Wenn Hollywood erstaunlich teutonisch aussieht

Schnauzer, Vokuhila, Tapeten-Roben und blasse Outfits: Auf dem roten Teppich der Oscars fehlt, was einst den Mythos Hollywoods ausmachte. Blick auf eine Nacht, in der Beverly Hills überraschend viel von der Berlinale hat.

Hollywoods Krise könnte aufhören, Krise zu sein, genau dann, wenn die großen Scheinwerfer auf den roten Teppich vor dem Dolby Theatre in Los Angeles aufleuchten. Wenn die hungrigen Rufe der Fotografen ertönen, wenn die ersten Kameras klicken und kurz die Magie des Mythos Hollywood aufblitzt: für ein paar Stunden wäre die Welt noch mal bereit, an diesen vergangenen Glamour zu glauben. An Aufstieg, an dieses große amerikanische Versprechen, dass irgendwo zwischen Blitzlicht und Champagner noch immer eine Bühne existiert, auf der Größe möglich ist – oder zumindest überzeugend gespielt wird.

Selbst nach all den woken Eskapaden der letzten Jahre, nach den peinlichen Anstecknadel-Aktivismen bei gleichzeitig lautem Schweigen zu Antisemitismus und diesen fadenscheinigen moralischen Dresscodes, bei denen alle in demonstrativer Schwärze erschienen, bleibt der Blick gespannt. Der Mythos ist zäh.

Doch dann hat schon die Fotowand eher Berlinale-Flair als Beverly Hills. Der Moment, in dem man sich erneuern könnte, verpufft.

Leo, oh Leo!

Einst der große Posterboy einer ganzen Generation neoliberaler Girls, verlässlich die attraktivste Model-Freundin an der Seite. Und mit seinem Champagner-Toast aus The Wolf of Wall Street verkörperte Leonardo DiCaprio zwischen Übermut, Exzess und Freiheit das letzte Kapitalismus-Meme, in dem Erfolg noch aussah wie eine Party und nicht wie ein PR-Problem.

Heute sieht man ihn meist nur noch in schlumpfiger Garderobe. Die Wirklichkeit überlagert längst die alte Legende. Immerhin hat er diesen Longevity-Ring diesmal zu Hause gelassen, der vermutlich bei jeder Veranstaltung die CO₂-Belastung im Saal misst und beim zweiten Glas Champagner Alarm schlägt. Entsprechend lustlos steht Leo da vor den Kameras, leicht verkrampft – neuerdings mit spießigem Schnäuzer – jeder Hauch von Glamour schon im Ansatz erstickt.

Outfit-Oscar für Chalamet

Ohne Timothée Chalamet wäre es auf Hollywoods roten Teppichen noch langweiliger. Also sei ihm verziehen: die Frisur, die besser gehen würde. Der Bart, der besser gar nicht da wäre. Die zu große Hose. Und diese weißen Gummistiefel, die zumindest schwarz hätten sein können. Immerhin einer der letzten, die verstanden haben, dass Hollywood einmal ein Ort für Stil, Spiel und Originalität war.

Viel Bein, wenig Wirkung

Ob sich jemals eine Jury in letzter Minute umentschieden hat, den Oscar doch jemand anderem zu verleihen, einfach, weil das Outfit die Kandidatin komplett disqualifiziert? In dieser überpolitisch korrekten Szene natürlich undenkbar. Also hier die politisch unkorrekte Bemerkung: Diese Idee von raffinierter Freizügigkeit bei der Louis-Vuitton-Robe, in der Renate Reinsve einen Oscar entgegennehmen wollte, sieht äußerst unvorteilhaft aus. Selten hat Freizügigkeit so wenig Lust auf Freizügigkeit gemacht.

Tüllexplosion

Eine traumhafte Taille und trotzdem versprüht Elle Fannings Tülltraum nur Abiball-Vibes. Der Diamant-Choker von Cartier hat einen Oscar verdient.

Unbekannte in Chanel

Jessie Buckley wird für ihre Rolle in „Hamnet“ als beste Hauptdarstellerin gekürt, neben einer Reihe anderer Damen, deren Namen man eher nicht kennt. In dem Fall lässt man sich eine Robe zurechtlegen, die dafür sorgt, dass einen am nächsten Tag jeder kennt. Pluspunkte für die Entscheidung gegen langweilig und für das skulpturale, schulterfreie Bandeau aus glänzendem, kirschrotem Satin. Minuspunkte für die beißend rosafarbene Stoffbahn – den Schmuck hätte es nicht gebraucht, und der Hairstylist hat seine Arbeit nicht gemacht.

Auch Chanel, aber besser:

Viel Federn, aber eine unübersehbare Gravitas. Und die Bestätigung: nicht immer braucht es eine Haarspray-betonierte Hochsteckfrisur.

Über Gwyneth Paltrow lässt sich streiten. Auch die jüngste Botox-Offensive wäre vielleicht nicht zwingend nötig gewesen. Aber bei ihrer Garderobe besitzt sie einen Instinkt, der in Hollywood selten geworden ist. Was daran liegt, dass inzwischen jeder Stylisten beschäftigt, wo Gwyneth früher noch selbst shoppen gegangen ist.

Wir erinnern uns an ihren rubinroten Samtanzug von Gucci Tom Ford, den sie 1996 bei den VMAs trug, und an das sagenhafte rosa Grace-Kelly-Kleid von Ralph Lauren, in dem sie 1999 ihren Oscar entgegennahm.

Frankenstein-Moment

Anne Hathaway kann nichts dafür, welches modische Unheil „The Devil Wears Prada“ einst angerichtet hat. Aber in dieser monströs geblümten Tapeten-Robe wird sie ihrer unbeholfen angezogenen Figur Andy Sachs ziemlich gerecht. Sie verleiht darin ausgerechnet den Preis für das „beste Kostümdesign“, dann auch noch für „Frankenstein“ und mit Anna Wintour im Schlepptau, die teuflischer Weise dieses Kleid, das man eher in Bayreuth vermuten würde – und vor allem diesen Gürtel – nicht im Vorhinein verhindert hat.

Jacob Elordi geht in postmoderner Spießigkeit auf. Der Vokuhila an dem nichts wild ist, sondern jede Strähne so penibel gestutzt wie die Buchsbaumhecke mit der Wasserwaage. Noch ein weiterer Schnurrbart also, symmetrisch, dienstbeflissen. Wie ein Neuköllner Hipster, der im Schrebergarten Tiny House noch einmal kontrolliert, ob die Gartenmöbel exakt im rechten Winkel zur Terrasse stehen.

Verlässlich blass

Blasse Charaktere sind in Hollywood derzeit hoch im Kurs. Sie ecken nicht an, produzieren keine Shitstorms und bringen ein ohnehin wankendes Geschäft garantiert nicht noch weiter ins Schlingern. Emma Stone ist genau so eine Figur, mit der jede Produktionsfirma beruhigt kalkulieren kann.

Dazu passt auch jeder ihrer Auftritte auf dem roten Teppich: vorsichtig, leicht zögerlich, der Typ sympathische Vertrauensperson übereinstimmend gewählt in der Elternsprechstunde, in einem stromlinienförmigen Kleid mit niedlichen Kappärmeln. Hollywood, das einmal von Größe lebte, sieht erstaunlich deutsch aus.

Source: welt.de