Weckruf zum Besten von den Westen: Google-Legende Schmidt warnt Europa vor KI-Revolution

Mit einem Weckruf an Europa ist der ehemalige Google-Vorstandsvorsitzende Eric Schmidt zum Weltwirtschaftsforum nach Davos gereist. Europa müsse sehr schnell viele Milliarden Euro investieren, um ein auf quelloffener Software (Open-Source) basiertes Modell für die Künstliche Intelligenz (KI) zu schaffen. Dafür brauche es sehr viel Energie, die Europa derzeit nicht habe, und sehr viel Hardware, die auch, aber nicht nur in den Vereinigten Staaten eingekauft werden müsse.

Schaffe Europa diesen Schritt nicht, sei es absehbar, dass der Kontinent in die Abhängigkeit der sehr guten chinesischen KI-Modelle gerate, die kostenlos angeboten würden und ebenfalls auf Open-Source-Technologie basierten. Europa habe derzeit keine wirkliche KI-Strategie, während Amerika auf die Führerschaft in der Allgemeinen Künstlichen Intelligenz setze und China alles auf einmal schaffen wolle. Die einzige Säule, auf die sich Europa derzeit noch sicher stützen könne, sei die Ausbildung und Qualifikation seiner Talente, sagte Schmidt.

Schmidt verkörpert die Schnittstelle zwischen Macht und Innovation

Der 70 Jahre alte Schmidt ist bekennender Anhänger der Demokratischen Partei. Wer ihm heute begegnet, trifft nicht mehr den Manager, der Google einst an die Börse brachte. Man trifft einen Mann, der sich vom CEO zum Geostrategen gewandelt hat. Er ist die personifizierte Schnittstelle zwischen der wilden Innovationskraft der amerikanischen Westküste und harter Machtpolitik. In einer Zeit, in der Algorithmen über Kriege und Wahlen entscheiden, ist Schmidt vielleicht der einflussreichste Amerikaner, der kein politisches Amt bekleidet. Und er sieht jünger aus als jemals zuvor. Wie ihm das gelingt, wäre eine ganz andere Geschichte.

Dabei begann seine eigene Geschichte des beruflichen Aufstiegs eher bieder. Als er 2001 zu Google stieß, wurde er von den Gründern Larry Page und Sergey Brin als „Adult Supervision“ – als Erwachsenenaufsicht – installiert. Die Investoren trauten den genialen, aber chaotischen Gründern nicht zu, ein Weltunternehmen aufzubauen. Schmidt, der Ingenieur mit dem Doktortitel von Berkeley und der Erfahrung von Sun Microsystems und Novell, lieferte. Er professionalisierte das Chaos, ohne die Kreativität zu ersticken. Unter seiner Ägide wurde aus einer Suchmaschine der profitabelste Werbekonzern der Menschheitsgeschichte.

Schon vor seiner Zeit bei Google, sogar bei einer ersten Begegnung in den neunziger Jahren in der Düsseldorfer Novell-Zentrale, zeigte sich eine Eigenschaft, die ihn heute definiert: ein unerschütterlicher Glaube an die Technologie als Lösung aller Probleme, gepaart mit einer fast naiven Nonchalance gegenüber Datenschutzbedenken.

Schmidt wurde der Architekt eines neuen militärisch-industriellen Komplexes

Sein Satz von 2009 hallt bis heute nach: „Wenn Sie etwas tun, von dem niemand wissen soll, sollten Sie es vielleicht gar nicht erst tun.“ Der eigentliche Bruch in seiner Biografie – und der Grund, warum er heute relevanter ist denn je – erfolgte aber nach seinem Abschied von der Google-Spitze. Er erkannte früher als die meisten, dass der nächste große Konflikt nicht mit Panzern, sondern mit KI-Modellen ausgefochten wird. Als Vorsitzender der inzwischen nicht mehr exisitierenden „National Security Commission on Artificial Intelligence“ (NSCAI) wurde er zum lautesten Warner vor dem technologischen Aufstieg Chinas.

Schmidt ist zum Architekten eines neuen militärisch-industriellen Komplexes geworden, in dem Start-ups die Rolle übernehmen, die früher Boeing oder Lockheed Martin allein innehatten. Seine These ist simpel und brutal: Demokratien können nur überleben, wenn sie technologisch überlegen sind. Es ist kein Zufall, dass Schmidt bis zu dessen Tod eng mit dem Politiker Henry Kissinger zusammenarbeitete. Ihr gemeinsames Buch „The Age of AI“ war mehr als ein Bestseller. Schmidt will nicht nur verstehen, wie die Maschine funktioniert, sondern wie sie die Weltordnung verschiebt.

Für Europa ist Eric Schmidt ein unbequemer Gesprächspartner. Er schätzt den alten Kontinent, doch seine Geduld mit der europäischen Regulierungswut ist begrenzt. Wenn er über die Datenschutzverordnung DSGVO oder den „AI Act“ spricht, schwingt oft das mitleidige Lächeln des Praktikers mit, der sieht, wie sich Europa als Wettbewerber selbst fesselt, während China und die USA das Rennen unter sich ausmachen. Schmidt ist der Beweis dafür, dass es im 21. Jahrhundert keine Trennung mehr zwischen Wirtschaft und Sicherheitspolitik gibt. Er ist kein Visionär der Herzen, kein charismatischer Volkstribun der Tech-Szene. Er ist die Erwachsenenaufsicht – diesmal nicht für zwei Studenten, sondern für den Westen. Und er ist ein Warner für Europa.