„Wealth of Nations“: Was Adam Smith reichlich Wirtschaft und Kriegsführung sagte

Am 9. März 1776 erschien im Verlag Strahan und Cadell in London das damals in zwei Bänden verlegte Werk „An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations“ des schottischen Moralphilosophen Adam Smith. Das Werk, an dem Smith rund zehn Jahre gearbeitet hatte, begründete den Ruhm des Autors als eines ökonomischen Klassikers. Das bedeutete: Die (vermeintliche) Essenz des Werks verbreitete sich in wenigen Schlagworten, während sich nur wenige die Mühe machten, die voluminöse Untersuchung ernsthaft zu studieren.

Mit dem „Wealth of Nations“ wurde Smith zu einem Stammvater der modernen Volkswirtschaftslehre, der nach einer populären Wahrnehmung im Wesentlichen Eigennutz predigte, die Vorzüge der Arbeitsteilung pries und ansonsten auf die „unsichtbare Hand“ des Marktes vertraute. Die Wahrheit ist komplizierter. Vor wenigen Jahren hat die Theoriehistorikerin Karen Horn in den „Perspektiven der Wirtschaftspolitik“ anhand der neueren Forschungsliteratur die Vielschichtigkeit des Denkens Smith’ beschrieben, das sich nicht auf wenige Schlagworte reduzieren lässt. 250 Jahre nach dem Erscheinen des „Wealth of Nations“ setzt sich der vorliegende Beitrag ein bescheidenes Ziel. Er möchte prüfen, ob Smith der Gegenwart etwas zu den Themen Krieg und Frieden und der optimalen Ausgestaltung einer internationalen Handelsordnung zu sagen hat.

Staat muss äußere Sicherheit priorisieren

Das wichtigste Staatsziel ist für Smith die Wahrung der äußeren Sicherheit. „Verteidigung ist viel wichtiger als Reichtum“, schreibt er. „Die erste Pflicht des Herrschers, nämlich die Gesellschaft vor Gewalttaten und Angriffen anderer unabhängiger Gesellschaften zu schützen, lässt sich nur mit Hilfe von Streitkräften erfüllen.“ Smith argumentiert anhand eines einfachen Stufensystems der wirtschaftlichen Entwicklung, in dem die kriegerische Neigung mit dem Fortschreiten der Entwicklung nachlässt. Den modernen Geschäftsmann ziehe es nicht in einen Krieg, der für einen Ritter aus alten Zeiten, der nichts Sinnvolles zu tun wusste, immerhin eine Unterhaltung geboten hatte, folgert der Schotte.

Wirtschaftlich hoch entwickelte Gesellschaften müssen mit Eroberungsgelüsten weniger entwickelter, aber kriegerischer Gesellschaften rechnen, die dort ernten wollen, wo sie nicht gesät haben. In Smith’ anderem großen Werk, der „Theory of Moral Sentiments“, erklärt der Schotte die Neigung von Menschen für Autokratie und Tyrannei in weniger entwickelten Gesellschaften mit der Bewunderung der Mächtigen. Als Beispiel nennt er „östliche Prinzen“, die sich wegen der Bewunderung durch die Bevölkerung an der Macht hielten.

Um die bedrohten Menschen in den wirtschaftlich entwickelten Ländern sieht es nach Smith’ Ansicht dagegen schlecht aus. Weil sie sich die ganze Zeit mit der Mehrung materiellen Reichtums beschäftigten, würden sie „weibisch und feige“. Für den Theoriehistoriker Heinz D. Kurz erkennt Smith die Notwendigkeit, das öffentliche Gut „äußere Sicherheit“ in wirtschaftlich entwickelten Gesellschaften durch einen Staat zu organisieren, da die Bürger die Bedrohung unterschätzten.

Unterschied zwischen Miliz und Heer

Mochte in ferner Vorzeit Körperkraft für den Waffengebrauch genügen, verlangt Smith für seine Zeit eine Professionalisierung, da die „Kriegskunst“, „gewiss die edelste aller Künste“, höhere Ansprüche stelle. Um diese Kunst zur Vollkommenheit zu bringen, „muss sie die einzige oder hauptsächliche Beschäftigung einer eigenen Klasse von Bürgern werden, und die Arbeitsteilung ist für die Entwicklung dieser Kunst ebenso nötig wie für die jeder anderen.“

Smith unterscheidet zwischen zwei Heeresformen, die geeignet seien, „leidliche Vorkehrungen für den Schutz der Allgemeinheit zu treffen“. Das ist die Miliz, für die sich auch die Bezeichnung Volksheer eingebürgert hat, bei der eine sehr strenge Politik „ohne jede Rücksicht auf die Interessen, Anlagen und Neigungen der Bevölkerung militärische Übungen erzwingen und entweder alle Bürger im wehrfähigen Alter oder eine bestimmte Anzahl derselben verpflichten kann, in gewissem Maße das Soldatenhandwerk ihrem jeweiligen Gewerbe oder Beruf anzufügen“.

Die Alternative bildet das stehende Heer. Hier wird der Staat Bürger „zum Zwecke ständiger militärischer Übungen“ beschäftigen, um „das Soldatenhandwerk zu einem eigenen, von allen anderen gesondertem und unterscheidbarem Gewerbe zu machen“.

Arbeitsteilung in der Armee

Für eine wirtschaftlich hoch entwickelte Gesellschaft empfiehlt Smith – mit Einschränkungen – das stehende Heer. „Regelmäßigkeit, Ordnung und umgehenden Befehlsvollzug können sich nur Truppen angewöhnen, die in größeren Verbänden exerziert werden. „Eine Miliz kann noch so gedrillt und exerziert werden – hinter einem gut gedrillten und exerzierten Heer muss sie stets weit zurückbleiben.“ Wenn ein zivilisiertes Volk zu seiner Verteidigung auf eine Miliz angewiesen sei, müsse es jederzeit gewärtigen, von einem Barbarenvolk, das sich gerade in seiner Nähe befinde, erobert zu werden, fürchtet Smith. Allerdings könne eine in Schlachten mehrfach erfolgreiche Miliz die Schlagkraft eines stehenden Heeres erreichen, räumt er ein.

Smith sieht durchaus die Gefahr, die von einem sich vom Staat abwendenden stehenden Heer für die Freiheit ausgehen kann. Sie lasse sich neutralisieren, indem der Herrscher selbst den Oberbefehl übernehme und die vornehmsten Adligen und Landedelleute die höchsten Offiziere stellten, hofft er. „Die Aufstellung einer solchen Armee beinhaltet jedoch nicht nur eine Arbeitsteilung zwischen Soldaten und Zivilisten, sondern auch eine Trennung zwischen militärischen und zivilen Tugenden“, analysiert Kurz. „Dies hat potentiell negative Auswirkungen auf die innere Sicherheit der Gesellschaft und fördert nicht die Charakterentwicklung großer Teile der männlichen Bevölkerung.“ Daher schlägt Smith neben dem stehenden Heer auch die Aufstellung einer Miliz vor.

Außenhandel darf beschränkt werden

Da die äußere Sicherheit die Vorbedingung für jedes funktionierende Staatswesen bildet, befürwortete Smith in Ausnahmefällen Beschränkungen des Außenhandels aus verteidigungspolitischen Gründen. „Auf dieser Grundlage unterstützt Smith die britische Navigationsakte, die Subventionierung für die Fischerei und Handelsbeschränkungen zum Schutz bestimmter Bereiche der inländischen Produktion, die für die Verteidigung einer Gesellschaft erforderlich sind“, schreiben die Theoriehistoriker Reinhard Schumacher und Maria Pia Paganelli. Das Wort Navigationsakte steht für eine Reihe von Gesetzen zur Regulierung von Schifffahrt und Seehandel. Smith’ Unterstützung der Navigationsakte beschränkte sich allerdings auf Aspekte der Verteidigung; die in diesen Gesetzen auch behandelte Regulierung des Handels zwischen dem britischen Mutterland und den Kolonien bemängelte er.

Smith’ Meisterwerk steht im Ruf einer Auseinandersetzung mit dem damals herrschenden politischen und wirtschaftlichen Herrschaftssystem, das er als Merkantilsystem bezeichnete. Heute hat sich der Begriff Merkantilismus eingebürgert. Wesentliche Bestandteile dieses Denkens bilden die Überzeugung, dass die politische und militärische Macht eines Staates von seinem Reichtum abhängt, sowie ein Nullsummendenken, bei dem der Zuwachs an Reichtum eines Landes durch Außenhandel mit einem Verlust an Reichtum für ein anderes Land einhergeht. Gemessen wird der Reichtum eines Landes meist an den Edelmetallvorräten. Um sie zu maximieren, streben merkantilistische Herrscher nach Exportüberschüssen im Güterhandel, die von den Defizitländern mit Transfers von Edelmetallen bezahlt werden. Die Wirtschaftspolitik des Merkantilismus ist eine interventionistische, geprägt durch Exportsubventionen, Importbeschränkungen und die Vergabe von Monopolen an Unternehmen.

Freiheitliche Wirtschaftsordnung statt Merkantilismus

Für Smith ist der merkantilistische Interventionismus wegen seiner Beschränkung freier Märkte nicht nur wirtschaftsschädlich. Er bildet auch eine wesentliche Ursache des Unfriedens in der Welt. Das Streben nach Exportüberschüssen in einer Welt des Nullsummendenkens bringe Länder in Versuchung, „alle ihre Nachbarn an den Bettelstab zu bringen“, schreibt Smith. „Jedes Volk hat sich angewöhnt, den Aufschwung aller Völker, mit denen es Handel treibt, mit neidischem Blick zu betrachten und deren Gewinn als seinen eigenen Verlust anzusehen. Der Handel, der zwischen Völkern ebenso wie zwischen Einzelpersonen natürlich ein Band der Einheit und Freundschaft knüpfen sollte, ist zur ergiebigsten Quelle von Zwietracht und Hass geworden.“ Nichts sei der Ruhe in Europa im vergangenen Jahrhundert abträglicher gewesen als „der schamlose Neid von Kaufleuten und Gewerbetreibenden“ und ihrem Monopoldenken, die eine „gemeine Habsucht“ gefördert hätten. Die Politik vieler Staaten in seiner Zeit, darunter auch die des Britischen Weltreichs, sieht Smith durch die „gemeine Habsucht“ der Unternehmer beeinflusst.

Smith stellt dem merkantilistischen Denken seine Vorstellung einer freiheitlichen Wirtschaftsordnung entgegen. „Gibt man daher alle Systeme der Begünstigung und der Beschränkung auf, so stellt sich ganz von selbst das einzelne und einfache System der natürlichen Freiheit her“, betont er. „Solange der Einzelne nicht die Gesetze verletzt, lässt man ihm völlige Freiheit, damit er das eigene Interesse auf seine Weise verfolgen kann und seinen Erwerbsfleiß und sein Kapital im Wettbewerb mit jedem anderen oder einem anderen Stand entwickeln oder einsetzen kann.“

Außenhandel sorgt nicht unbedingt für mehr Frieden

Obgleich in Smith’ Welt die wirtschaftliche Vorteilhaftigkeit des Handels für alle Beteiligten die Düsternis des merkantilistischen Nullsummendenkens ablöst, kann er sich wie sein schottischer Zeitgenosse und Freund David Hume nicht uneingeschränkt der liberalen These von der Frieden schaffenden Wirkung des Außenhandels anschließen. Damit stehen Smith und Hume im Gegensatz zu dem französischen Philosophen Charles-Louis de Montesquieu, der wenige Jahrzehnte zuvor die These vertrat: „Die natürliche Wirkung des Handels führt zum Frieden. Zwei Nationen, die miteinander Handel treiben, machen sich voneinander abhängig. Wenn die eine ein Interesse am Kauf hat, hat die andere ein Interesse am Verkauf; und alle Zusammenschlüsse beruhen auf gegenseitigen Bedürfnissen.“

Smith stellt zwar für den Fall einer Abschaffung der Handelsbarrieren zwischen Großbritannien eine Vervielfachung des Handels zwischen den beiden Nationen in Aussicht. „Genau die Umstände aber, die einen offenen und freien Handel zwischen den zwei Ländern für beide so vorteilhaft gemacht haben würden, erweisen sich als die größten Hindernisse für diesen Handel“, bedauert der Schotte. „Als Nachbarn sind sie notwendigerweise verfeindet, und aus diesem Grunde werden Reichtum und Macht jedes der beiden für den anderen noch furchtbarer; und was den Vorteil nationaler Freundschaft vergrößern müsste, trägt nur dazu bei, die Glut nationaler Abneigung zu schüren.“

Diesen Gedankengang verallgemeinernd konstatiert Smith: „Der Reichtum eines Nachbarvolkes mag zwar im Krieg und für die Politik gefährlich sein, für den Handel ist er aber sicherlich von Vorteil. In Kriegszeiten kann er unseren Feinden ermöglichen, größere Flotten und Heere zu unterhalten; in Friedenszeiten aber und bei aufrechten Handelsbeziehungen muss er ihnen ebenso ermöglichen, mit uns mehr zu tauschen.“ Seine historischen Untersuchungen veranlassen den Autor zu dem Schluss, gegenüber der Antike seien die Kriege weniger brutal geworden, aber er erkennt keinen zwingenden Anlass für eine friedlichere Welt.

Finanzierung von Krieg über Schulden

Denn die Kosten eines Krieges werden in reichen Gesellschaften für viele Menschen weniger unmittelbar erlebbar, wenn im Zuge der Arbeitsteilung nur noch ein kleiner Teil der Bevölkerung in einem stehenden Heer kämpfen muss. Der Krieg kann dann sogar der Unterhaltung dienen: „In großen Reichen haben die Bewohner der Hauptstadt und die der Provinzen weitab vom Schauplatz des Geschehens vielfach kaum Unannehmlichkeiten durch den Krieg, sondern genießen in Ruhe das Vergnügen, in den Zeitungen von den Erfolgen ihrer eigenen Flotten und Armeen zu lesen.“

Und schließlich erleichtert die Staatsverschuldung die – im Vergleich zur Besteuerung, mit der moderne Staaten ihre Bürger vor den Kopf stoßen würden – scheinbar geräuschlose Finanzierung von Konflikten. „Durch das Borgen sind sie imstande, bei sehr mäßigen Steuererhöhungen von Jahr zu Jahr genug Geld aufzubringen, um den Krieg fortzuführen, und mit Hilfe der Fundierung auf immerwährende Zeiten sind sie imstande, mit der geringstmöglichen Steuererhöhung alljährlich die größtmögliche Geldsumme aufzubringen.“

Ricardo empfiehlt diversifizierte Handelsbeziehungen

David Ricardo, Smith’ wohl bedeutendster unmittelbarer Nachfolger als Wirtschaftsdenker, teilte das Plädoyer des Schotten für die freie Gesellschaft und die Vorteilhaftigkeit des Außenhandels, aber die Priorität der Verteidigung gegenüber dem Wohlstand lag ihm fern. „Ricardo schloss jede Wahl zwischen Verteidigung und Wohlstand aus“, schreiben die Ökonomen Neri Salvadori und Rodolfo Signorino. „Der Handel gibt potentiellen Feinden keine Waffen in die Hand, während ein durch Handel geförderter Reichtum Großbritannien mehr Mittel zur Führung von Kriegen in die Hand gibt.“

Gegen den von seinem häufigen Diskussionspartner Thomas Malthus vorgetragenen Einwand, ein offenes Land sei verwundbar, wenn es im Krieg vom Handel abgeschlossen würde, empfahl er eine Diversifizierung der Handelsbeziehungen eines Landes. Ricardos Zuversicht entstammte den Erfahrungen rund zwanzig Jahre währender Kriege Großbritanniens gegen Frankreich, in denen Napoleon Bonaparte vergeblich versucht hatte, die Britischen Inseln durch die sogenannte Kontinentalsperre auszuhungern. Doch selbst auf dem Höhepunkt von Napoleons Machtentfaltung besaß der französische Kaiser keine Kontrolle über alle europäischen Exporte, und dank seines Kolonialreiches unterhielt Großbritannien Handelsbeziehungen zu anderen Kontinenten.

Albert Hirschman, der erste bedeutende Geoökonom des 20. Jahrhunderts, stand Smith näher als Ricardo. In seinem Mitte der Vierzigerjahre erschienenen Pionierwerk „National Power and the Structure of Foreign Trade“ hielt er Ricardos Überzeugung, Diversifizierung des Handels sichere die Unverwundbarkeit, für den Spezialfall eines sehr großen Landes wie Großbritannien, das damals über ein riesiges Kolonialreich verfügte und dessen Marine die wichtigsten Wasserstraßen kontrollierte. Für kleinere Länder hielt Hirschman Abweichungen vom Freihandelsideal für notwendig, um die äußere Sicherheit zu garantieren. Er diskutierte die Unterhaltung großer Lager ebenso wie die Konzentration der Handelsbeziehungen auf nahe gelegene und befreundete Länder und auch die Potentiale von Handelskriegen etwa durch Sanktionen, Blockaden und Zölle.

Der heutige Einsatz solcher Instrumente hat eine Intensität erreicht, die sich Adam Smith vor 250 Jahren sicherlich nicht vorstellen konnte. Doch die Zeiten haben sich geändert: Das atomare Vernichtungspotential großer Mächte lässt Handelskriege zwischen Großmächten als Substitut für nicht mehr führbare militärische Konflikte erscheinen.