, indem sie am Lenkrad mithilfe eines Knaufs Blinker, Lichthupe und Hupe steuert. Diese Fortschritte geben Katharina Hoffnung: „Auch wenn es mir manchmal schwerfällt, motiviert zu bleiben, habe ich diesen naiven Gedanken, dass irgendwann alles wieder gut wird.“

Source: tagesschau.de