Weihnachtsgedicht: Lernen Sie ein Weihnachtsgedicht mit uns!
Dieser Artikel ist Teil von ZEIT am Wochenende, Ausgabe 48/2025.
Einen
Moment bitte. Wir wollen hier mal kurz die Zeit anhalten. Es geht doch alles so
verdammt schnell. Die Nachrichten rauschen nur so an uns vorbei. Und das Leben.
Und die Texte. Deshalb möchten wir zusammen Luft holen, ein Stück Glück hervorholen und gemeinsam in
uns aufbewahren.
Wir
möchten gern – zusammen mit Ihnen – ein Gedicht auswendig lernen. Es heißt So
um Dezember, die Dichterin Mascha Kaléko hat es geschrieben und die
Schauspielerin Nina Kunzendorf hat es für uns vorgetragen.
Falls Sie jetzt denken: „Sieben Strophen?! Das schaffe ich eh nicht“ – keine
Angst, wir haben Zeit. Vier Wochen insgesamt. An jedem Adventswochenende gehen
wir gemeinsam einen Schritt weiter, Strophe für Strophe. Am Ende tragen wir die
Wörter in uns und vergessen sie nicht mehr.
Zugegeben,
es ist eine ziemlich altmodische Idee. Viele von uns sind gewiss froh, dass die
Zeiten von Zwangsgedichten, die Kinder unterm Weihnachtsbaum aufsagen müssen,
bevor sie endlich auf die Geschenke losgelassen werden, lange vorbei sind. Obwohl
– dass uns Zeilen wie „Alt und Jung sollen nun / von der Hast des Lebens einmal
ruhn“ ein Leben lang begleiten, ist eigentlich ziemlich schön.
Ein
Gedicht, das man einmal gelernt hat, geht nicht mehr verloren. Es ist ein
Schatz, den man immer mit sich trägt, in der Cloud des eigenen Herzens
sozusagen, den wir hervorholen können, wenn es uns schlecht geht, es dunkel ist
in uns, wir Trost suchen oder Mut.
Mascha Kaléko ist dafür die ideale
Dichterin. Weil sie wirklich kein leichtes Leben führte, aber immer an
Wunder geglaubt hat. Diesen Glauben hat sie so kompakt und schön und leicht
verständlich in so vielen Gedichten aufgeschrieben, dass sie heute, 50 Jahre nach ihrem Tod, die populärste deutsche
Dichterin ist.
Sie
konnte wirklich mit Worten zaubern. Dafür ist das Gedicht, das wir ausgewählt
haben, ein schönes Beispiel. Es ist ein Weihnachtsgedicht, in dem das
Wort Weihnachten nicht vorkommt. Es ist ein helles Gedicht, das in dunklen
Zeiten spielt und in dunklen Zeiten geschrieben wurde. Das spürt
man schon in der ersten Strophe.
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Mascha Kaléko hat sich zuallererst in ihren Gedichten immer Mut selbst gemacht.
Und dieser Mut und diese Wärme sind darin aufgehoben bis heute, sie nutzen sich nicht
ab. Der Titel ist eher lässig, unbestimmt – So um Dezember, als wenn die
Verse ebenso gut noch im Januar spielen könnten.
Können
sie natürlich nicht. Es ist Vorweihnachtszeit und der Lässigkeit des Titels
wird gleich in der ersten Zeile durch das wehmütige „Weißt Du noch?“
widersprochen. Wir befinden uns im Jahr 1914, erster Weltkriegswinter, wir lernen
Maschas jüngere Schwester Lea kennen, genannt Puttel. Wer jenes ‚du‘ ist,
wissen wir nicht genau. Vielleicht eine Fantasie-Schwester. Vielleicht ein
poetischer Vorgriff auf die Schwester Rachel, die erst 1920 geboren werden
wird?
Aber
wer war diese Mascha Kaléko überhaupt? 1907 kam sie in Chrzanów auf die Welt,
das ist eine kleine Stadt in Galizien, damals gehörte sie zum
österreichisch-ungarischen Kaiserreich, heute zu Polen. „Ich bin als
Emigrantenkind geboren“, hat Mascha Kaléko später gedichtet und das ist wahr. Im
Grunde war sie ein Leben lang auf der Flucht.
Und unser Gedicht spielt in ihrem
ersten Flucht-Winter. Die jüdische Familie war bei Ausbruch des Ersten
Weltkriegs in Richtung Westen geflohen, aus Angst vor antisemitischen Pogromen und
weil ihr russischstämmiger Vater nicht gegen die Verwandten seiner
österreichischen Frau kämpfen wollte. Sie flohen zunächst nach Frankfurt, wo
Maschas Vater sogleich als sogenannter „feindlicher Ausländer“ inhaftiert wurde. Es wird
kein einfaches Weihnachten gewesen sein, 1914 in Frankfurt, der Vater im
Gefängnis, die Mutter allein mit zwei Kindern und wenig Geld, der Verlust der
Heimat, das fremde Land.
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Kaléko beschreibt in der
zweiten Strophe einen Dezember, in der Vorfreude auf das Fest zu spüren ist.
Wieder beginnt die Strophe mit jener wehmütigen Beschwörung der vergangenen
Zeit. Die Pflichten des Alltags liegen weit hinter uns, „längst“ sind die
Schularbeiten gemacht. Und über die Kälte
hat sich ein Licht gelegt, ein Schimmer in Grün, in Rot, in Gold – Lametta.
Und dazu noch – wenn auch
nur als Übung – das weihnachtlichste deutsche Lied schlechthin. Ihr erstes
Weihnachten in Deutschland. Vielleicht das erste bewusst erlebte Weihnachtsfest
der jüdischen Familie überhaupt. Es galt auch, gemeinsam anzukommen, in dem
neuen, kalten Land. Die Angst hatte die Familie hierhergebracht. Und jetzt:
Krieg. Winter. Gefängnis. Und eine Flucht ohne Ende. Wir lesen hier keine
Idylle. Wir lesen die Beschwörung von Harmonie und Geborgenheit. Eine Fantasie.
Ein Wunsch-Gedicht.
Lassen Sie uns gemeinsam
diese Verse auswendig lernen. Sprechen wir sie laut. Haben Sie keine Angst,
dass man Sie für wunderlich hält. Auf den Straßen, in den Bussen und Zügen
redet doch ohnehin heutzutage jeder vor sich hin oder in sein Telefon hinein. Telefonieren
wir doch mal mit uns selbst.
Das Gedicht hat so einen organischen Rhythmus, so klingende Wörter darin. „Wattetupfen“.
„Dezemberschnupfen“. „Lamettaschimmer“, „still im Zimmer“ – es ist doch beinahe
so, als seien diese Verse immer schon in uns gewesen, oder etwa
nicht?
Am
nächsten Adventswochenende geht es weiter mit den folgenden Strophen, bis dahin viel Freude und Erfolg mit dem ersten Teil unserer Reise!
Video: Sven Wolters Soto
Grafik: Jenni Kuck
Bildredaktion: Michael Pfister
Originaltext aus: Mascha Kaléko: Das lyrische
Stenogrammheft; Erstveröffentlichung: 1956 Rowohlt Verlag, Hamburg © 2015 dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München. Nutzung erfolgt mit freundlicher Genehmigung
des dtv Verlags; www.dtv.de