Wegzug: Aegon vollendet Selbstzerschlagung

Der niederländische Versicherer Aegon vollendet seine Selbstzerschlagung. Er verkauft sein Großbritanniengeschäft außer der dortigen Vermögensverwaltung für rund zwei Milliarden Pfund an den Konkurrenten ⁠Standard Life. Der zahlt in bar und eigenen Aktien. Aegon positioniert sich in erster Linie als Anbieter von Lebensversicherungen und Pensionsversicherungen in Amerika.

Aegon erfüllt damit die letzte große Aufgabe, die sich das Unternehmen in seiner Wandlung vom niederländischen zum amerikanischen Unternehmen gesetzt hat. Es zieht in die Vereinigten Staaten und nimmt den Namen der US-Tochtergesellschaft Transamerica an. Die Transformation hatte begonnen, als der damals noch in Den Haag ansässige Versicherer und Vermögensverwalter den Niederlandezweig an den heimischen Konkurrenten ASR abgab. Das Geschäft bestand fortan zu gut zwei Dritteln aus US-Aktivitäten.

Im vergangenen Jahr zog Aegon in ein Geschäfts- und Konferenzzentrum am Flughafen Schiphol. Der juristische Sitz war in der Zwischenzeit nach Bermuda gewechselt. Vorstandsvorsitzender Lard Friese kündigte an, den Umzug beider Sitze in die Vereinigten Staaten zu „prüfen“: üblicherweise eine Vorentscheidung, die später nur noch formal zu bestätigen ist. Dieser Entschluss folgte im Dezember anlässlich eines Kapitalmarkttags. Die Erstnotiz an der Börse soll ebenfalls in Amerika erfolgen. Weiter wurde beschlossen, das noch verbliebene Auslandsgeschäft außerhalb Amerikas weiter auszudünnen: Aegon stellte das Großbritanniengeschäft zum Verkauf.

750 Millionen Pfund in bar

Dafür bezahlt Standard Life nun 750 Millionen Pfund in bar, wie Aegon am Mittwoch mitteilte. Außerdem bekommen die Niederländer 15,3 Prozent als Anteil an Standard Life. Sie steigen damit zum größten Aktionär vor der japanischen MS&AD und der Aberdeen Group auf. Standard Life ließ wissen, mit der Übernahme entstehe Großbritanniens größter Lebens- und Rentenversicherer mit rund 16 Millionen Kunden und
einem verwalteten Vermögen von ⁠rund 480 Milliarden Pfund. Der britische Versicherer habe viel Erfahrung mit der Integration komplexer Versicherungsbestände. Das Vermögensverwaltungsgeschäft
in Großbritannien bleibe auch nach dem Verkauf der ‌Versicherungstochtergesellschaft Teil von Aegon, hieß es in der Mitteilung. Aegons Aktie verlor in Amsterdam bis zum frühen Nachmittag leicht überproportional zum Verlust des Standardwerteindex AEX an Wert.

Weil Aegon in Deutschland seit jeher wenig aktiv war, begegnet das Unternehmen dem Verbraucher hier kaum. Bekannt ist der Name aber, seit der frühere Aegon-Chef Alexander Wynaendts im Jahr 2022 Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Bank wurde. Fußballanhänger erinnern sich außerdem noch an die Zeit, als Rekordmeister Ajax Amsterdam den Namen als Werbung auf dem Trikot trug.

Aegon entstand 1983 aus der Fusion von Ago und Ennia, im Jahr 1999 übernahm die Gesellschaft für 9,7 Milliarden Dollar Transamerica und wurde somit US-lastig. 2020 wurde Friese Nachfolger Wynaendts an der Aegon-Spitze. Er verkaufte das Niederlandegeschäft an ASR für fünf Milliarden Euro – einschließlich der Zentrale. Sie ist auch architektonisch bekannt, weil der Bau mit einem Bahnhof verschmolzen ist, dem Haager Vorstadtbahnhof Mariahoeve.

Aegon gesellt sich mit dem anstehenden Wegzug in den Reigen niederländischer Großunternehmen, die mit ihrem Sitz das Land verlassen. Der Konsumgüteranbieter Unilever und der Ölkonzern Shell, beides bis vor wenigen Jahren niederländisch-britische Unternehmen, haben jeweils ihren Niederlandesitz aufgegeben und residieren nur noch in London.

Der Kaffeehersteller JDE Peetʼs – eine Ikone über seine heimische Marke Douwe Egberts – verschwindet in seiner jetzigen Form im Wege einer US-Übernahme. Der Farbenhersteller Akzonobel hat angekündigt, mit dem amerikanischen Wettbewerber Axalta zu fusionieren, und wird zumindest die Börsennotiz alleine in New York ansiedeln.