Wes Anderson in London: Willkommen im Vergnügungsparcours
Man könnte sich vorstellen, dass dieses Museum für einen seiner Filme errichtet worden wäre – und die Geschichte des Hauses gleich noch von ihm selbst dazu geschrieben: Wes Anderson, berühmt für seine bizarr-bunte Bilderwelt, stellt nach einer ersten Station in Paris (F.A.Z. vom 7. April 2025) nun sein Werk in London aus, und während in Frankreich inhaltsgerecht die Cinémathèque française Schauplatz war, ist es in der britischen Hauptstadt formgerecht das Design Museum. Das hat erstaunliche Konsequenzen für Konzeption und Erfolg der Ausstellung.
Was nur bedingt damit zu tun hat, dass in London mehr Platz ist, aber kein Kinosaal direkt nebenan, sodass die Vorführung von Andersons vier Kurzfilmen hier in einem Ausstellungskabinett stattfindet, aus dem die wohlartikulierten Dialoge erschallen und verlocken, während man noch durch den Requisitenreichtum der eigentlichen Schau wandelt. Die ist auch nicht gerade stumm inszeniert, obwohl die meisten der umlagerten Bildschirme mit Filmausschnitten über (zu wenige) Kopfhörer verfügen. Nein, die Modifikation gegenüber Paris beginnt eben schon mit dem Design Museum selbst, das als Ikone der Sechzigerjahrebaukunst inmitten gesichtsloser jüngster Investorenarchitektur das spezifische Wes-Anderson-Gefühl vermittelt, man wäre hier der banalen Alltagshässlichkeit entkommen.
Die Herausforderung der Detailüberflutung
Fürs Museumsgebäude gilt das leider nur von außen. Es ist in Form einer ansteigenden Woge gebaut – durchaus symbolträchtig, denn hier residierte ursprünglich das Commonwealth Institute, und dessen Gebäude zeigte den traditionellen britischen Seemachtanspruch, der in der inoffiziellen Nationalhymne „Rule, Britannia!“ als Herrschaft über die Wellen besungen wird. Aber das ist lange her; schon 1993 stellte die damalige Labour-Regierung die Unterstützung des als unzeitgemäß geltenden Instituts ein und übertrug im Folgenden das Eigentum an dem denkmalgeschützten Bau an eine eigens gegründete Treuhandgesellschaft, die es mangels anderer Mittel 2007 verkaufen musste: an eine Stiftung, die der erfolgreiche Gestalter Terence Conran 1989 gegründet hatte, um das Design Museum einzurichten.
Das zog dann aus einem ehemaligen Bananenlagerhaus an der Themse hierher in den Südteil des Holland Parks von Kensington, aber wer geglaubt hätte, dass die neue Eigentümerin Stilbewusstsein hätte walten und Denkmalschutz hätte gelten lassen, sah sich getäuscht: Das Innere des früheren Commonwealth-Institute-Gebäudes wurde entkernt und ein über drei Ebenen gehendes Foyer eingerichtet, das dem Design Museum selbst kaum noch Raum gewährt. Außer für Sonderausstellungen im Untergeschoss, und dort ist jetzt die Wes-Anderson-Schau zu sehen.

Wie stellt man ein Kinoschaffen adäquat aus, wenn man die Filme selbst ja gar nicht zur Gänze zeigen kann? Andersons seit 1993 entstandenes Verwunderwerk umfasst mittlerweile ein Dutzend Langfilme. Und eben die vier kurzen, die sich auf knapp eine Stunde Spielzeit summieren, sodass man sie einigermaßen bewältigen kann. Auch angesichts der üblichen Detailüberflutung: Wes Anderson war stets ein formbewusster Filmemacher, der größte Akribie bei der Ausstattung seiner Kinowelt walten ließ. Eigentlich müsste man seine Filme in extremer Zeitlupe sehen, und selbst dann wäre es noch mehr als genug.
Endlich kann man mal die ganze Zeitung lesen
Diese Akribie wird hier vor allem dokumentiert. Dazu konnte sich das Design Museum der Archivbestände des Regisseurs bedienen, deren Lagerflächenbedarf man sich lieber nicht vorstellen möchte, denn seit seinem Durchbruch mit „Rushmore“ (1998) hat Anderson nach den Dreharbeiten keines der liebevoll erstellten Requisitenstücke mehr weggeworfen, und so steht da eine Phalanx von elf Automaten im Stil der amerikanischen Sechzigerjahre, die vor drei Jahren in „Asteroid City“ kurz im Hintergrund zu sehen waren, und erst jetzt kann man in Ruhe lesen, was da alles gegen Münzeinwurf zu bekommen ist: Kaffee natürlich, Snacks, aber auch Baugrundstücke, Seidenstrümpfe, Campbell’s Suppendosen und Munition – Letztere in den kleinen Automatensichtfenstern zu Reihen aufgestellt und in allen Kalibern zu haben.
Auch aus der Tageszeitung „Trans-Alpine Yodel“, die Anderson für „Grand Budapest Hotel“ von 2014 erstellen ließ, konnte man im Kino natürlich nie mehr lesen als die Schlagzeile „Will There Be War?“ (wir befinden uns in der Zwischenkriegszeit) und die dann größer ins Kinobild gerückte Nachricht „Dowager Countess Found Dead in Boudoir“ (aus diesem Tod entwickelt sich die Handlung). Aber dass die ganze Zeitung gefüllt ist mit fiktionalen Aktualitäten, etwa über einen Lawinenabgang in Brauenershotten, die Verkehrsberuhigungspolitik der Stadtverwaltung, steigende Brotpreise oder den begeisternden Verlauf des Kostümfestes einer Kirchengemeinde – das kann man jetzt in der Vitrine der Londoner Ausstellung feststellen. Und, wenn man sich die notwendige Zeit nimmt, die ganze Zeitung lesen.
Als Menschenfänger ist Anderson der Nachfolger Woody Allens
Wobei der gewundene Ausstellungsparcours übervoll ist mit Menschen aller Altersstufen. Man sollte meinen, dass Andersons anspielungsreicher Humor nichts für Kinder wäre, doch der Objektreichtum der Schau bietet eine Puppenstubenästhetik, die Kinderherzen höher schlagen lässt: vor allem in den Miniaturwelten jener Sektion, die Andersons beiden Trickfilmen gewidmet ist, „Der fantastische Mr. Fox“ (2009) und „Isle of Dogs“ (2018). Da sind die Gelenkpuppen zu bestaunen, die Anderson für die von ihm geliebte Stop-Motion-Animationstechnik anfertigen ließ, und es gibt ganze Modelllandschaften für die Dekors. Auch der Raketentransportzug aus „Asteroid City“ ist da und die immerhin vier Meter breite Fassadenkulisse des Grand Budapest Hotels aus dem gleichnamigen Film – diese Objekte waren schon in Paris die beliebtesten Gegenstände für Selfies.
In London läuft man streng chronologisch Andersons Karriere hinterher, beginnend mit der grandios dilettantischen Gangsterfarce „Bottle Rocket“, die 1993 als Schwarz-Weiß-Kurzfilm begann und 1996 in Andersons ersten Spielfilm (auf Deutsch schön dämlich „Durchgeknallt“ betitelt) mündete; in beiden spielten die Brüder Luke und Owen Wilson mit, die zu den Habitués in Andersons Filmen zählen. Aber das gilt auch für Jason Schwartzman, Bill Murray, Willem Dafoe, Adrian Brody, Edward Norton, Scarlett Johanssen, Ralph Fiennes und offenbar überhaupt jeden Star, der einmal unter diesem Regisseur gedreht hat. Anderson ist ein Menschenfänger wie Woody Allen.
Die spezifische Wes-Anderson-Methode (knallbunte Bilder, stoische Darsteller, ständige Verweise aufs Filmerbe) hat dieser Regisseur auf unterschiedlichste Genres angewendet: Heist-Movie („Bottle Rocket“), Coming of Age („Rushmore“), Wissenschaft („Die Tiefseetaucher“), Kinderfilm („Moonrise Kingdom“), Dystopie („Isle of Dogs“), Familienporträt („Die Royal Tenenbaums“). Aber alle als Farce, und der Spaß, den die Beteiligten daran hatten, überträgt sich noch mehr als über die in der Ausstellung projizierten Ausschnitte über die Set-Objekte. Welche Arbeit hinter all dem steckt, kann man den Hintergrundberichten und Interviews des Katalogs entnehmen. Oder der liebevollen Dokumentation der Dreharbeiten zum Debütkurzfilm von 1993, der seinerzeit beim Sundance Film Festival lief – da war Anderson 23 Jahre jung. Das Budget für die immerhin dreizehn Minuten betrug 3430 Dollar. Das werden aber nur jene Besucher der Schau erfahren, die bereit sind, vor der auf Knöchelhöhe ausgehängten Produktionskalkulation in die Knie zu gehen.
Wer will, kann Stunden hier verbringen (und wer alles sehen und vor allem lesen will, der muss das auch). Wer hätte denn gewusst, dass Anderson schon 2001 etabliert genug war, um eines seiner Fake-Zeitschriftencover für die „Royal Tenenbaums“ von Richard Avedon fotografieren zu lassen. Und frech genug, um ein Buch seiner Figur Raleigh St. Clair unter dem auch damals bereits politisch unkorrekten Titel „The Peculiar Neurodegenerative Inhabitants of the Kazawa Atoll“ ins Bild zu setzen. Am Ende dieser Lusttour ins Kinowerk eines Unangepassten ist man selbst aufs Beste ins Bild gesetzt: über einen manischen Manipulator.
Wes Anderson – The Archives. Im Design Museum London; bis zum 26. Juli. Der verblüffend textreiche, aber trotzdem gut bebilderte englischsprachige Katalog kostet 44,95 britische Pfund.
Source: faz.net