Wehrdienst: Verteidigung ist nicht nur Männersache

Als die junge Bundesrepublik über die Einführung einer Wehrpflicht diskutierte, erschien am 9. November 1955 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung der Bericht eines Bonner Korrespondenten. In ihm erklärte die Vorsitzende des Hausfrauenbundes, Fini Pfannes, nach einer längeren Unterredung mit Familienminister Franz-Josef Wuermeling: „Wir lehnen Frauen in Uniform, die kaserniert oder als Kader aufgestellt werden sollen, ab.“ Der Minister versicherte umgehend, dass eine Dienstverpflichtung oder gar eine Wehrpflicht von Frauen keinesfalls erwogen werde. Einig schienen sich alle besonders in einem Punkt zu sein: dass die Vollzeitbeschäftigung der Hausfrau mit Kindern abzulehnen sei.

Siebzig Jahre später diskutiert Deutschland wieder über einen Wehrdienst, wieder geht es auch um die Frage, welchen Beitrag Frauen zu leisten haben. Die Bundesregierung setzt auf Freiwilligkeit. Eine Dienstpflicht soll es nicht geben, für niemanden. Dafür gibt es einen Fragebogen zu Tauglichkeit und Motivation. Männer müssen ihn ausfüllen, Frauen dürfen. Gemustert werden folgerichtig vor allem Männer, die weiterhin die Masse der Wehrdienstleistenden stellen dürften. Im Grundgesetz heißt es unverändert, dass Frauen „auf keinen Fall zum Dienst mit der Waffe verpflichtet werden“ dürfen.

Die reine Hausfrau gibt es immer seltener

Das ist aus der Zeit gefallen. Zum einen unterscheidet sich die Rolle von Frauen in der Gesellschaft grundlegend von der Anfangszeit der Bundesrepublik. Die Vollzeitbeschäftigung von Müttern ist kein Tabu mehr. Die reine „Hausfrau“ gibt es immer seltener, schon das Wort ist aus dem Sprachgebrauch nahezu verschwunden. Frauen sind in Berufen angekommen, die lange als Männerdomäne galten. Und sie stellen immer mehr Führungskräfte.

Unsere Gesellschaft lebt nach den Grundsätzen der Gleichberechtigung und Gleichbehandlung – und beides gilt überall und für alle. Andersherum gesagt: Gleichberechtigung und Gleichbehandlung fallen nicht unter die Rubrik „Wünsch dir was“. Das zumindest sollte unser Anspruch sein. Nimmt man den Wehrdienst aus diesem Anspruch heraus, etwa mit der Rechtfertigung, dass immer noch bestehende Nachteile durch einen Pflichtdienst verschärft werden könnten, ändert das erst einmal nichts an ebenjenen Ungleichheiten.

Vielleicht könnte, im Gegenteil, ein Wehrdienst, der auf Frauen wie auf Männer zurückgreift, die Gleichstellung sogar beschleunigen – weil Frauen in einem weiteren Bereich der Gesellschaft stärker vertreten sein würden, der eigentlich als Männerbastion gilt. Und das, obwohl sich die Bundeswehr schon vor einem Vierteljahrhundert vollständig für Frauen geöffnet hat. Nebenbei könnte die Wertschätzung freiwillig dienender Frauen erhöht werden.

Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Bundeswehr sich stärker auf Frauen einstellt: personell, strukturell, mental. Zum Beispiel müssten Frauen gezielter angesprochen werden. Die Vereinbarkeit von Dienst und Familie müsste verbessert werden. Und Fälle von Sexismus müssten glaubhaft geahndet werden. Es brauchte mehr Frauen in höheren Dienstgraden – und weibliche Vorbilder. In Norwegen etwa absolvierte Prinzessin Ingrid Alexandra, die Zweite in der Thronfolge, bis April dieses Jahres ihren Wehrdienst. Das Königshaus selbst veröffentlichte mehrere Fotos.

Angebot der Bundeswehr muss besser werden

Überhaupt zeigt ein Blick in andere Länder, dass ein Pflichtdienst für Frauen funktionieren kann: Israel hat die Wehrpflicht für beide Geschlechter seit Staatsgründung. In Dänemark können Frauen, die nach dem 1. Juli dieses Jahres volljährig geworden sind, in die Armee eingezogen werden. Und Norwegen kennt seit zehn Jahren eine Dienstpflicht für Frauen. Für den Grundwehrdienst gibt es dort mehr Interessierte als Plätze. Ist das nicht erstrebenswert?

Eine modernere und familienfreundlichere Bundeswehr könnte die Attraktivität der Truppe hierzulande erhöhen und mehr Bewerber – und Bewerberinnen – ansprechen. Wenn Freiwilligkeit gilt, ist das umso notwendiger. Denn wenn das nun von Schwarz-Rot erdachte Modell funktionieren soll, dann muss das Angebot besser werden.

Wir leben in einer Zeit, die alles andere als friedlich ist, und Deutschland hat sich lange schwergetan, das anzuerkennen. Beginnt die Bundeswehr schon jetzt, Frauen wie selbstverständlich in ihre Planungen für einen wie auch immer gearteten Pflichtdienst einzubeziehen – und sei es erst mal nur, indem sie wie alle Männer einen Fragebogen ausfüllen müssen –, muss sie nicht damit anfangen, wenn ihr der Ernstfall keine andere Wahl mehr lässt. Hinzu kommt die Signalwirkung nach innen wie nach außen: Landesverteidigung ist nicht Männersache, sondern ei­ne gesamtgesellschaftliche Aufgabe gleichberechtigter Bürger.

Source: faz.net