Widerstand | Zwischen Stasi-Verfolgung und Freiheitsdrang: Die Punk-Frauen welcher Deutsche Demokratische Republik
Auf den Fahndungsfotos der Stasi zieht sich ein dunkler Haarkranz durch Kims im Nacken ausrasierte blonde Mähne. Ein großer Ohrring und ein trotziger Blick, mehr fällt nicht auf. Während sich im Berlin oder Leipzig der Gegenwart niemand nach einer jungen Frau in diesem Look umdrehen würde, war ihre Erscheinung in der DDR ein Verbrechen. In Kims Stasi-Akte wird sie als „Extrem-Punker und Punk-Inspirator einer negativ-dekadenten jugendlichen Vereinigung“ bezeichnet.
Sie sei schon als Kind anders als die anderen gewesen, gibt die heute 61-Jährige in Geralf Pochops Text-Bild-Band Tanz auf dem Vulkan zu Protokoll. Die Schule fand sie blöd, stattdessen hatte es ihr die Musik aus dem Westen angetan: Bob Dylan, Janis Joplin, Tina Turner und Bob Marley, das sei ihre Musik gewesen. Songs, die Haltung verlangen. „Ich war schon kritisch gegenüber Vorschriften. Alles kotzte mich an. Ich wollte mehr Freiheit, mehr ich sein dürfen!“ Doch wer mehr Freiheit in der DDR wollte, musste mit Repressalien rechnen, „nicht nur von Polizei oder Stasi, sondern auch von den Menschen auf der Straße“. Also galt es, sichtbar Stellung zu beziehen. Auf ihrer Jacke trug sie eine Botschaft: „Nur wer sich bewegt, hört seine Ketten rasseln.“
Placeholder image-1
Die Ketten rasselten bald regelmäßig. Immer wieder wurden Kim und ihre Freunde festgenommen und verhört, lange vor der Wende sorgten sie mit ihrem bloßen Erscheinungsbild dafür, dass die ersten Risse in der bürgerlichen Fassade der DDR-Diktatur sichtbar wurden. Jetzt, 36 Jahre nach dem Ende der DDR, ziert Kim das Cover eines eindrucksvollen Sammelbands, in dem Punk-Frauen aus der DDR ihre Geschichten erzählen.
Die 1964 geborene Karl-Marx-Städterin ist auch eine der Frauen aus der Szene, die Sonja M. Schultz während ihrer Recherchen für ihren temporeichen DDR-Punk-Roman Mauerpogo zurate zog. Im Mittelpunkt der im fiktiven Eisenwerder verorteten Geschichte steht die 14-jährige Jo, die über ihre Begeisterung für Punkmusik Teil der Szene wird. In ihrem Wunsch nach Freiheit tanzen Jo und ihre Freunde im wahrsten Sinne des Wortes aus der Reihe und geraten so ins Visier von Volkspolizei und Staatssicherheit. Wie nah an der Wirklichkeit entlang diese Geschichte geschrieben ist, machen die Berichte der 23 Frauen deutlich, die Geralf Pochop für seinen Band versammelt hat.
Placeholder image-2
Der 1964 in Halle geborene Pochop war selbst Teil der Punk-Szene in der DDR. Als Zeitzeuge leistet er seit Jahren Aufklärungsarbeit zu Musik- und Jugendsubkulturen im Osten. In seinen Bänden Untergrund war Strategie (2018) und Zwischen Aufbruch und Randale (2021) klärt er über die alternativen Untergrundkulturen vor und nach der Wende auf.
Sein neuer Band sei überfällig, schreibt er in seinem Vorwort, weil die Frauen in der Aufarbeitung der DDR-Punkgeschichte bislang kaum eine Rolle gespielt hätten. Hier nun kommen sie in Beiträgen, Interviews und Tagebuchauszügen zu Wort. Anhand von Fotografien, Dokumenten und Texten aus der Zeit legen die Punk-Frauen der ersten und zweiten Generation ihre Faszination für diese laute Gegenkultur offen. Sie machen aber auch die Repressionen und Gewalterfahrungen sichtbar, die sie als junge unangepasste Frauen erlebt und erfahren haben. Etwa wenn sie tage- oder wochenlang in Gefängnisse, Erziehungsanstalten oder „Tripperburgen“ weggesperrt, von ihren Familien und Freunden isoliert, vom Wachpersonal drangsaliert und bei Befragungen manipuliert wurden. Die Frauen schildern, wie sie auf Gedeih und Verderb der Willkür und (sexualisierten) Gewalt des Systems ausgeliefert waren. „Ich wusste mit Sicherheit: Wir werden behandelt wie Verbrecher, aber eigentlich ist es ein Verbrechen, uns so zu behandeln“, erinnert sich Jana Schlosser, die Frontfrau der Punkband Namenlos. An den körperlichen und seelischen Folgen dieser politischen Verfolgung leiden Betroffene bis heute.
Placeholder image-3
Die totalitären Methoden der Sicherheitsbehörden in der DDR sind das eine, die Übernahme vermeintlich überkommener Denkmuster durch die einfachen Leute das andere. V1 erinnert sich, wie ihr in Naumburg auf offener Straße Sätze wie „Damals, 1933, hätten sie dich an die Wand gestellt“ zugeflüstert wurden. Silke „Nina“ Schrödter und ihre Freundin Claudia bekamen von einer Kioskverkäuferin am Weimarer Bahnhof zu hören, „dass sie uns erschlagen würde, wenn wir ihre Töchter wären. Und überhaupt müsste man so was wie uns auf Buchenwald schaffen und vergasen.“ Wer sich fragt, woher der Erfolg einer in Teilen rechtsextremen Partei wie der AfD in den neuen Bundesländern kommt, findet hier Antwort. Der Faschismus war nie weg, sondern nur ins Geraune verdrängt. Die selbstbewusste Widerständigkeit der Punks brachte ihn schon in der auf soziale Kontrolle getrimmten DDR-Gesellschaft zum Vorschein.
Neben der Offenlegung von politischer Verfolgung und Traumatisierung stehen in Tanz auf dem Vulkan aber auch die Lebensfreude und Kreativität einer Bewegung im Mittelpunkt, die Farbe in ein graues und verschlossenes Land gebracht hat. Diese Farbe konnte in den Haaren, aber auch in kunstvollen (Selbst-)Inszenierungen stecken, die auf den zahlreichen Fotografien im Band abgebildet werden. Oder in Liedtexten und Gedichten, wie sie 1987 die damals 18-jährige Dana aus Halle an ihre Landsleute geschrieben hat.
„Ihr erbost euch über schmutzige Füße, findet es anstoßend, wenn jemand sein Haar nicht wäscht und kämmt.
Ihr seid sauber, desinfiziert und steril – von außen! Doch in euch, da modert und verwest ihr.
Waschen hilft nicht gegen Zersetzung von innen!“
In der Subkultur des Punk setzte sich auf unübersehbare und unüberhörbare Weise die Denkbewegung fort, die mit der Beat-Generation, den Hippies und der Friedensbewegung begonnen hatte. Dort wusste man, ein Dasein ist noch kein Leben. Die Punk-Frauen in der DDR haben das am eigenen Leib erlebt und durchgestanden. In diesem Band sprechen sie erstmals darüber. Ihre Geschichten sind allen mutigen Frauen gewidmet, die sich auf dem Vulkan tanzend in den Diktaturen dieser Welt zur Wehr setzen.
Auf den Fahndungsfotos der Stasi zieht sich ein dunkler Haarkranz durch Kims im Nacken ausrasierte blonde Mähne. Ein großer Ohrring und ein trotziger Blick, mehr fällt nicht auf. Während sich im Berlin oder Leipzig der Gegenwart niemand nach einer jungen Frau in diesem Look umdrehen würde, war ihre Erscheinung in der DDR ein Verbrechen. In Kims Stasi-Akte wird sie als „Extrem-Punker und Punk-Inspirator einer negativ-dekadenten jugendlichen Vereinigung“ bezeichnet.
Tanz auf dem Vulkan Geralf Pochop Hirnkost 2025, 392 S., 32 € Mauerpogo Sonja M. Schultz Blumenbar 2025, 368 S., 22 €