Wenn es um China geht, verstummen die Umweltverbände

Umweltverbände schwärmen von China als „Klimaschutz-Vorreiter“, der die Produktion erneuerbarer Energien vorantreibe wie kein anderes Land. Dass China seine Exporte von Technologie für Wind-, Solarenergie und Batterien wesentlich mit fossiler Energie bewerkstelligt, bleibt ebenso gerne unerwähnt wie die Tatsache, dass China zu Hause kaum Klimaschutz betreibt.

Auf dem China-Auge sind viele Umweltverbände blind. Wohl deshalb bleibt auch einer der größten Skandale der Gegenwart wenig beachtet: Recherchen belegen, dass Chinas staatlich subventionierte Fischereiflotte systematisch an Grenzen der internationalen Wirtschaftszonen operiert und dabei häufig in fremde Gewässer eindringt.

Dokumentierte Fälle aus Japan, Südkorea, Argentinien, Peru, Chile, West‑ und Ostafrika sowie Iran zeigen, dass chinesische Schiffe ohne Genehmigung fischen, ihre Ortungssysteme abschalten, unter fremder Flagge segeln und verbotene Fanggeräte benutzen. Die ökonomischen Schäden sind beträchtlich; bei Humboldt‑Kalmar und Krill summieren sich die Fänge auf Abermillionen Tonnen.

Mancherorts droht der Kollaps

Neben ökonomischen Schäden für die betroffenen Staaten hinterlässt Chinas Fangflotte Umweltzerstörung: In der Antarktis etwa nutzen die Schiffe fabrikartige Pumptechniken, die Krillpopulationen rabiat dezimieren. Vor Afrika werden mit Schleppnetzen Fischgründe zerstört; verbotene Stellnetze und Sonargeräte töten Beifang und bedrohen Delfine.

Mancherorts droht der Kollaps ganzer Populationen, was Ökosysteme gefährden kann, weil Walen, Delfinen, Robben, Seevögeln und anderen Fischen ihre Beutetiere abhandenkommen.

Während Umweltorganisationen vor Jahren noch Alarm schlugen wegen der von China betriebenen Überfischung, sind die meisten verstummt. Ihr Umweltschutz scheint weniger von universellen Werten getrieben als von Kritik am Westen.

Aggressiv an der Grenze

Ihre klassische Erzählung lautet, Überfischung sei ein Tragödie-der-Allmende-Problem: Alle machten etwas zu viel, auf Kosten der Bestände. Eine Verharmlosung: Bei Chinas Fernfischerei geht es um industriell organisierte Präsenz in Regionen, in denen Kontrolle teuer ist und politische Kosten gering erscheinen.

Hunderte Schiffe drängen sich entlang der 200-Seemeilen-Grenzen (AWZ) von Staaten wie Peru, Ecuador oder Chile. Sie fischen formal knapp außerhalb – und praktisch so aggressiv, dass Bestände, die wandern oder deren Nahrungsketten dort hängen, kollabieren. Manche chinesische Tintenfischfänger blieben fast zwei Jahre ununterbrochen auf See, ermöglicht durch wiederholtes Umladen des Fangs auf Kühlschiffe.

Wenn die Gelegenheit günstig ist, wird in der AWZ gefischt. Dabei hat dort der Küstenstaat das ausschließliche Recht, lebende Ressourcen zu bewirtschaften. Fremde Schiffe dürfen passieren, aber nicht ohne Erlaubnis fischen.

Wo sind die Verbände?

Betroffene Staaten reagieren mit Festsetzungen, Bußgeldern, neuen Gesetzen, Hafenverboten und militärischer Präsenz. Zugleich wächst der internationale Druck: die USA machen illegale Fischerei zu einem außenpolitischen Schwerpunkt, lateinamerikanische Länder schließen sich zusammen.

Doch wo sind die großen Umweltverbände? Wo sind die Kampagnen, die Petitionen, die spektakulären Reports, die Boykottaufrufe – so wie bei Palmöl, Walfang oder Plastik?

Klar, es gibt Ausnahmen: Oceana, Sea Shepherd, die Environmental Justice Foundation, einzelne Investigativprojekte. Aber der breite, laute Chor der Umweltbewegung, der sonst keine Gelegenheit auslässt, westliche Industrie, Landwirtschaft, Verkehr zu moralischen Hauptschauplätzen zu erklären – bei China wird er erstaunlich leise.

Axel Bojanowski ist Chefreporter Wissenschaft bei WELT. Er ist Mit-Herausgeber des soeben erschienen Bandes „Das andere Klimabuch: 25 Experten. Überraschende Fakten. Rationale Alternativen zur Klima-Angst“ (Verlag Königshausen u. Neumann).

Source: welt.de