Weihnachtsgedicht: Lernen Sie ein Weihnachtsgedicht mit uns – Teil 3
Dieser Artikel ist Teil von ZEIT am Wochenende, Ausgabe 50/2025.
Da
sind wir wieder. Schön, dass Sie noch dabei sind! Waren die ersten vier
Strophen leicht? Wenn Sie noch mit ein paar Zeilen kämpfen: Es gibt da einen
Trick, wie man ein Gedicht ganz leicht auswendig lernt. Wir haben den auch erst
jetzt erfahren, und zwar von der Liedermacherin
Dota Kehr, die schon lange Mascha-Kaléko-Lieder singt, zwei Alben mit Gedicht-Interpretationen
aufgenommen und sich extra eine Melodie für unser
Adventsgedicht ausgedacht hat.
Ihr
Trick: Sie sagt, wenn sie einen Text auswendig lernen muss, dann singt sie ihn
einfach. Mit Melodie ist alles leicht.
Probieren
Sie es mal. Es kann irgendeine Melodie sein, die Ihnen gerade in den Sinn
kommt. Oder aber Sie nehmen einfach die von Dota. Klingt
das nicht so, als sei die Melodie immer schon in dem Gedicht versteckt gewesen?
In
dieser Woche sind die letzten drei Strophen dran. Nehmen Sie die letzte Zeile
der Vorwoche – „Mein war Pu! Und ich war sieben Jahre“ – als Sprungfeder für
den Schlussspurt.
Jetzt
kommt der Elfentanz, die Goldverschnürung und das von Nina Kunzendorf so
besonders lustvoll geschimpfte „Du eitle Ratte!“ Außerdem die Freiheit nach
der schlechten Zensur, die jetzt irgendwie egal ist, genau wie alle Art von
Arbeit, Sorgen, Last und Alltag.
Dass
die siebenjährige Mascha Kaléko schon Tee mit Rum trinkt, bevor sie sich dem Märchenbuch
zuwendet, deutet zwei Motive ihres kommenden Lebens an: eine Liebe zu
geistigen Getränken aller Art – Cognac, Bockbier, Wodka, Schnaps – und ein märchenhafter
Glaube an Wunder, auf die Mascha Kaléko sich ein Leben lang verlassen hat. Dieser Glaube hat sie immer aufrecht gehalten, gerade in den schwersten Zeiten.
Als
dieses Gedicht erstmals erschien, konnte sie diesen Wunderglauben gut gebrauchen. Am 9. Dezember 1933 wurde es im Berliner Tageblatt in
der Beilage Haus – Hof – Garten veröffentlicht. Eine angsterfüllte Zeit für
die Jüdin Mascha Kaléko, deren erster Gedichtband Das Lyrische Stenogrammheft ausgerechnet im Januar 1933 erschienen war und auf rätselhafte Weise bei der
Bücherverbrennung im Mai 1933 übersehen wurde.
Erstaunlich
eigentlich, dass deutsche Tageszeitungen Gedichte einer
jüdischen Dichterin überhaupt noch druckten. Aber 1934 konnte sogar noch ein zweiter
Gedichtband von ihr erscheinen. Es war Glück. Ein kleines Wunder.
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Seit
wir hier gemeinsam mit Ihnen dieses Gedicht auswendig lernen, haben uns so
unglaublich viele Grüße, Nachrichten und dankbare Kommentare erreicht, auf Instagram wurde die
Lesung von Nina Kunzendorf fast 600.000-mal angesehen und 26.000 Menschen
haben ein Herz für sie dagelassen.
Es ist ein kleines Mascha-Wunder, wie ein fast 100 Jahre altes Gedicht so viele Menschen noch immer freut und berührt.
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Und
dann hat uns vor ein paar Tagen diese Mail von Joachim Steinmetz aus Hemmingen
erreicht. Er schreibt, dass das Gedicht ihm gerade durch eine traurige Zeit hilft, „wie ein Geschenk vom Himmel“.
Sein
Vater lag im Krankenhaus, in kritischem Zustand, „meine 87-jährige Mutter ist
zerfressen von Angst und Sorge und findet keine Ruhe mehr“. Aber sie liebt Gedichte,
Mascha Kaléko besonders. „Da entsteht eine Idee: Dieses Gedicht gemeinsam mit
meiner Mutter auswendig lernen, in dieser belastenden Zeit, trotzdem und gerade
deswegen!“
Neben
Begriffen wie Reanimation, Intubation und Lungenentzündung geht es in den
Gesprächen der Familie plötzlich auch um Lamettaschimmer, Wattetupfen und
Dezemberschnupfen, „gemeinsam hangeln wir uns durch die Zeilen und Strophen“.
Den
zweiten Advent hat der Vater leider nicht mehr erlebt, erstmals wird er an Weihnachten
fehlen. „Dann werden wir uns das Gedicht zusammen aufsagen“, schreibt Joachim Steinmetz. „Wahrscheinlich werden wir dabei weinen. Aber wir werden uns tief
verbunden fühlen.“
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In
welcher Lebenssituation auch immer Sie, liebe Leserinnen und Leser, das
Gedicht erreicht hat: Wir freuen uns, wenn Sie die letzten drei
Strophen noch lernen. Es läuft ja alles auf die letzten beiden Zeilen hinaus,
die in traurigschönen Worten davon erzählen, dass wir nicht zu lange auf das
Glück warten sollen, auf irgendeine Zeit, in der wir angeblich „groß“ sind,
oder sogar „klug“.
Die Zeit des „klein und dumm“ ist in Wahrheit schon ziemlich
perfekt.
Und
jetzt kommt noch das Wichtigste: Wir würden uns sehr, sehr freuen, wenn Sie ein
Video von sich aufnehmen, das Gedicht aufsagen und es uns schicken – es
reicht auch eine einzelne Strophe. Entweder per E-Mail an gedicht@zeit.de, Dateien über 50 MB lieber per WhatsApp über diesen Link. Bitte filmen Sie sich im Hochkantmodus ohne
störende Hintergrundgeräusche. Und wir schneiden aus den Videos, die uns erreichen, ein großes Weihnachtsvideo zusammen. Die Redaktion macht auch mit.
Kommen
Sie schon! Tee mit Rum, klein und dumm – es ist ganz leicht und wir zusammen
werden großartig aussehen und klingen. In Goldverschnürung oder ohne! Sie
dürfen auch singen, viel Spaß!
Grafik: Jenni Kuck
Bildredaktion: Michael Pfister
Originaltext aus: Mascha Kaléko: Das lyrische Stenogrammheft;
Erstveröffentlichung: 1956 Rowohlt Verlag, Hamburg © 2015 dtv
Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München. Nutzung erfolgt mit freundlicher
Genehmigung des dtv Verlags; www.dtv.de
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