Wie Archäologen uff Vitruvs Basilika stießen

Blick über die Ausgrabungen in Fano.

Stand: 12.04.2026 • 16:15 Uhr

Jahrhundertelang suchten Wissenschaftler nach den Überresten einer Basilika des römischen Architekten Vitruv, vor wenigen Monaten dann die Überraschung: An der Adriaküste legten Archäologen mehrere Sockel frei.

Von Anna Giordano, ARD Rom

Ein starker, kühler Wind bläst von der nur wenige Meter entfernten Adriaküste. In den Straßen von Fano sind an diesem Tag nur vereinzelt Touristen unterwegs – trotz der Attraktion, die erst vor wenigen Monaten im Stadtzentrum, unweit des Markplatzes, entdeckt wurde.

Zwischen Häuserfronten ist ein Bereich mit einem Bauzaun umstellt. Hier sollte eigentlich ein Parkplatz entstehen. Weil Fano eine frühere Römerstadt war, ließ man den Boden vorab sicherheitshalber von Archäologen untersuchen. Und die legten tatsächlich Reste antiker Gebäude frei, unter anderem mehrere Sockel von Marmorsäulen. Bereits da sei die Vermutung aufgekommen, dass es sich um ein Gebäude des altrömischen Architekten Vitruv handeln könnte, sagt Chiara Cesaretti, eine der beteiligten Archäologinnen.

Immer mehr Beweise für Autorenschaft Vitruvs

Und tatsächlich hatten die Säulen einen Durchmesser von genau fünf römischen Fuß (ca. 1,50 Meter) – so wie es Vitruv in seinem Werk „De Architectura“ beschrieben hatte. Sein weit verbreitetes Handbuch der Architektur war überhaupt der Ausgangspunkt für die Suche nach der verschollenen Basilika gewesen.

Vitruv hatte das Gebäude als Bauleiter sehr genau beschrieben – nur, wo es genau stand, war bislang unklar. Nachdem die erste Säule freigelegt wurde, häuften sich aber die Beweise, dass es sich tatsächlich um diese Basilika handeln musste. „Vitruv hatte den genauen Abstand zwischen den Säulen genannt“, sagt Archäologin Cesaretti. Man sei bei den Grabungen mithilfe dieser Beschreibungen immer punktgenau auf die nächste Säule gestoßen.

Die Säulen haben einen Durchmesser von genau fünf römischen Fuß.

Anerkennung durch italienische Behörden

Nicht nur Wissenschaftler sind sich inzwischen einig, dass es sich bei den Funden um die echte antike Basilika von Vitruv handelt, auch die „Soprintendenza“, die italienische staatliche Behörde für Archäologie, eine Unterabteilung des Kulturministeriums, hat den Fund offiziell anerkannt.

Maurizio Bilò hat die Ausgrabungen als Vertreter der Behörde begleitet. Der Fund sei von herausragender Natur: „Die Basilika war für römische Verhältnisse sehr innovativ gestaltet.“ Zahlreiche spätere Künstler und Architekten hätten sich von Vitruvs Beschreibungen inspirieren lassen. „Sein Einfluss reicht bis in die Renaissance, bis in die Moderne hinein“.

„Vitruvs Einfluss reicht bis heute“

Eines der bekanntesten Beispiele für den Einfluss Vitruvs ist der „vitruvianische Mensch“ von Leonardo da Vinci, der heute auf der italienischen Ein-Euro-Münze abgebildet ist. Das Universalgenie aus der Toskana fertigte die berühmte Skizze an, um Vitruvs Beschreibungen der Proportionen zu illustrieren. „Vitruv sieht den menschlichen Körper als eine Art Maßstab für Schönheit“, erklärt Bilò – „eine Schönheit der Natur, die er dann auf die Gebäude übertragen hat.“ Und diese Lehre der Proportionen gelte bis heute: „Ohne Vitruv gäbe es weder das Pantheon noch das Weiße Haus in Washington.“

Hier sollte eigentlich ein Parkplatz entstehen, sicherheitshalber ließ man den Boden vorab von Archäologen untersuchen.

Kleinstadt Fano steht vor vielen Herausforderungen

Trotz des Sensationsfundes steht die Kleinstadt Fano mit heute rund 60.000 Einwohnern nun vor vielen Herausforderungen: Es müssen Gelder für weitere Ausgrabungen freigemacht werden, es muss ein Konzept für die Vermarktung der Funde und für den erwarteten Ansturm von Touristen entwickelt werden. Zudem werden weitere Antike Fundstücke unter den heutigen, bereits bestehenden Gebäuden vermutet: „Hier muss man Entscheidungen treffen und zwar so, dass es lohnenswerte Entscheidungen sind“, sagt Maurizio Bilò vom Kulturministerium.

Und auch die antike Römerstadt mit dem damaligen Namen „Fanum Fortunae“ muss weiter erforscht werden. An einer anderen Stelle hatte man in Fano bereits vor Jahren Überreste eines antiken römischen Tempels entdeckt. Nun sei klar geworden, dass dieser Tempel in einer Sichtachse zur vitruvianischen Basilika, die ein Gerichtsgebäude war, gelegen haben muss, erklärt Bilò. Und dass dazwischen offenbar das Forum, der Marktplatz, gelegen hatte.

Neue Erkenntnisse über „Fanum Fortunae“

Die Entdeckung der Basilika mache nicht nur Zusammenhänge klar, sondern liefere auch Erkenntnisse über die Bedeutung der damalige Stadt Fano und das römische Leben. „Offenbar hatte Fanum Fortunae, weil es einerseits an der Römerstraße Via Flaminia lag und andererseits eine Meereszugang hatte, eine größere Bedeutung als bisher angenommen“, sagt Claudia Cardinali von der Museumsverwaltung der Stadt Fano.

Und offenbar sei Vitruiv, der sein Leben lang als Beamter im römischen Staatsdienst gearbeitet hatte, im Alter wieder in seine Heimatstadt Fano zurückgekommen, wo er sich dann im Auftrag des Kaisers Augustus dem Bau der Basilika gewidmet habe. All das soll in den kommenden Monaten und Jahren genauer erforscht werden.

Source: tagesschau.de