Wehrdienst: Fragt uns nicht, ob wir für jedes Euch ringen würden
Dieser Artikel ist Teil von ZEIT am Wochenende, Ausgabe 46/2025.
Nach Monaten der diskursiven Selbstzerfleischung hat die
Bundesregierung also endlich eine Antwort gefunden. Zugegebenermaßen war die
Frage auch keine kleine: Wie soll die Bundeswehr insgesamt
80.000 zusätzliche Soldaten rekrutieren, um im Ernstfall verteidigungsfähig
zu sein? Das nun vorgestellte Wehrdienstgesetz sieht den Aufbau der nötigen
Infrastruktur vor, um im Laufe des nächsten Jahrs sämtliche jungen Männer des
Jahrgangs 2008 zur Musterung einbestellen zu können. Sind sie geeignet, werden
sie bitte recht freundlich gebeten, sich freiwillig für den Wehrdienst zu
melden.
Kommen auf diesem Weg jedoch nicht genügend Rekruten
zusammen, so bemerkte Boris Pistorius, tritt
eine „verfassungsrechtlich abgesicherte Bedarfswehrpflicht“ in Kraft.
Schwer zu sagen, was der Verteidigungsminister mit dieser Formulierung genau
sagen will. Eine gesicherte Interpretation ist auf jeden Fall, dass im
Zweifelsfall doch noch das berüchtigte Losverfahren zum Einsatz kommen könnte,
um den Personalzuwachs der Bundeswehr praktisch auszuwürfeln.
Und man ahnt es vielleicht schon – leider handelt es sich
bei diesem neuen Gesetz um eine jener Antworten, die am Ende eine Reihe neuer
Fragen erzeugt. Folgend eine kleine Auswahl: Wäre ein Losverfahren wirklich der
beste Weg, um junge Menschen zum Kämpfen zu motivieren? Wie möchte man künftig
eigentlich mit Wehrdienstverweigerern umgehen, die bei der Kriegstombola Pech
hatten und trotzdem partout nicht zum Bund wollen? Und gibt es im Rahmen eines
Gesetzes, das mit Bußgeldern und Zwängen droht, tatsächlich so etwas wie die rätselhaft
klingende „Verbindlichkeit
in der Freiwilligkeit“, von der Jens Spahn spricht?
Die wichtigste Frage jedoch stellt sich den Abertausenden jungen Menschen, die bald schon zu Soldaten ausgebildet werden sollen: Sind sie
wirklich bereit, für ihr Land zu sterben? Es handelt sich um keine neue Fragestellung.
Sei es in Interviews, Umfragen, Talkshows oder Meinungsbeiträgen – aktuell wird
eine ganze Generation pausenlos nach ihrer potenziellen Selbstlosigkeit ausgeforscht:
ob man denn kämpfen würde; Opfer bringen könnte; bereit wäre, sein Leben zu lassen?
Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine mag bislang noch nicht auf
deutsches Territorium übergesprungen sein, aber sprachlich führt dieses Land
seit mittlerweile drei Jahren einen Krieg im Konjunktiv.
Ihr wisst nicht, wie der Ernstfall aussieht
Und es nicht so, als hätte sich seither niemand aus der
Deckung gewagt, um sich im Indikativ dazu zu äußern. Der Publizist Ole
Nymoen beispielsweise, der
in diesem Ressort mit seinem Gastbeitrag über die Wehrpflicht eine landesweite
Debatte ausgelöst hat, konnte ein ganzes
Buch auf mehr oder weniger einer zentralen Aussage aufbauen: Lieber werde ich
von Russland besetzt und unterdrückt, als für Deutschland zu kämpfen und zu sterben. Damit beschreibt er offenbar ein Mehrheitsgefühl. Laut
einer aktuellen
Forsa-Umfrage wären 59 Prozent der wehrfähigen Deutschen
„wahrscheinlich nicht“ oder „überhaupt nicht“ dazu bereit, ihr Land
im Ernstfall mit der Waffe zu verteidigen.
Die anderen 38 Prozent hingegen, die
„wahrscheinlich“ oder „garantiert“ zur Waffe greifen würden, mögen
medial weniger präsent sein. Doch auch sie kann man hören, etwa in den
Texten des Publizisten und Schriftstellers Arthur Weigandt, der ebenfalls in diesem
Ressort einen
Meinungsbeitrag zum Thema veröffentlicht hat. Oder wenn Campino den allerletzten
Rest seines Punk-Images begräbt und
darüber sinniert, heute nicht mehr den Kriegsdienst zu verweigern.
Doch es reicht
schon, wenn man etwa ein Kneipengespräch mit der Frage nach der Verteidigungsbereitschaft
des Gegenübers beginnt – dann dauert es nicht lange, bis man jemanden Kampfwilligen entdeckt. Der Autor dieses Textes jedenfalls kennt nicht wenige
Männer, die über ihre Kriegslust mit einem vorweggenommenen Märtyrerstolz
sprechen, als hätten sie jetzt schon ihr Leben fürs Vaterland
hingegeben.
Und man möchte an dieser Stelle beiden Lagern – jenen,
die breitbeinig ihre Opferbereitschaft ankündigen, und solchen, die ihre Beine
lässig übereinanderschlagen und von einer Wehrpflicht nichts hören wollen – sagen:
Ihr könnt doch überhaupt nicht vorhersehen, wie Ihr Euch im Ernstfall verhalten
würdet. Genauso wenig jedenfalls, wie wir uns sicher sein dürfen, ob wir bei
einem Übergriff in der U-Bahn die Zivilcourage zum Dazwischengehen hätten. Mut ist oft keine Frage bewusster Entschlüsse, sondern spontaner
Entschlossenheit. Uns selbst mögen wir noch so gut kennen, unsere
Krisenpersönlichkeit kennen wir nicht.
Zumindest die Weltliteratur ist voll von Figuren, die
sich im Krieg vollkommen verwandeln. Man denke nur an die patriotisch
verblendeten Klassenkameraden von Paul Bäumer, die sich in Erich
Maria Remarques Im Westen nichts Neues voller Begeisterung in den
Ersten Weltkrieg stürzen, nur um schnell desillusioniert zu werden und teilweise zu desertieren. Oder an Pierre Bezukhov, der den Großteil von Leo Tolstois Krieg
und Frieden als depressiver Zauderer verbringt, dann aber in französischer
Kriegsgefangenschaft überraschende Überlebenskräfte entwickelt. Wieder und
wieder wurde es aufgeschrieben: Kein Kind des Friedens kann mit Sicherheit
vorhersagen, zu wem oder was es in einem Krieg heranwächst.
Das neue Wehrdienstgesetz mag also dazu führen, dass in
den nächsten Jahren viele junge Menschen lernen werden, ein Gewehr zu bedienen.
Ob sie es aber im entscheidenden Moment auch tatsächlich abfeuern, ist eine
andere Frage. Bleibt zu hoffen, dass sich die europäische Sicherheitslage erst
gar nicht so weit zuspitzt, eine Antwort darauf finden zu müssen.